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Bayraktar TB2

Nahostexperten bezeichnen die Drohnen von Bayraktar als „neuen Standard einer Revolution in der Kriegsführung“.

(Foto: Anadolu Agency/Getty Images)

Kampfdrohnen Wie ein junger türkischer Waffen-Unternehmer einen Konflikt mit Russland provoziert

Der Schwiegersohn von Staatschef Erdogan baut unbemannte Drohnen. Nach erfolgreichen Einsätzen beim türkischen Militär will er sie in alle Welt verkaufen – auch an Länder, die sie gegen Russland einsetzen könnten.
15.06.2021 - 14:43 Uhr Kommentieren

Istanbul Selcuk Bayraktar hatte eigentlich nur einen Traum: Er wollte Flugzeuge bauen. Doch nun ist mehr daraus geworden, viel mehr. Der 41-jährige türkische Jungunternehmer hat sein Heimatland, die Türkei, in die Lage versetzt, in möglichen Kriegen bessere Karten zu haben. Und er hat es geschafft, zugleich einen großen Nachbarn zu verärgern. Russland.

Bayraktar, der Schwiegersohn von Staatschef Recep Tayyip Erdogan ist, baut unbemannte Flugobjekte, sogenannte Drohnen. Mithilfe dieser Kampfflugzeuge hat das türkische Militär zuletzt Konflikte in Aserbaidschan und Libyen für sich entscheiden können. Jetzt exportiert die Firma ihre Drohnen in alle Welt – sehr zum Unmut von Russlands Staatschef Wladimir Putin.

Denn auf diesem Gebiet sind Putin und Erdogan nicht Freunde, sondern Kontrahenten, ihre Länder stehen im Wettbewerb um Kriegsgeschäfte und Machtverhältnisse. Die Eiszeit zwischen Ankara und Moskau, die jüngste Drohnengeschäfte ausgelöst haben, brachte der russische Außenminister Sergej Lawrow kürzlich gerade noch so auf eine diplomatische Formulierung. „Wir haben heftige Differenzen mit Ankara bei einer Vielzahl internationaler Themen“, erklärte Lawrow in einem Fernsehinterview im Mai.

Nahostexperten wie Charles Lister bezeichnen die Drohnen von Bayraktar als „neuen Standard einer Revolution in der Kriegsführung“, ähnlich dem russischen Maschinengewehr AK-47 im 20. Jahrhundert.

Die Türkei habe damit anderen Ländern gezeigt, dass sie Russland ohne die Hilfe der USA und der westeuropäischen Mächte eingrenzen kann, analysiert der türkische Politikwissenschaftler und Journalist Ömer Özkizilcilik. „Das fügt Moskaus strategischen Kalkulationen ein neues Element hinzu.“

Auch der Westen ist besorgt

Dass die Flugobjekte effektiv sind, hat Russland vor anderthalb Jahren am eigenen Leib erfahren müssen. Nachdem mehr als 30 türkische Soldaten durch einen Luftangriff in Nordsyrien ums Leben gekommen waren, führte das türkische Militär einen fünftägigen Kampfeinsatz in dem Gebiet aus, allerdings ohne einen einzigen Soldaten in das Gebiet zu entsenden.

Trotzdem zerstörte das Militär Hunderte bewaffnete syrische und russische Fahrzeuge, darunter russische Pantsir-S1-Luftabwehrsysteme, ließ Waffendepots hochgehen und tötete nach eigenen Angaben mindestens 2500 syrische Regimesoldaten – alles per Drohne. Russische Soldaten kämpfen in Syrien an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad.

Auffällig ist, wie die türkische Führung die Einsatzfähigkeit der Drohne zur Schau stellt. Quelle: Imago
Bayraktar-Drohne im aserbaidschanischen Baku

Auffällig ist, wie die türkische Führung die Einsatzfähigkeit der Drohne zur Schau stellt.

(Foto: Imago)

In Libyen zudem hat die Türkei das Blatt im Konflikt zwischen der UN-gestützten Regierung und den von Russland unterstützten Rebellen von General Haftar mit ihren Drohnen gewendet. Damit hat Ankara der Welt gezeigt, dass selbst ein Schwellenland militärische Erfolge gegen eine Großmacht herbeiführen kann – dank der Kampfdrohnen von Bayraktar.

Das hat anderen kleinen Ländern imponiert – insbesondere denen, die sich latent bedroht sehen. Nicht nur die Ukraine hat längst zugelangt und türkische Drohnen gekauft, sondern auch Polen. Das Nato-Land will 24 Drohnen vom Typ Bayraktar TB2 kaufen, inklusive Trainingseinheiten und Infrastruktur am Boden.

Der lettische Vize-Premierminister Artis Pabriks war Anfang Juni mehrere Tage in Ankara, um politische Gespräche zu führen. Ablichten ließ er sich auch bei einem Besuch bei Bayraktar. Auf die Frage, wann das lettische Militär in den Genuss der türkischen Kampfdrohnen käme, antwortete Pabriks auf Twitter: „Hoffentlich bald.“

Ankara protzt mit Einsatzvideos

Laut dem US-Analysten Michael Doran sind außerdem Kasachstan sowie Ungarn und Rumänien an den Drohnen interessiert; allesamt Länder aus der ehemaligen oder gewünschten Einflusssphäre des Kreml. Hinzu kommen Länder wie Marokko und Katar, die bereits zu den Kunden des türkischen Militär-Start-ups zählen.

Auffällig ist auch, wie die türkische Führung die Einsatzfähigkeit der Drohnen zur Schau stellt. Regelmäßig veröffentlichen das Verteidigungsministerium in Ankara oder der Staatssender TRT Videos im Fernsehen oder auf Social-Media-Kanälen. Darauf zu sehen ist meist eine Luftaufnahme von einem fahrenden Geländewagen, einem Waffendepot oder von fliehenden Rebellen. Kurze Zeit später sieht man eine Explosion, dann endet das Video.

Die Türkei habe im Zeitalter der sozialen Medien Pionierarbeit bei der Nutzung von Drohnen geleistet, indem sie Videos der Drohnen schnell über Social-Media-Konten verbreiteten, erklärt Aaron Stein, Forschungsdirektor am Foreign Policy Research Institute in den USA. „Die Videos füttern das Narrativ über die Wirksamkeit türkischer Drohnen und ihre Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld und verstärken Ideen über die Zukunft von Kriegen.“

Dieser innovative Einsatz von Kriegspropaganda ist die stärkste Lehre aus den jüngsten Konflikten der Türkei und werde wahrscheinlich von zukünftigen Drohnennutzern kopiert, vermutet Stein. Der Einsatz von Drohnen für Geheimdienste, Überwachung, Aufklärung und Kriegspropaganda ist nicht ganz neu. „Aber die Türkei hat ihn auf ein neues Niveau gehoben und zeigt, wie Länder strategische Effekte erzielen und das internationale Interesse an Waffenverkäufen steigern können.“

Nicht nur die Interessenten solcher Drohnen schauen sich diese Videos an, sondern auch die Gegner. Längst sorgt sich der Kreml darüber, dass die türkischen Drohnen das Blatt in der Ostukraine wenden können, wo vom Kreml unterstützte Söldner die Provinzen Luhansk und Donezk besetzt halten. Auch Lettland, das sich historisch vom großen Nachbarn bedroht sieht, könnte die Kampfdrohnen nutzen, um Russlands Interessen in der Region wirkungsvolles Kriegsmaterial entgegenzusetzen.

27 Stunden Flugdauer, 9000 Meter Flughöhe

Die russische Regierung ist entsprechend verärgert darüber, wie sich die Administration aus Ankara in Kernfelder russischer Außenpolitik einmischt. „Die türkischen Drohnen haben Russland umzingelt“, schlussfolgert der US-amerikanische Analyst Michael Doran.

Aber auch in den USA steigt das Misstrauen gegenüber den unbemannten Fliegern. „Die USA sind wie viele europäische Partner misstrauisch gegenüber den Drohnenexporten der Türkei und der aggressiven Art und Weise, wie die Türkei Drohnen in Konflikten einsetzt“, sagt Dan Gettinger, Forscher am Mitchell Institute for Aerospace Studies.

Das militärische Niveau der Drohnen kann sich sehen lassen. Das jüngste Modell Bayraktar TB2 ist ein taktisches unbemanntes Luftfahrzeug mit einer Flugdauer von 27 Stunden und einer maximalen Flughöhe von bis zu 27.000 Fuß, über 9000 Meter.

Verglichen mit der amerikanischen MQ-9 ist die TB2 mit vier lasergelenkten Raketen leicht bewaffnet. Ihr funkgesteuertes Gerät begrenzt ihre Grundreichweite auf etwa 200 Meilen, etwa ein Fünftel des Bodens, den die MQ-9 abdecken kann. Dafür kosten die türkischen Drohnen ein Zehntel dessen, was die USA verlangen.

Ismail Demir, Chef der Unterstaatsbehörde für Militärbeschaffung in Ankara, fasst es so zusammen: „Wenn du eine, zwei, drei verlierst, ist es egal, solange andere ein Ziel finden.“

Mehr: Die Türkei setzt auf Deutschland als letzten geopolitischen Partner

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