Je suis Charlie – ein Jahr danach Angst, Zwist und Mitarbeiternöte

Charlie Hebdo ist nach den Anschlägen zum Symbol der Meinungsfreiheit geworden. Die Zeitschrift steigerte ihre Auflage rasant und hat keine Geldnöte mehr. Dafür plagen Charlie Hebdo und ihre Mitarbeiter andere Sorgen.

„Charlie Hebdo hat Frankreich verändert“

Paris„Je suis Charlie“ - der Satz ging vor einem Jahr um die Welt und wurde zum Symbol für Meinungsfreiheit. Franzosen und Politiker aus dem Ausland nahmen an einem großen Friedensmarsch in Paris teil. Es sollte ein Symbol der Stärke sein und ein Zeichen gegen den Terrorismus setzen. Die kleine - und vorher im Ausland unbekannte - Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die Religionen und Institutionen auf die Schippe nimmt, wurde zum Inbegriff der Meinungsfreiheit nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt.

Vor den Anschlägen hatte Charlie Hebdo mit einer sinkenden Nachfrage gekämpft. Die Auflage lag bei gerade einmal 30.000 Exemplare, die Zeitschrift galt als altmodisch - dem Stil der 70er Jahre verhaftet. Zeichner Charb hatte einen Monat vor dem Anschlag sogar eine Petition lanciert und um Unterstützung gebeten.

Charb starb wie andere der bekannten Zeichner. Die Überlebenden brauchten viel Kraft, um weiter jeden Mittwoch 16 Satire-Seiten zu füllen.

„Chérie, je vais à Charlie“
Jubiläumsausgabe
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„Ein Jahr danach – der Mörder läuft noch immer frei umher.“ So betitelt die Redaktion von Charlie Hebdo die Ausgabe zum ersten Jahrestag der grausigen Anschläge im Januar 2015. Auf 32 Seiten ist ein detaillierter Bericht zu lesen, der laut „Spiegel Online“ eine allgemeine Kritik an „religiösem Totalitarismus“ ist: „Die wahre Geschichte des 7. Januar erzählt von denen, die die Kugeln der Brüder Kouachi erlebt und überlebt haben.“ Cherif Kouachi und sein Bruder Said haben den Anschlag verübt. Sie wurden wenige Tage nach ihrer Tat von der französischen Polizei erschossen.

„Alles ist vergeben“
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Die erste Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag im vergangenen Jahr: Die Karikaturisten zielten es in diesem Magazin unter anderem auf Islamisten und die Attentäter ab, ohne deren Namen zu nennen. Die Ausgabe war europaweit in den meisten Geschäften nach wenigen Minuten ausverkauft. Danach wurde die Auflage auf fünf Millionen erhöht. „Tout est pardonné“: „Alles ist vergeben“ heißt der Titel, darunter ist der Prophet Mohammed abgebildet mit dem Solidaritätsspruch „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“). Verantwortlich für diesen Titel war unter anderem der Zeichner Luz, der das Magazin hier ins Bild hält.

„Nous sommes tous juifs“
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Während die „Charlie Hebdo“-Täter auf der Flucht waren, gab es am 9. Januar 2015 eine Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris. Der Geiselnehmer handelte islamistisch motiviert und forderte, dass die Cherif-Brüder nicht polizeilich verfolgt werden. Bei der Stürmung wurden drei Polizisten verletzt und niemand getötet. Zu Ehren aller verstorbenen Menschen wurden vor dem Supermarkt Blumen und Botschaften niedergelegt. Der Spruch rechts heißt „Wir alle sind jüdisch.“

Weltweite Anteilnahme
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Nicht nur in Frankreich und Europa haben Menschen ihre Solidarität mit den Opfern des Terroranschlags bekannt sondern weltweit. Bei Twitter und in anderen sozialen Netzwerken wurde der Hashtag #JeSuisCharlie dafür benutzt. Zudem gingen Tausende im Januar auf die Straßen und demonstrierten gegen die Gewalt der terroristischen Milizen „Islamischer Staat“ und „al-Quaida“.

Das aktuelle Cover
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Das Titelbild der Jubiläumsausgabe in voller Größe: Seit dem Anschlag im vergangenen Jahr leitet der Karikaturist Laurent Sourisseau alias Riss gemeinsam mit dem Chefredakteur Gérard Biard das Magazin.

George und Maryse Wolinski
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George Wolinski war ein Karikaturist bei „Charlie Hebdo“ und wurde am 7. Januar 2015 getötet. Seine Frau Maryse Wolinski, Journalistin und Autorin, veröffentlicht genau ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes ein Buch über den Anschlag mit dem Titel „Cherie, je vais à Charlie“ („Schatz, ich gehe zu Charlie“). Laut Wolinski waren das die letzten Worte, die sie von dem berühmten Zeichner gehört hatte.

Der Horror war immer präsent, viele hatten die Leichen der Kollegen gesehen. „Zwischen psychologischen Therapiesitzungen kämpfte die Redaktion um ihr Überleben“, erzählte Chefredakteur Gérard Biard. Nicht aufgeben hieß die Devise. Nach dem Anschlag fand der Verlag erst in den Büros der befreundeten Tagezeitung „Liberation“ Unterschlupf, die scharf bewacht wurde. Seit einiger Zeit hat Charlie Hebdo wieder eigene Büroräume, die aber geheim gehalten werden.

Die erste Ausgabe nach dem Anschlag am 14. Januar 2015 war sensationell hoch: Sie lag bei acht Millionen Exemplaren. Geldsorgen hat Charlie Hebdo daher nicht mehr, die Gewinne sind hoch. Die Zeitschrift bekam außerdem insgesamt Spenden in Höhe von vier Millionen Euro, aus dem In- und Ausland. Das Magazin gab die Gelder dem französischen Staat, damit dieser sie an die Opfer verteilt.

Die Zahl der Abonnenten stieg von vorher 8000 auf 270.000 und ging dann wieder auf 180.000 zurück, zusätzlich am Kiosk verkauft werden 100.000. Insgesamt verfügt die Zeitschrift nun über ein Finanzpolster von 20 Millionen Euro. Doch die Millionen waren nicht nur ein Segen, es kam zu einem Zwist in der Redaktion. Einige Mitarbeiter verlangten mehr Mitspracherechte.

Sie fürchteten, dass sich die Aktionäre, darunter Zeichner Riss und Finanzdirektor Eric Portheault, das Geld in die Tasche stecken könnten, wie es schon mal passiert ist, als Charlie Hebdo nach einem spektakulären Islam-Titel im Jahr 2006 plötzlich viel Geld in der Kasse hatte. Karikaturist Luz verließ das ohnehin schon geschwächte Blatt.

Nach dem Tod der prominenten Zeichner fehlen Charlie Hebdo nun große Talente. Häufig kommt es zu Kritik an Karikaturen, wenngleich sie noch immer für Aufsehen sorgen. Der Vatikan kritisierte das Titelbild der Jubiläumsausgabe, die mit einer Auflage von einer Millionen Exemplare herauskam und forderte mehr Respekt für Religionen. Auf dem Cover steht „Ein Jahr danach: Der Mörder läuft noch“ . Darunter ist eine Gottesfigur mit Bart, Kalaschnikow und Blutspuren zu sehen. Auch muslimische Organisationen waren über die Titelseite empört.

„Wir müssen vorübergehend auf gewisse Freiheiten verzichten“
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