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Klimapioniere – Teil 10 Ein australischer Milliardärssohn trotzt der Klimaskepsis seiner Regierung

Premierminister Abbott setzt weiter auf fossile Brennstoffe. Gemeindeprojekten ist es zu verdanken, dass der Markt für erneuerbare Energien wächst.
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Lediglich 12,2 Prozent der gesamten Stromerzeugung entstammt aus erneuerbaren Ressourcen. Quelle: Urs Wälterlin
Windkraftanlage in Australien

Lediglich 12,2 Prozent der gesamten Stromerzeugung entstammt aus erneuerbaren Ressourcen.

(Foto: Urs Wälterlin)

Sydney Es begann mit einem Dieselgenerator. „Ich sollte auf den Rinderfarmen unserer Familie eine Million Euro sparen. So viel gaben wir pro Jahr für Diesel aus, um Wasserpumpanlagen zu betreiben“, sagt Simon Holmes à Court. Mit Sonnenkraft betriebene Anlagen waren die Lösung. Und das Thema Sonne und Wind ließ Holmes à Court nicht mehr los.

Der 47-Jährige ist alles andere als ein typischer „Grüner“: Als Sohn des ersten Milliardärs Australiens, Robert Holmes à Court, hätte er seinem Vater folgen können. Der „Corporate Raider“ hatte Beteiligungen, die sich von Kohle und Erdöl über Wein bis zu Rinderfarmen erstreckten.

Robert starb 1990 überraschend, als Simon 18 Jahre alt war. Er hinterließ seiner Frau Janet und den Kindern ein Vermögen – und Land: Das Familienunternehmen Heytesbury kontrolliert über 2,5 Millionen Hektar Boden und einige der größten Farmen Australiens.

Das Unternehmen exportiert Rinder in die Nachbarländer. Ohne Simon allerdings: „Ich wollte die Lebendtransporte nicht mehr rechtfertigen“, sagt er. Er ließ sich seinen Anteil am Familienvermögen auszahlen. Seine Einstellung zu Geld: „Bau dir die Welt, die du willst.“

Und Simon Holmes à Court baute eine Welt der Nachhaltigkeit. Als er nach fünf Jahren als Softwareentwickler im Silicon Valley in die Heimat zurückkehrte, errichtete er zunächst ein mit Solarstrom betriebenes Haus. „Wir waren außerhalb von Melbourne, weit weg vom öffentlichen Stromnetz“.

Doch wieder standen ihm Dieselkanister im Weg: Seine Familie musste den fossilen Brennstoff als Back-up-Stromquelle nutzen. „Ich spielte mit dem Gedanken, eine kleine Windturbine zu installieren, als ich zufällig auf einen Dänen traf, der von großen Windparks schwärmte“, erklärt Holmes à Court.

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Der Handwerker aus Europa habe ihm gezeigt, wie kooperative Windparksysteme in Dänemark und Deutschland funktionierten. „Von diesem Augenblick an wollte ich eine von der Gemeinde kontrollierte Windfarm bauen.“ Sieben Jahre später – und zwei Windturbinen produzierten mehr Strom, „als alle 2.000 Häuser in der Region in einem Durchschnittsjahr brauchten“.

1.900 Anteilseigner – etwas mehr als die Hälfte von ihnen Anwohner – beteiligten sich am Windpark mit Aktienpaketen im Wert zwischen 100 australischen Dollar (61 Euro) und 1,5 Millionen Dollar (910.000 Euro). Zu diesem Startkapital von insgesamt 9,7 Millionen australischen Dollar kamen staatlichen Zuschüsse und ein Bankkredit.

Die kleine, aber bis heute erfolgreich laufende „Hepburn Windfarm“ gilt als Vorreiter für Alternativenergie-Anlagen, die von Kommunen initiiert wurden. Solche Projekte lösten eine Art australische „Energiewende“ aus.

Trotz jahrelangen Widerstands der mit der Kohleindustrie verbundenen konservativen Regierungen erfreuen sich Wind- und Solarenergie heute eines bemerkenswerten Wachstums. Wenn der Trend anhalte, könne das Land bis 2025 die Hälfte seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen decken, rechnen Experten der Australien National University in Canberra vor.

Der 47-Jährige setzt sich für mehr Nachhaltigkeit im australischen Energiemarkt ein.
Simon Holmes à Court

Der 47-Jährige setzt sich für mehr Nachhaltigkeit im australischen Energiemarkt ein.

Vorerst stammen noch fast 60 Prozent der landesweit produzierten Elektrizität aus Kohlekraftwerken, gefolgt von Gas mit 19 Prozent. Nicht zuletzt wegen der starken Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen gehören Australier pro Kopf zu den höchsten C02-Emittenten der westlichen Welt.

Doch Sonne und Wind holen rasch auf: Inzwischen tragen erneuerbare Stromquellen zwölf Prozent zum Energiemix bei, wobei Wasserkraft mit sieben Prozent noch den größten Anteil hat. Doch Solar- und Windprojekte holen auf. Anlagen im Gesamtwert von etwa 20 Milliarden australischen Dollar wurden 2018 gebaut oder geplant – längst nicht mehr nur durch Genossenschaften und Gemeinden, sondern durch große, auch internationale Unternehmen.

Trotzdem bleiben Gemeinde-Projekte wichtig – besonders im Solar-Bereich. Bis März 2019 pumpten über zwei Millionen Solaranlagen auf Hausdächern und in Vorgärten eine Gesamtleistung von 12.035 MW ins Netz. Davon waren 4.068 MW allein in den letzten zwölf Monaten installiert worden.

Anfang 2019 befanden sich auch 59 große Solarprojekte mit einer Gesamtleistung von 2881 MW entweder im Bau oder in der Endphase der Planung. Immer mehr gemeindeeigene Anlagen arbeiten auf der Basis, dass sie den Strom an einen einzelnen Abnehmer verkaufen, etwa einen Industriebetrieb, ein Krankenhaus oder ein Gefängnis.

Diese Entwicklung ist mehr als bemerkenswert. Denn seit der Machtübernahme der Konservativen im Jahr 2013 versucht die von der Kohleindustrie auch finanziell unterstützte Koalitionsregierung, die Expansion der Erneuerbaren zu drosseln. Kurz nach Amtsantritt reduzierte der neue Premierminister Tony Abbott ein seit 2001 angestrebtes Ziel der Schaffung von 41.000 GWh aus erneuerbaren Quellen bis 2020 auf 33.000 GWh.

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Die Wahl des bekennenden Klimawandelskeptikers („Klimawissenschaften sind Mist“) machte international Schlagzeilen – und die von ihm verordnete Abschaffung eines erfolgreichen, von Labor eingeführten CO2-Handelssystems führte schließlich zu einem Kollaps der Investitionen in Erneuerbare-Projekte.

Bloomberg New Energy Finance schätzte damals, dass im Jahr 2015 nur noch knapp 200 Millionen australische Dollar in den Sektor geflossen waren. Vier von zehn Arbeitsplätzen in der Industrie gingen verloren.

Den Widerstand der Konservativen gegen eine klimafreundliche Politik erklärt Holmes à Court, inzwischen Erneuerbare-Berater einer Universität in Melbourne und prominenter Kritiker der Regierung von Premierminister Scott Morrison, so: Die Tatsache, dass der Vorstoß in erneuerbare Energien früher mehrheitlich von progressiver Seite erfolgte – dem politischen Gegner also –, löse bei vielen Konservativen bis heute eine automatische Gegenreaktion aus.

Dabei seien die Investitionen in erneuerbare Energien in mehrfacher Hinsicht sinnvoll, sagen Experten. Ohne drastische Abkehr von Kohle drohe Australien seine Klimaziele nicht einhalten zu können. Das Land will seine Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2005 nur um bescheidene 26 Prozent reduzieren. Doch das sei zu wenig, um die Pariser Ziele einhalten zu können, sagen Wissenschaftler. 

Schon allein aus wirtschaftlichen Gründen scheint ein Richtungswechsel zu Sonne und Wind logisch. Als Folge der jahrelangen Unsicherheit über die Richtung der Energiepolitik zahlen Australier die höchsten Strompreise der westlichen Welt.

Energieministerium will neue Kohlekraftwerke bauen

Viele Kohlekraftwerke sind am Ende ihres Betriebslebens. Die Kapazitätslücken, die ihre Abschaltung hinterlässt, könnten um einiges kosteneffizienter mit erneuerbaren Energieträgern gefüllt werden als durch den Bau neuer, teurer Kohlebrennöfen, sagen Experten wie der Wirtschaftsprofessor Ross Garnaut.

Trotzdem will Energieminister Angus Taylor nicht ausschließen, wenn nötig den Steuerzahler zur Kasse zu bitten, um ein neues Kohlekraftwerk zu bauen. Kohle sei der einzige Garant für die Grundlaststromversorgung, „wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst“, so Taylor.

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass ein solider Mix von erneuerbaren Energieträgern und Batteriespeicherung solche Sorgen unbegründet erscheinen lässt. 2017 baute Tesla in Südaustralien das damals größte Batteriesystem der Welt. Das Projekt zeigte auch Zweiflern, was möglich ist, wenn Politik und Erneuerbare-Industrie Hand in Hand arbeiten.

Experten glauben, dass Australien seinen gesamten Strombedarf spätestens 2050 aus Erneuerbaren decken und mehrheitlich auf Kohle zur Elektrizitätserzeugung verzichten könnte. Doch Simon Holmes à Court hat eine größere Vision: „Ich hoffe auf 200 Prozent“, sagt er.

Australien solle im „Outback“, im kaum besiedelten Inland, in gigantischen Wind- und Solaranlagen Strom produzieren und über ein Unterwasserkabel ins energiehungrige benachbarte Asien exportieren. „Das ist um einiges sinnvoller und nachhaltiger, als klimaschädigende Kohle in alle Welt zu verschiffen, wie wir das heute tun“.

Mehr: New York gibt beim Klima den Ton in den USA an. Lesen Sie hier den neunten Teil unserer Serie „Klimapioniere“

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