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Kampf gegen den Alkohol Ankara ruft die letzte Runde aus

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Demonstranten gegen Kuss-Verbot wurden attackiert


Das neue Gesetz peitschte die Regierung im Eilverfahren in einer Nachtsitzung durchs Parlament. AKP-Politiker argumentieren, in vielen anderen europäischen Ländern gebe es ähnliche oder sogar noch weitergehende Beschränkungen, wie etwa in Skandinavien. Oppositionspolitiker sprechen dagegen von einem „religiösen, ideologischen Diktat“. Die Regierung wolle „die Gesellschaft nach ihren eigenen Glaubensgrundsätzen umformen“, klagt Musa Cam von der laizistischen Republikanischen Volkspartei CHP.

Sie steht in der Tradition des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, der in den 1920er Jahren die strikte Trennung von Staat und Religion festschrieb – ein Grundsatz, der unter Erdogan aber mehr und mehr aufgeweicht wird. Das islamische Kopftuch ist auf dem Vormarsch, nachdem es Erdogan auch an den Universitäten legalisierte. Die staatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines (THY) stellte den Ausschank alkoholischer Getränke nicht nur bei Inlandsflügen sondern inzwischen auch auf mehreren Auslandsrouten ein – wegen „mangelnder Nachfrage“, wie es offiziell heißt. Die Flugbegleiterinnen der Gesellschaft sollen künftig lange Röcke tragen. Ein Lippenstift-Verbot für die Stewardessen musste THY-Chef Temel Kotil kürzlich nach negativen Schlagzeilen im Ausland allerdings zurücknehmen.

Als am vergangenen Wochenende etwa 300 junge Leute in Ankara mit einem öffentlichen „Kiss-In“ gegen ein Kussverbot in den U-Bahn-Stationen der Hauptstadt protestieren wollten, wurden sie von einer Horde fanatischer Islamisten mit Messern und dem Schlachtruf „Allah Akbar“, Gott ist groß, attackiert. Auch Künstler bekommen zu spüren, dass es gefährlich ist, sich mit den Islamisten anzulegen: Der weltberühmte türkische Pianist und Komponist Fazil Say wurde jetzt zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er sich in einem Kommentar auf Twitter über strenggläubige Muslime mokiert hatte, die Wasser predigen, aber Raki trinken.

Für viele weltlich orientierte Türken geht es bei dem Alkohol-Streit um viel mehr als ein Glas Wein zum Essen oder ein kühles Bier nach Feierabend. Es geht um die Rolle der Religion in Staat und Gesellschaft, um den Weg des Landes im Spannungsfeld zwischen dem islamischen Orient und dem säkularen Westen, um die Freiheiten seiner Bürger. Die Alkohol-Kontroverse eskaliert zum Kulturkampf – erst recht, seit Erdogan jetzt auf die Trinkgewohnheiten des Republikgründers Atatürk anspielte. In der Rede vor seiner Parlamentsfraktion stellte der Premier eine rhetorische Frage: Verdiene denn ein Gesetz, das auf den Geboten der Religion beruhe, weniger Respekt als die bisherige Alkohol-Gesetzgebung, die auf „zwei Trinker“ zurückgehe?

Viele Türken glauben zu wissen, wen Erdogan meinte: Von Atatürk weiß man, dass er Agnostiker war und dem Raki zusprach, dem traditionellen türkischen Anisschnaps – wohl über die Maßen, denn der erste Präsident der türkischen Republik starb 1938 im Alter von 57 Jahren an Leberzirrhose. Mit dem zweiten „Trinker“ könnte Erdogan Atatürks engen politischen Weggefährten und Nachfolger Ismet Inönü (1884-1973) gemeint haben, obwohl man über dessen Trinksitten weniger weiß. Alkohol wurde 1920 in der Türkei verboten. Das Land folgte damit dem Vorbild der ein Jahr zuvor in den USA und einigen skandinavischen Ländern eingeführten Prohibition. 1924, ein Jahr nach der Ausrufung der Republik durch Atatürk, wurde das Verbot aber wieder aufgehoben.

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