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Kampf um Tory-Parteivorsitz Boris Johnson bleibt TV-Debatte fern – Rivalen debattieren mit leerem Pult

In der ersten TV-Debatte der Tory-Kandidaten für den Parteivorsitz bekam Außenseiter Rory Stewart den größten Applaus. Favorit Johnson fehlte – und wurde dafür attackiert.
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Großbritannien: Boris Johnson bleibt TV-Debatte fern Quelle: AP
Boris Johnson

Brexit-Wortführer Boris Johnson blieb der Debatte fern – mit der Begründung, bei so vielen Kandidaten drohe eine „Kakophonie“.

(Foto: AP)

LondonDer Kampf um die Nachfolge von Theresa May wird härter. In einer TV-Debatte trafen am Sonntagabend fünf der sechs Kandidaten erstmals vor einem nationalen Publikum aufeinander. Neunzig Minuten debattierten sie vor allem über eine Frage: Wie sie den Brexit doch noch liefern können.

Der Favorit allerdings glänzte durch Abwesenheit. Brexit-Wortführer Boris Johnson blieb der Debatte fern – mit der Begründung, bei so vielen Kandidaten drohe eine „Kakophonie“. Der Sender Channel 4 wollte ihm das nicht einfach durchgehen lassen: Er stellte trotzdem ein Pult für Johnson auf. Wenn Johnson es sich im Laufe des Abends noch anders überlege, könne er jederzeit ein Taxi nehmen und herkommen, sagte Moderator Krishnan Guru-Murthy.

Außenminister Jeremy Hunt nutzte die Gelegenheit für einen Seitenhieb auf seinen Vorgänger. „Wo ist Boris?“, fragte er nach einer halben Stunde. „Wenn sein Team ihn nicht einmal zu fünf freundlichen Kollegen rauslässt, wie wird er sich mit 27 EU-Ländern auseinandersetzen?“

Johnson hatte kalkuliert, dass er durch eine Teilnahme an der Debatte nichts zu gewinnen habe. Er liegt im parteiinternen Wettbewerb scheinbar uneinholbar vorn. In der ersten Abstimmungsrunde in der konservativen Unterhausfraktion hatte er vergangene Woche 114 von 313 Stimmen erhalten, weit mehr als Hunt (43), Umweltminister Michael Gove (37), Ex-Brexit-Minister Dominic Raab (27), Innenminister Sajid Javid (23) und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart (19).

Die zweite Abstimmungsrunde findet am Dienstag statt. Wer dann weniger als 33 Stimmen hat, scheidet aus. In weiteren Runden wird die Schwelle immer höher gelegt, bis nur noch zwei Kandidaten übrig sind. Aus diesen beiden Finalisten wählen die 160.000 Parteimitglieder den neuen Parteivorsitzenden, der auch Premierminister wird.

Johnson gilt für das Finale als so gut wie gesetzt. Die fünf anderen Bewerber kämpfen nun um den zweiten Platz.

Quelle: Reuters
Rory Stewart

1. Rory Stewart

Den größten Applaus vom Studiopublikum erhielt Rory Stewart. Mit nur 19 Unterstützern ist er der Außenseiter, doch er kämpft mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein. Vor der TV-Debatte hatte er am Sonntag bereits in der BBC-Talkshow „Andrew Marr“ Präsenz gezeigt und sich im LBC-Talkradio von Nigel Farage, dem Chef der Brexit-Partei, interviewen lassen. Der 45-Jährige ist auch in den sozialen Netzwerken omnipräsent: Er sucht im ganzen Land das Gespräch mit den Bürgern auf der Straße und stellt dann kurze Videos ins Netz.

Auf seinen Reisen durch das Land spüre er große Wut, sagte er. Er versprach, nie etwas zu versprechen, was er nicht halten könne. Als Einziger schloss er einen ungeordneten Brexit aus, weil dieser „kompletter Unfug“ wäre. Während alle seine Rivalen in Brüssel nachverhandeln wollen und letztlich mit einem No Deal drohen, will er den dreimal abgelehnten Ausstiegsvertrag endlich durch das Parlament bringen. Das sei der einzige realistische Weg, sagte er. Die Europäer würden nicht nachverhandeln.

Sein Plan, um die Blockade im Parlament zu lösen, klingt allerdings auch abwegig: Er will Ende Juli aus einem Pool von 50.000 Briten eine repräsentativ zusammengesetzte Bürgerversammlung auswählen. Binnen drei Wochen sollen sie zu einer Brexit-Lösung kommen, über die dann das Parlament abstimmen soll. Stewart glaubt, so ließe sich doch noch ein Konsens für den Ausstiegsvertrag herstellen.

Quelle: Reuters
Dominic Raab

2. Dominic Raab

Der frühere Brexit-Minister versuchte, den abwesenden Spitzenreiter Johnson als Brexit-Hardliner noch zu übertreffen. Er sei der einzige Kandidat, der garantiere, dass das Land die EU am 31. Oktober verlasse, sagte Raab. Notfalls würde er auch einen ungeordneten Brexit in Kauf nehmen. Eine weitere Verzögerung würden die Wähler den Konservativen nicht verzeihen. Eine entschlossene Regierung könne den Brexit durchsetzen – auch gegen das Parlament.

Mit dieser Position stand er allein. Javid sagte, nur ein Diktator würde den Brexit gegen den Willen des Parlaments durchsetzen. „Man setzt Demokratie nicht durch, indem man sie zerstört“, sagte der Innenminister.

Quelle: Reuters
Jeremy Hunt

3. Jeremy Hunt

Auch der Außenminister erklärte, er werde das Brexit-Paket nachverhandeln. Sollten die Europäer Großbritannien nicht entgegenkommen, würde er „schweren Herzens“ einen ungeordneten Brexit anstreben. Sein Ziel aber sei es, diesen zu verhindern. Er wiederholte mehrfach, dass er der erste Unternehmer in der Downing Street wäre und in seinem Beruf täglich verhandelt habe.

Bereits am Morgen hatte Hunt der BBC gesagt, der irische Backstop müsse geändert werden. Die Europäer seien verhandlungsbereit, das merke er in seinen Gesprächen mit den Partnern. Es sei nicht unmöglich, bis zum 31. Oktober eine Lösung zu finden. Hunt scheute aber davor zurück, sich auf das Datum festzulegen. Er werde im Oktober auf der Grundlage der dann vorhandenen Möglichkeiten entscheiden, welchen Kurs er einschlagen wolle, sagte er.

Quelle: Reuters
Michael Gove

4. Michael Gove

Der Umweltminister war von vielen bereits abgeschrieben worden, nachdem er vor zehn Tagen eingeräumt hatte, als junger Journalist Kokain geschnupft zu haben. Doch in der ersten Abstimmungsrunde war er immerhin Dritter geworden. Und nun präsentierte er sich als erfahrenster Kandidat für die Downing Street. Auf die Frage, wieso er glaube, in Brüssel mehr zu erreichen als Theresa May, sagte Gove, er habe seine Durchsetzungsfähigkeit immer wieder bewiesen. „Ich habe den Referendumswahlkampf gegen alle Wahrscheinlichkeit gewonnen“, brüstete er sich.

Weil die Rivalen ihre Verhandlungskünste so demonstrativ herausstellten, bemerkte Stewart spitz, das Problem mit dem Brexit sei dieser „Wettbewerb des Machismo“. Jeder wolle sich als der härteste Verhandler darstellen. Er selbst sei realistisch. „Sie werden keinen anderen Deal aus Europa bekommen“.

Ein Zuhörer aus dem Publikum fragte, wie die Tories, die Partei der Unternehmer, ernsthaft einen ungeordneten Brexit erwägen könnten. Daraufhin sagte Gove, man sei die Partei der Wirtschaft, aber auch die Partei der Demokratie. Ein ungeordneter Brexit werde Turbulenzen mit sich bringen, „aber wir sind ein großartiges Land, und wir werden damit klarkommen“.

Quelle: dpa
Sajid Javid

5. Sajid Javid

Der Innenminister versuchte vor allem, mit seiner persönlichen Geschichte zu punkten. Als einziger der sechs Kandidaten, die noch im Rennen sind, hat er nicht in Oxford studiert. Der Sohn pakistanischer Einwanderer betonte, wie er sich mit Hilfe des Staates selbst hochgearbeitet habe, und wie er der Botschafter eines neuen multikulturellen Großbritanniens sein könne. Zum Brexit vertrat er die gleiche Position wie Hunt und Gove. Auch konnte er sich den Hinweis nicht verkneifen, dass er als Banker viele Milliardendeals verhandelt habe.

Fazit: Zum Debattengewinner kürten viele Kommentatoren anschließend Stewart. Seine Taktik, sich als Gegenpol zu den Brexit-Hardlinern Johnson und Raab zu inszenieren, ging auf. Er konnte auch ein paar neue Unterstützer gewinnen. Es ist allerdings fraglich, ob das für den zweiten Platz im Finale ausreicht. Johnson wird hoffen, dass Stewart die Abstimmungsrunde am Dienstag nicht übersteht. Denn am Dienstagabend ist die nächste TV-Debatte, diesmal mit Johnsons Beteiligung.

Mehr: Der ehemalige britische Außenminister hangelt sich von einer kritischen Aussage zur nächsten. Als Landeschef würde er nur Chaos anrichten. Ein Kommentar.

Brexit 2019
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