Jugend im Nahen Osten Besser gebildet als je zuvor und der Heimat verbunden

Trotz aller Krisen in der Arabischen Welt blicken junge Menschen in der Region optimistisch in die Zukunft. Dabei sind viele von den Umbrüchen enttäuscht und desillusioniert. Zuversicht und Halt finden sie anderswo.
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Die Untersuchung widmet sich allen wichtigen Lebensbereichen der jungen Menschen in der Arabischen Welt und schaut auf Lebensbedingungen, Bildung und das soziale Umfeld. Quelle: dpa
Studie zu Jugend im Nahen Osten

Die Untersuchung widmet sich allen wichtigen Lebensbereichen der jungen Menschen in der Arabischen Welt und schaut auf Lebensbedingungen, Bildung und das soziale Umfeld.

(Foto: dpa)

TunisObwohl sich die die Arabische Welt in einer fundamentalen Krise und Umbruchsituation befindet, blickt die Mehrzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Nahen Osten und Nordafrika zuversichtlich in die Zukunft. Trotz wirtschaftlicher Benachteiligung, fehlender politischer Beteiligung und einem allgegenwärtigen Gefühl von Unsicherheit sehen rund 65 Prozent der jungen Generation die Zukunft optimistisch, wie es in einer groß angelegten Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) heißt. Statt auf die Politik vertrauten immer mehr Jüngere auf traditionelle Werte wie Familie und Religion.

„Als junger Mann bin ich gezwungen, hart zu arbeiten“, erzählt etwa ein 26-jähriger Palästinenser, der in der Studie Samit genannt wird. „Die Zukunft ist unklar und instabil, doch ich hoffe auf bessere Bedingungen.“ Die umfassende Untersuchung widmet sich allen wichtigen Lebensbereichen der jungen Menschen in der Arabischen Welt und schaut auf Lebensbedingungen, Bildung und das soziale Umfeld. Trotz des generellen Optimismus in der Zukunft beschäftigen die jungen Menschen aber aktuell auch viele Probleme.

„Es besteht kein Zweifel, dass die Umstände, die unsere Leben heute bestimmen, härter sind als jemals zuvor“, zitieren die Autoren der Studie eine 17-jährige Schülerin mit Namen Sara aus Ägypten. „Ich glaube, die früheren Generationen hatten im Vergleich zu uns ein angenehmeres Leben.“ Die Zeiten seien stabiler gewesen, heute sei das Leben von instabilen Bedingungen geprägt und einem Verlust an Sicherheit, berichtet die Schülerin. Der 29-jährige Muatas aus dem Kairoer Vorort Giseh ergänzt: „Gegenwärtig hat die Jugend keine Ansprüche, denn wir finden keine Arbeit. Wie können wir also eine Familie gründen, leben, essen, trinken? Wir sind überhaupt nicht sicher.“

Im Sommer und Winter 2016/2017 wurden den Autoren zufolge knapp 9000 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren für die Studie „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“ befragt. Die Umfragen und Interviews wurden in acht Ländern im Nahen Osten und Nordafrika durchgeführt, darunter Marokko, Tunesien, Ägypten, Bahrain und Jemen. Nach UN-Angaben sind rund 30 Prozent der Menschen in der Arabischen Welt zwischen 15 und 29 Jahren alt. Die Studie wurde in Zusammenarbeit der FES, mehrerer Forschungszentren und Meinungsforschungsinstitute im Nahen Osten und der Universität Leipzig erstellt.

Die größten Krisenherde der Welt
Syrien
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Der Syrien-Krieg ist der wohl schlimmste Konflikt der Gegenwart. Eine friedliche Lösung ist noch nicht in Sicht. Die Unruhen haben im Frühjahr 2011 mit Protesten gegen den Staatspräsidenten Assad begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstranten wehrten sich gegen die Unterdrückung durch das Regime und forderten mehr Freiheit. Seitdem kämpfen Anhänger der Regierung, die Opposition und auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ um die Macht im Land. Mittlerweile sind bei dem Konflikt schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Knapp zwölf Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Irak
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Die Terrormiliz Islamischer (IS) Staat hat immer noch Teile des Irak unter ihrer Kontrolle. Die Befreiung des Landes vom IS ist laut dem dortigen UN-Gesandten Jan Kubis allerdings nicht mehr weit entfernt. Militäreinsätze gegen den IS würden „in der eher nahen absehbaren Zukunft“ zu einem Ende kommen, sagte Kubis vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Die Tage der Terrororganisation seien gezählt. Das Land ist seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 destabilisiert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass alleine im vergangenen Jahr knapp 7000 Zivilisten durch den Krieg ums Leben gekommen sind. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

Afghanistan
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Im Jahr 2001 sind die USA in das Land einmarschiert, um das Terrornetzwerk Al-Kaida auszulöschen und die Taliban von der Macht zu vertreiben. Doch die beiden Gruppen töten weiter. Afghanistan steckt immer noch tief in der Krise. Mit rund 11.500 Toten und Verletzten hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 3498 Zivilisten getötet und 7920 verletzt worden. Das sind etwas mehr als im Vorjahr. Unter anderem haben die Anschläge der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) deutlich zugenommen: Die Opferzahl durch IS-Angriffe hat sich im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht. Insgesamt gingen 61 Prozent der zivilen Opfer den Vereinten Nationen (UN) zufolge auf regierungsfeindliche Gruppen, wie die radikalislamischen Taliban und den IS zurück. Laut UN gab es zunehmend Selbstmordattentate etwa in Moscheen.

Ukraine
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Die Ostukraine erlebt derzeit die schwersten Gefechte seit Monaten. Innerhalb einer Woche sind in den Reihen der Regierungstruppen und der prorussischen Separatisten jeweils mehr als 15 Kämpfer getötet worden. Manche Beobachter sehen die Schuld bei Russland. Mit einer gezielten Eskalation durch die moskautreuen Separatisten wolle Russland die Reaktion der neuen US-Regierung testen, heißt es. Andere machen die Ukraine verantwortlich. Kiew wolle die Aufmerksamkeit des Westens wieder auf den Konflikt lenken und zudem eine mögliche Lockerung der westlichen Sanktionen gegen Russland verhindern, heißt es. Seit Beginn der Aufstände im Jahr 2014 sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens knapp 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

Nigeria
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Die Islamistengruppe Boko Haram sorgt in Nigeria seit dem Jahr 2011 für Terror. Ihr Ziel ist es, einen eigenen Islamischen Staat zu gründen, dazu ermordet sie Christen und Muslime. Militärisch hat Nigeria die Boko Haram zurückgedrängt. Doch die sunnitschen Extremisten führen immer noch Anschläge im Nordosten des Landes aus. Mehr als zwei Millionen Nigerianer sind vor der Gewalt geflohen und leben in Flüchtlingslagern, wie zum Beispiel hier in Maiduguri. Im Nordosten des Landes sind den Vereinten Nationen zufolge fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, rund zwei Millionen von ihnen gelten bereits als mangelernährt.

Mali
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er Norden Malis und die angrenzenden Gebiete der Sahelzone sind ein Rückzugsgebiet für Rebellen und islamistische Terroristen. Seit dem Sturz der Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré im März 2012 herrscht Chaos im Land. Neben Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) sind die Terrorgruppen Ansar Dine und Al Mourabitoun in dem Land aktiv. Die Islamisten zwingen der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Städten eine fundamentalistische Form der Scharia auf. Zuletzt gab es auch vermehrt Anschläge im Zentrum des Landes. Zuletzt sind am 18. Januar mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 15.000 UN-Blauhelmsoldaten und Polizisten bemühen sich um eine Stabilisierung des Landes. Deutschland beteiligt sich mit rund 500 Bundeswehrsoldaten an dem Einsatz - bald sogar mit bis zu 1000 Soldaten.

Südsudan
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Die jüngste Nation der Welt steht auf der Kippe. Das Land stürzte Ende 2013 in einen blutigen Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stehen die Anhänger von Präsident Salva Kiir, auf der anderen die seines früheren Stellvertreters Riek Machar. Der Streit hat auch eine ethnische Komponente. Die beiden Männer gehören den beiden größten Volkgruppen des Landes, den Dinka und den Nuer, an. Die Vereinten Nationen warnen vor einem Völkermord. Etwa 13.000 Blauhelmsoldaten bemühen sich um eine Stabilisierung des ostafrikanischen Landes, die Entsendung von weiteren 4000 ist schon beschlossen. Der Ende 2013 ausgebrochene Konflikt hat Zehntausende Menschenleben gefordert; knapp drei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der Gewalt. Nach UN-Angaben haben rund 4,8 Millionen Menschen - also etwa jeder dritte Südsudanese - nicht genug zu essen.

Viele der Befragten schätzen der Studie zufolge die Entwicklungen in ihren Ländern nach den Umbrüchen 2011 inzwischen negativ ein. Statt um politische Themen wie Meinungsfreiheit gehe es den meisten jungen Menschen um die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse und um Gewaltfreiheit. Politiker werden überwiegend als unzuverlässig und korrupt angesehen. Ein junger Mann aus Marokko wird mit den Worten zitiert: „Politik in Marokko ist größtenteils eine Farce, Parteien können nichts verändern. Die Programme aller Parteien sind identisch.“

Selbst in Ägypten und Tunesien – das als Musterland des sogenannten Arabischen Frühlings gilt – sprechen sich nur noch knapp über 50 Prozent der befragten jungen Menschen für ein demokratisches System aus. In Marokko, Jordanien und im Jemen sind es sogar nur etwas mehr als 20 Prozent der Befragten. Stattdessen wünschen sich auch viele einen starken Mann an der Spitze des Staates oder präferieren, wie in Jordanien (18 Prozent) oder dem Jemen (17 Prozent), einen religiösen Staat auf der Grundlage der Scharia.

Die derzeitigen autoritären Machtstrukturen in der Mehrzahl der Länder verhinderten, dass die jungen Menschen ihre Talente und ihr Wissen in die Gestaltung der Gesellschaft wirksam einbringen könnten, so die Studienautoren. Die enttäuschten Hoffnungen der Umbrüche führten dazu, dass knapp zehn Prozent fest zur Migration entschlossen seien. Die Menschen seien hin- und hergerissen zwischen immer wieder auftauchenden Abwanderungsgedanken und der Verbundenheit mit ihren Familien und ihrer Heimat.

Denn gefragt nach den Werten, die den jungen Menschen in der Arabischen Welt wichtig sind, antwortete ein Großteil: die Familie. Hinzu komme die Religion, wie die 28-jährige Afrah aus dem kriegsgeschüttelten Jemen erzählt: „Obwohl ich in harten Zeiten mit psychologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen lebe, vertraue ich auf Gott, dass solche Krisen ein Ende finden und wir die Korruption besiegen und eine bessere Zukunft haben werden.“ So sehen die Autoren auch einen leichten Anstieg der Religiosität im Vergleich zu der Zeit vor dem sogenannten Arabischen Frühling.

Eine der wichtigsten Werte für die meisten Jugendlichen stelle die Religion dar. „Während die Generation der 1960er-Jahre an die staatlichen Utopien glaubte und von der wirtschaftlichen Prosperität profitierte, ist die heutige Generation in ihrem Sozialaufstieg blockiert“, schreibt der Marburger Universitätsprofessor Rachid Ouaissa vom Centrum für Nah- und Mitteloststudien. „Die zu beobachtende Präsenz der Religion bei den Jugendlichen scheint eine Art Ersatz für die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten zu sein.“

Religion diene demnach aber nicht mehr politischen oder ideologischen Zwecken, sondern sei für das individuelle Wohlergehen wichtig. Spiritualität werde zum Fluchtort und zur Hoffnungsgeberin einer Welt, die kulturell, politisch, ökonomisch und sozial durcheinandergeraten sei. Ouaissa folgert daraus: „Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt.“

Trotz aller negativen Entwicklungen und Probleme, mit denen die Arabische Welt derzeit kämpft, interpretieren die Autoren der Studie die Ergebnisse als positiv. Die Ergebnisse der Untersuchung zeichneten das Bild einer Jugend, die besser gebildet sei als jemals zuvor, die sich ihrer Heimat stark verbunden fühle, die über eine positive Lebenseinstellung verfüge und die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen und sich gesellschaftlich zu engagieren.

  • dpa
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3 Kommentare zu "Jugend im Nahen Osten: Besser gebildet als je zuvor und der Heimat verbunden"

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  • Herr Holger Narrog

    "Was die FES Stiftung gleichfalls nicht erwähnt ist, dass Selbstkritik und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten keine Stärke in diesen Ländern ist."

    Mein Eindruck ist, dass man für eine solche Erkenntnis Deutschland nicht verlassen muss. Oder kennen Sie hier einen selbstkritischen Politiker an den Schalthebeln der Macht?

  • Heimatverbunden? Echt?

    Dann können sie ja in ihrer Heimat bleiben - samt ihrer Familien.

  • Die Erkenntnisse der FES Stiftung deckt sich für die Mittelschicht weitgehend mit eigenen Beobachtungen. Die Familien haben sehr grosse Anstrengungen (Kosten) übernommen um den Söhnen eine gute Ausbildung, z.B. Privatschulen, zu spendieren.

    Der islamische Glauben ist heutzutage dominant gegenüber nationalen und anderen ideologischen Gedanken. Sie suchen die Regeln des Islam allen Mitmenschen auch mit Gewalt aufzuzwingen. Dabei würden die jungen Menschen faszinierenderweise am liebsten in nicht-islamischen Staaten, Kanada (für Tüchtige/Gebildete) und Deutschland (für solche mit weniger Initiative) leben.

    Die Unsicherheit ist ein ständiger Begleiter des Lebens in den arabischen Ländern. Die Menschen stehen über dem Gesetz, d.h. sie kümmern sich nicht um Verkehrszeichen, oder geschriebene Verträge, die Staatsdiener bei ihren Entscheidungen auch nicht unbedingt um Regeln und Gesetze. So kann jeden Tag alles passieren. Interessant ist das Eigentum weitgehend respektiert wird.

    Eine Schwäche der FES Stiftung, der westlichen Stiftungen und der Qualitätsmedien ist, dass diese die häufig englisch sprechende Mittelschicht betrachten. Diese ist eine kleine Minderheit und nicht repräsentativ.

    Die grosse Mehrheit der Menschen in den Nicht- Erdölländern, Ägypten, Syrien.. ist nach unseren Massstäben völlig ungebildet und hat wenig Antrieb dies zu ändern.

    Was die FES Stiftung gleichfalls nicht erwähnt ist, dass Selbstkritik und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten keine Stärke in diesen Ländern ist.

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