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Jüdische Bevölkerung Aus Sorge wird Angst

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Ungarn: Antisemitismus nimmt zu

Das Land der Magyaren tut sich schwer im Umgang mit dem Antisemitismus. Das hat einen guten Grund. Die antisemitische Partei Jobbik ist eine starke politische Kraft. Die im Parlament vertretenen Rechtsextremisten kommen in Ungarn nach vergangenen Meinungsumfragen auf knapp 15 Prozent. Insbesondere in der akademischen Jugend findet Jobbik Rückhalt.

Doch auch die rechtspopulistische Regierung unter Premier Viktor Orbán treibt jüdischen Bürgern Sorgenfalten ins Gesicht. Denn der Regierungschef, der im Budapester Parlament über eine Zweidrittel-Mehrheit verfügt, setze auf Nationalismus und nicht auf Multikulturalität lautet der Vorwurf. „In Ungarn empfinden die Überlebenden die Geschichtsrevision im Parlament und auf den Straßen als dreisten Versuch, sich der eigenen Verantwortung bei der Deportation der Juden aus Ungarn nach Auschwitz zu entziehen“, sagt Christoph Heubner, Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitee.

Antisemitismus hat in Ungarn eine historische Tradition. Am Ende des Zweiten Weltkriegs regierten die sogenannten Pfeilkreuzler, eine faschistische Marionettenregierung der Deutschen. Damit begann die systematische Deportation und Ermordung der Juden. In Budapest wurden damals zwei Ghettos eingerichtet, eines im traditionell jüdischen Viertel Elisabethstadt und ein anderes in Neu-Leopoldstadt. 600 000 Juden aus Ungarn wurden ermordet. An der Budapester Donaupromenade erinnern Schuhe aus Eisen an den Winter 1944. Damals mussten die jüdischen Opfer ihre Schuhe sorgsam ausziehen und wurde dann von den Faschisten erschossen. Ihre Leichen trieben in der Donau.

Als Bundeskanzlerin Angel Merkel Anfang Februar erstmals seit den Amtsantritt Orbáns im Jahr 2010 das EU-Land besuchte, forderte sie nicht nur mehr Toleranz. Bei ihrem sechsstündigen Besuch nahm sie sich explizit Zeit zum Besuch der größten Budapester Synagoge. Antisemitismus sei in Ungarn systematisch, er präge den Alltag und einen Großteil der Kultur, sagten die Holocaust-Überlebenden Éva Pusztai und Ágnes Bartha der Bundeskanzlerin im Hof der Synagoge. András Heisle vertraute der Kanzlerin an, man habe den Eindruck, dass der traditionelle Antisemitismus zunehme. Der Grund: Vertreter der Regierungspartei Fidesz würden den Antisemitismus tolerieren.

Orban hingegen hatte auf einer Gedenkfeier auf einen jüdischen Friedhof zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erstmals die Mittäterschaft Ungarns am Massenmord an die europäischen Juden anerkannt. „Wir waren ohne Liebe und unentschlossen, als wir hätten helfen sollen“, sagte der Premier in Budapest. „Und sehr viele Ungarn haben sich zum schlechten Handeln entschlossen statt zum guten, zu beschämenden Aktionen statt zu ehrenwerten.“ Endlich eine klare Position oder ein raffiniertes Doppelspiel? Darüber streiten die Ungarn, wie so oft, wenn es um die Politik ihrer Regierung geht.

Hans-Peter Siebenhaar, Wien

Österreich: Antisemitismus ist keine Frage der Vergangenheit
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