Judenfeindliche Schriften Frankreich hat ein Antisemitismus-Problem

Der Staat hat einen bekannten Antisemiten in einem offiziellen Jahrbuch geehrt. Erst nach der Auslieferung distanziert sich die Kultusministerin halbherzig und gibt einen Neudruck in Auftrag.
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Die französische Kulturministerin hat wegen ihres Vorworts zu einem Sammelband Probleme. Quelle: AFP
Françoise Nyssen

Die französische Kulturministerin hat wegen ihres Vorworts zu einem Sammelband Probleme.

(Foto: AFP)

ParisZum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit macht Frankreich mit einer erst nach heftigen Protesten aufgegebenen Ehrung eines glühenden Antisemiten von sich reden. Vor wenigen Tagen verzichtete der Verlag Gallimard nach scharfer Kritik einiger Medien und Persönlichkeiten auf den Nachdruck judenfeindlicher Pamphlete von Jean-Ferdinand Céline aus den 30er-Jahren. Am gestrigen Sonntag musste Kulturministerin Françoise Nyssen höchstpersönlich auf dem Absatz kehrt machen. In den offiziellen „Sammelband des nationalen Gedenkens 2018“, der mit ihrer Empfehlung samt Vorwort gedruckt wurde, hatte auch der Nationalist und Antisemit Charles Maurras aus Anlass seines 150. Geburtstages Eingang gefunden.

„Ich hoffe, dieser Band wird viel gelesen.“ schrieb Nyssen in ihrem Geleitwort. Ob sie selber das Buch mal in die Hand genommen hat, bevor sie ihr Vorwort schrieb oder schreiben ließ? Man kann nur daran zweifeln. Denn der 1952 verstorbene Monarchist war einer der schlimmsten antisemitischen Scharfmacher, die Frankreich je gekannt hat. Die katholische Kirche fand ihn so abstoßend, dass sie ihn vom Empfang ihrer Sakramente ausschloss. Die Verfasser des Gedenkbuches dagegen würdigten Maurrass als „großen Polemiker“. Ohne die Kritik der Medien wäre es dabei geblieben.

Der von einem Professor der Sorbonne verfasste Text lässt nicht die geringste Distanz erkennen. Maurras wird da zur „emblematischen Figur“ eines „in Frankreich wie im Ausland anerkannten Schriftstellers.“ Der Professor schwadroniert über den „kulturellen Einfluss“ Maurras‘ und seiner Partei. Lediglich „seinen Gegnern“ sei er nach dem Krieg 1945 als „schlechter Lehrmeister“ erschienen. Kein Wort verliert der Professor über Maurras‘ Antisemitismus. Ohne die Kritik der Medien, vor allem des „Obs“, wäre es bei dieser Lobhudelei geblieben.

Die Kulturministerin ließ die Debatte drei Tage lang an sich ablaufen. Am Sonntag gab sie bekannt, der Almanach werde neu gedruckt, diesmal ohne Maurras. Dessen Aufnahme habe „Anlass zu Missverständnissen“ gegeben. Es sei natürlich nicht ihre Absicht gewesen, Maurras zu feiern, sondern auch an die „dunklen Stunden Frankreichs“ zu erinnern. In der Werbung für den Almanach heißt es dagegen ganz unmissverständlich, es gehe um „hundert Geburtstage, die im Namen der Nation gefeiert werden.“

Missverständnisse sind ohnehin das Letzte, was einem bei Maurrass einfällt. Der glühende Rassist und Nationalist drückte sich hinreichend klar aus. Als Gründer der rechtsradikalen „Action Francaise“ war er kein Mann, dem ab und zu eine doppeldeutige Formulierung unterlief. Hass auf die Juden zu verbreiten war sein Lebenselixier. Er war ein Bluthetzer, der zum Mord aufrief. An den Innenminister Abraham Schrameck adressierte er 1925 einen offenen Brief: „Sie sind ein Nichts. Sie sind der Jude. Ihre Rasse, eine degenerierte jüdische Rasse, hat sie jetzt damit beauftragt, in Frankreich die Revolution zu organisieren. Monsieur, sie bereiten sich darauf vor, ein großes Volk ans Messer zu liefern und den Kugeln ihrer Komplizen auszusetzen, deshalb hier unsere Antwort: Wir werden Sie totschlagen wie einen Hund.“

Man fragt sich, was den Autoren des Almanachs durch den Kopf ging, als sie diesen Freund der Nazis und Unterstützer des Vichy-Regimes für ein nationales Gedenken vorschlugen. Bei einem Teil der französischen Eliten sind offenbar die intellektuellen Dämme weggebrochen, die den Rassenhass zurückdrängen. Das wurde bereits bei der Auseinandersetzung um die Frage deutlich, ob der Verlag Gallimard die antisemitischen Pamphlete von Céline nachdrucken könne.

Der Verlag machte geltend, man wolle das Gesamtwerk des Schriftstellers, der bis zu seinem Tod ein Judenhasser blieb, der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die judenfeindlichen Texte Célines haben zwar keinerlei literarischen Wert und sie sind ohne Probleme im Internet nachzulesen. Céline selber hatte außerdem vor seinem Tod verfügt, sie dürften nicht mehr gedruckt werden. Aber Gallimard überzeugte seine 104 Jahre alte Witwe, das Verbot zu umgehen. Der Verlag wollte ein gepflegte gedruckte Ausgabe, sozusagen den Antisemitismus mit Goldschnitt.

Es ist diese Haltung der gezielten Relativierung des Rassismus, die einen ratlos macht. Das Unterscheidungsvermögen für das, was geht und was nicht geht, wo die Schwelle zur Verharmlosung oder gar Begünstigung des Antisemitismus überschritten wird, ist in Teilen der französischen Gesellschaft verschwunden. Symptomatisch dafür ist auch, dass der Skandal um Maurrass nur wenige Medien interessierte. Eine große Beliebigkeit macht sich breit. Erinnerungskultur wird zum Fremdwort. Der Wille Frankreichs, sich wirklich ernsthaft mit den „dunklen Stunden der Nation“ auseinanderzusetzen, war in den vergangenen Jahren ausgeprägt. Man sah es an zahlreichen Hinweisen auf die Kollaboration, doch sich in TV-Sendungen oder Ausstellungen fanden. Doch mittlerweile scheint dieser Wille zu erlahmen.

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