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Jörg Wuttke im Interview Merkels „Maskenmann“: „Lieferketten werden nach der Coronakrise anders aussehen“

Der Präsident der EU-Handelskammer beschafft in China aktuell Mundschutz im Auftrag der Bundesregierung. Er beobachtet dort schon erste Veränderungen.
08.04.2020 - 16:29 Uhr Kommentieren
Der Manager lebt seit über 20 Jahren in China. Quelle: imago/ZUMA Press
Jörg Wuttke

Der Manager lebt seit über 20 Jahren in China.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Berlin Jörg Wuttke kennt China in und auswendig – soweit man das für ein Riesenland überhaupt sagen kann. Wohl auch deshalb hat ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel beauftragt, im Reich der Mitte Atemschutzmasken im großen Stil für Deutschland aufzukaufen.

600 Millionen Stück wünscht sich die Kanzlerin insgesamt. „Wir kommen voran“, sagt Wuttke dem Handelsblatt. Der Präsident der EU-Handelskammer lebt seit zwei Jahrzehnten in China und erlebt jetzt gerade die Wiederauferstehung der chinesischen Wirtschaft aus dem Corona-Koma.

Dabei hat er festgestellt, dass einige ausländische Unternehmen nach dem Schock auf Distanz zu China gehen wollen. Die Risiken einer zu großen Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten werden jetzt deutlich höher eingeschätzt, berichtet Wuttke. „Die japanische Regierung will ihren Firmen sogar mit 200 Milliarden Yen helfen, die Abhängigkeit von China zu verringern“, sagt der Manager.

Nicht nur im medizinischen Bereich und in der Pharmaindustrie mache man sich Gedanken, die globalen Lieferketten künftig näher nach Europa umzuleiten. Auch die Kommunikationstechnik und die Batterieherstellung hätten schon vor der Pandemie als „strategische Bedeutung“ bekommen.

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    Wuttke ist skeptisch, ob China schon stark genug ist, um dem Rest der Welt wieder aus der Krise zu helfen. „Da China in den vergangenen Jahren etwa 40 Prozent des globalen Wachstums generiert hat, müssen alle ein großes Interesse daran haben, dass das Land schnell zu alter Stärke zurückfindet. Die Fabriken laufen langsam wieder an. Was fehlt, ist die Nachfrage“, sagt er. Und zwar nicht nur aus dem Ausland, sondern auch die chinesischen Konsumenten seien vorsichtiger geworden.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Wuttke, sie wurden diese Woche als der „Maskenmann“ Deutschlands beschrieben. Was machen Sie gerade in China?
    Wir und einige große deutsche Unternehmen wie VW, Daimler und Lufthansa sind seit zwei Wochen im Auftrag der Kanzlerin dabei, in China Masken zukaufen, ihre Qualität zu prüfen und sie nach Deutschland zu schicken. Das ist schon stressig.

    Um wie viel Masken geht es denn?
    Der Wunsch der Kanzlerin war 600 Millionen Stück, jedes Unternehmen hat etwa 100 Millionen aufs Auge gedrückt bekommen. Wir kommen gut voran und sind schon weit im zweistelligen Millionenbereich.

    Bei medizinischen Produkten sind die Engpässe besonders groß. Länder und Unternehmen versuchen aber auch in anderen Branchen ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Was hören Sie von den europäischen Unternehmen dazu?
    Das Risiko, von einer einzigen Bezugsquelle abhängig zu sein, wird jetzt deutlich höher eingeschätzt. Hier hat uns die Krise gelehrt, dass ein einziger Lieferant nicht die ideale Lösung ist. Vor allem koreanische und taiwanesische Unternehmen aus China wandern ab. Und die japanische Regierung will ihren Firmen mit 200 Milliarden Yen helfen, die Abhängigkeit von China zu verringern.

    Gibt es Absetzbewegungen quer über alle Branchen hinweg oder sind bestimmte Wirtschaftszweige besonders betroffen?
    Abwanderungsgedanken sind für die Automobil- und auch für die Chemieindustrie noch kein Thema. Hier sind die Absatzchancen nach wie vor riesig. Aber in anderen Sektoren, die aus europäischer Sicht jetzt eine größere strategische Bedeutung haben, sieht das anders aus. Das betrifft natürlich medizinische und Pharmaprodukte, aber auch Kommunikationstechnik und Batterieherstellung.

    Ist das ein neuer Trend oder verstärkt sich hier eine Absetzbewegung, die es schon vor der Pandemie gab?
    Die Coronakrise hat den Trend zur Abkoppelung noch einmal deutlich verstärkt. Schon vor der Krise haben sich einige Firmen aus Kostengründen anders orientiert. Und Trump hat mit seinem Handelskrieg allen gezeigt, wie riskant globale Wertschöpfungsketten sind. Vieles ist noch in der Schwebe, aber klar ist: Die Lieferketten werden nach der Krise anders aussehen als vorher.

    Betrifft das nur China als Ursprungsland des Coronavirus oder auch andere Länder?
    China ist am stärksten betroffen, auch deshalb, weil China die größte Fabrik der Welt ist. Als das Land unter der Pandemie im Januar und Februar in die Knie ging, hat der Rest der Welt gespürt, wie abhängig alle von Lieferketten aus China sind. Die Veränderungen, die sich jetzt abzeichnen, sind nicht nur temporär, sondern dauerhaft.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Gibt es umgekehrt auch in China Tendenzen, sich abzuschotten und weniger abhängig vom Ausland zu machen?
    China denkt schon seit den Attacken von US-Präsident Trump darüber nach, wie seine Wirtschaft unabhängiger werden kann. Die Idee der Selbstversorgung ist seit Maos Zeiten in der DNA dieses Landes und betrifft vor allem die technologische Unabhängigkeit. Die Regierung wird also versuchen, noch mehr Produktion nach China zu holen.

    Und gelingt ihr das?
    Wenn umgekehrt internationale Firmen abwandern, ist das schwierig. Womöglich hat die Krise den positiven Effekt, dass China seine Marktzutrittsschranken senkt, um ausländische Unternehmen bei der Stange zu halten.

    Kommt China wirtschaftlich wieder auf die Beine, und kann das Land damit womöglich den Rest der Weltwirtschaft mit aus der Krise ziehen?
    Da China in den vergangenen Jahren etwa 40 Prozent des globalen Wachstums erwirtschaftet hat, müssen alle ein großes Interesse daran haben, dass das Land schnell zu alter Stärke zurückfindet. Die Fabriken laufen langsam wieder an. Was fehlt ist die Nachfrage. Nicht nur aus dem Ausland, das ja noch tief in der Krise steckt.

    Und wie sieht es in China selbst aus?
    Auch viele Chinesen sind sehr vorsichtig geworden, weil mehr als zehn Millionen von ihnen ihren Job durch die Coronakrise verloren haben. Wir können daher nicht erwarten, dass der Konsum schnell wieder zurückkehrt. Das sieht man auch daran, dass der Dienstleistungsbereich mit Hotels und Restaurants immer noch tief in der Krise steckt. Tourismus gibt es praktisch nicht mehr, selbst Diplomaten haben Schwierigkeiten, ins Land zu kommen.

    Hat die chinesische Regierung die Pandemie im Griff?
    Persönlich hat man schon den Eindruck, dass sich das Leben normalisiert. Die Angst vor der Ansteckung lässt nach, auch wenn alle immer noch Masken tragen und überall die Temperatur gemessen wird.

    Herr Wuttke, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Hoffnung auf Erholung der chinesischen Märkte.

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