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Klimawandel und prekäre Beschäftigung Wachstumswunder Australien droht die Wirtschaftskrise

Die australische Konjunktur wächst und wächst – seit 27 Jahren. Das ist Weltrekord. Doch Klimawandel und wachsende soziale Unterschiede bedrohen den Erfolg.
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350 nationale und regionale Gesetze schränken laut einer Studie potenziell die demokratischen Rechte und Freiheiten in Australien ein. Quelle: dpa
Australien

350 nationale und regionale Gesetze schränken laut einer Studie potenziell die demokratischen Rechte und Freiheiten in Australien ein.

(Foto: dpa)

SydneyAustralien, das „wirtschaftliche Wunderland“. So feiern Ökonomen seit Jahren den Kontinent am Ende der Welt. Zwischen den Finanzjahren 1991/92 und 2017/18 wuchs die australische Wirtschaft im Durchschnitt um 3,2 Prozent. 27 Jahre ununterbrochenes wirtschaftliches Wachstum – ein Weltrekord.

Bis Ende Juni stieg das BIP im Vorjahresvergleich um 2,8 Prozent, im Jahr davor waren es noch 2,1 Prozent. Die Arbeitslosenquote beträgt etwas mehr als fünf Prozent, die Inflationsrate etwa zwei Prozent. Gleichzeitig ziehen die Investitionen an und die Exporte boomen. „Was kann die Welt von Australien lernen?“, fragte das Londoner Blatt „Economist“ in einem im Oktober erschienenen Artikel über das Land Down Under.

Die Antwort: viel. Denn Australien war einst ziemlich mutig. Durch radikale Reformen baute sich das Land in den 80er- und 90er-Jahren ein neues Fundament. Unter Labor-Premierminister Bob Hawke wurde der Wechselkurs freigegeben, ebenso die Kontrolle über Zinsen und Gehälter. Die Regierung deregulierte das Finanzsystem und baute Zollschranken ab.

Privatisierungen und Beschränkung von Sozialleistungen

Ende der 90er-Jahre wurden unter dem konservativen Premierminister John Howard die öffentliche Leistungen abgebaut und das „Familiensilber“ verkauft. Die einst staatseigene Commonwealth Bank, der Flughafen Sydney und der Telekommunikationsunternehmen Telco Telstra werden heute an der Börse gehandelt.

Als am Schwarzen Montag im Oktober 1987 erstmals nach dem zweiten Weltkrieg die Börsen auf dem gesamten Globus absackten, traf es auch Australien. Doch die Folgen belasteten das Land nur kurzfristig – das hatte auch mit Glück zu tun. „Lucky Country“ – „das glückliche Land“, hatte der Poet Donald Horne seine Heimat einst genannt. Australien scheint das Glück in den richtigen Momenten zu finden.

Denn kaum hatte die Rezession zu wirken begonnen, startete eine spektakulären Immobilienhausse. Und als Jahr 2000 ein wirtschaftlicher Rückschlag abzeichnete, kam der nächste Boom. Die Welt – allen voran ein rapide wachsendes China – konnte von australischem Eisenerz, Kohle, Gold und Kupfer nicht genug bekommen.

Auch bei dem Crash von 2008 war Australien das einzige westliche Land, das einer Rezession entkam. „Die Amerikaner kehrten erst 2013 wieder zu einem Lebensstandard vor der Rezession zurück, wir schon 2010“, schreibt der Politiker und frühere Wirtschaftsprofessor Andrew Leigh.

Australische Banken seien kaum exotischen Investitionen ausgesetzt gewesen. Zudem begrenzte ein sofort eingeleitetes wirtschaftliches Stimulierungsprogramm die Schäden. Und die Nachfrage nach Bergbauprodukten riss nicht ab: Australien konnte einfach weitergraben und die Rohstoffe nach China schicken.

Inzwischen hat jedoch der Boom der Realität Platz gemacht. Denn China drückt auf die Wachstumsbremse. Doch die globale Rohstoffnachfrage flacht noch immer nicht ab. Im Jahr 2018 exportierte Australien bis Juli Mineralien im Wert von 220 Milliarden australischen Dollar (136 Milliarden Euro) – 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Analysten sagen Australien weitere goldene Zeiten voraus. Laut dem Internationalen Währungsfonds soll das BIP zwischen 2019 und 2023 durchschnittlich um 2,8 Prozent wachsen – die höchste Rate unter den führenden Industriestaaten.

So mag erstaunen, dass sich viele Australier in Umfragen immer wieder als verunsichert und sogar unglücklich bezeichnen. Verschiedene australische Kommentatoren warnen, dass die Glückssträhne bald enden könnte. „Heute sieht unsere Wunderwirtschaft nicht mehr so wunderbar aus“, schrieb Andrew Leigh jüngst.

Unterbeschäftigung als „fatales Problem“

Kritiker weisen auf mehrere Problemherde hin, die sich wie „ein Krebs durch das Verbindungsgewebe der australischen Gesellschaft fressen“, so eine Sozialkommentatorin. Die Arbeitslosenrate ist bei etwa 5,5 Prozent festgefahren, Unterbeschäftigung sei ein „verstecktes, aber fatales Problem“, warnen karitative Organisationen. „Wer zwei Stunden pro Woche arbeitet, gilt als beschäftigt. Und hungert dabei“, so eine Sprecherin. 15 Prozent aller Australier haben Probleme, sich zu ernähren. Jedes fünfte Kind in Australien lebt in einem Haushalt, in dem es nicht genügend zu essen gibt.

Oft ist ein Job ist nicht genug. „Bis zu 28.000 Australier sind obdachlos, obwohl sie Vollzeit arbeiten“, warnte jüngst Gewerkschaftschefin Sally McManus. Seit sechs Jahren stagnieren die Gehälter, das Einkommen der Privathaushalte flacht ab, das Gehalt hält kaum Schritt mit der Inflation.

Laut dem Roy Morgan Wealth Report hat sich bei der ärmeren Hälfte der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren der Wohlstand reduziert. Besonders bedenklich: Bei den ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung handle es sich um eine „große Gruppe junger Menschen, die weder Vermögen aufbauen noch sich eine Hypothek leisten konnten“.

Bezahlte man Anfang der neunziger Jahre in Sydney für ein Haus noch etwa 100.000 Euro, waren es 2017 über 680.000 Euro. Die Kombination von niedrigen Gehältern und astronomischen Immobilienpreisen lassen junge Menschen zu resignierten Zuschauern werden. In Sydney fließen im Durchschnitt pro Jahr 33.000 Euro in die Abzahlung einer Hypothek. Das Durchschnittsgehalt liegt in Australien bei 51.000 Euro. Die Finanzierung wird junge Australier zu einem unerfüllbaren Traum.

Immobilien in Großstädten sind zwar im letzten Jahr bis zu zehn Prozent günstiger geworden. Experten warnen jedoch bereits vor einer „Krisensituation“, die mehreren australischen Banken drohen könnte. Die OECD riet Australien jüngst, sich auf eine „harte Landung“ des Immobilienmarktes vorzubereiten.

Analysten fürchten, die eskalierende Kombination steigender Lebenskosten und massiver Privatverschuldung könnte eine Welle notleidender Hypotheken auslösen. AMP Capital Investors warnt, dass ein „perfekter Sturm“ das BIP-Wachstum im kommenden Jahr um 1,2 Prozent reduzieren könne. Denn die Schuldenlast eines durchschnittlichen Privathaushalts beträgt das Doppelte des verfügbaren Einkommens.

Ein Sturm – und das zu einer Zeit, in der Australien politisch gelähmt ist. Premierminister Scott Morrison hat zwar in Aussicht gestellt, im kommenden Jahr einen Haushaltsüberschuss liefern zu können. Schwarze Zahlen werden der konservativen Regierung aber kaum helfen, die Wahlen im Mai 2019 zu gewinnen. Interne Querelen in beiden großen Parteien haben in den letzten zehn Jahren sechs Premierministern das Amt gekostet.

Klimawandel – die größte Herausforderung

Nirgendwo zeigt sich die politische Spaltung so wie beim Thema Klimawandel, der größten Herausforderung für Australien. Das Land leidet wie kein anderer Industriestaat unter den Folgen globaler Erwärmung – Extremtemperaturen, Buschbrände, Korallenbleiche.

Experten warnen vor astronomischen Kosten, falls die Schäden an Umwelt, Infrastruktur und Wirtschaft nicht sofort durch aktive Emissionsreduktion begrenzt werden können. Ziel müsse die Begrenzung der globalen Temperaturen bei 1,5 Grad sein. Trotzdem steht Australien auf internationalen Foren regelmäßig auf der Seite der Klimaschutzbremser.

Denn die Regierung steht seit Jahren unter dem Einfluss einer kleinen Gruppe ultra-konservativer Klimaleugner. Nicht nur weisen die Parlamentarier wissenschaftliche Beweise für den vom Menschen verursachten Klimawandel von sich. Sie sehen sich der Kohleindustrie verpflichtet. Mit Ausfuhren im Wert von über 60 Milliarden australischen Dollar (37 Milliarden Euro) pro Jahr ist Australien einer der größten Exporteure des fossilen „Klimakillers“. Zudem produziert das Land 70 Prozent des Stroms mit der Verbrennung von Kohle. Australien ist pro Kopf einer der größten Treibhausgasverursacher auf dem Globus.

Im August wollte Premierminister Malcolm Turnbull das in Paris gemachte Versprechen ratifizieren, die Emissionen bis 2030 um 26 Prozent zu verringern – gemessen am Niveau von 2005 – ein minimaler Wert im globalen Vergleich. Doch er wurde aus dem Amt gejagt und durch Scott Morrison ersetzt. Dieser tut sein Bestes, um Maßnahmen zur globalen Drosselung von Klimaemissionen zu sabotierten. Wo seine Loyalitäten liegen, hatte der Premier bewiesen, als er im Parlament die Vorteile des Rohstoffs anpries – mit einem Stück Kohle in der Hand.

Wissenschaftler warnten jüngst, Australien werde seine Emissionen bis 2030 um höchstens sieben Prozent reduzieren, so geringfügig seien die Anpassungen, die Canberra plant. Jetzt helfe nur noch Druck von außen, sagen Kritiker. Umweltorganisationen hoffen, dass die Europäische Kommission den Erfolg von Verhandlungen mit Canberra über ein bilaterales Handelsabkommen vom Klimaschutz abhängig machen wird. Morrison fürchte ein Veto Brüssels. Im vergangenen Jahr belief sich der bilaterale Handel auf über 70 Milliarden Euro. Ein Abkommen zwischen der EU und Australien könnte diese Summe um ein Drittel erhöhen, so Schätzungen.

Dabei könnte Australien seinen gesamten Strombedarf mit Wind-, Solar- und Gezeitenkraft decken, meint John Hewson, Wirtschaftsprofessor und Berater der Weltbank im Gespräch mit dem „Handelsblatt“. Trotzdem beharre die Regierung auf den Bau neuer Kohleminen und will die Kohlekraft expandieren – gegen jegliche wirtschaftliche Logik.

Denn Solar- und Windstrom in Australien sind inzwischen günstiger als Elektrizität aus neuen Kohlekraftwerken. Trotzdem will Energieminister Angus Taylor den Bau neuer Kohlekraftwerke sichern, falls nötig mit Steuergeldern.

Für den Ökonomen Hewson kann ein Regierungswechsel nicht bald genug kommen. Er sagt das nicht leichtsinnig: Hewson war selbst einmal Anwärter für den Posten des Premiers – für die Konservativen, die er jetzt kritisiert. Auch er glaubt nicht daran, dass Australien für immer auf sein sprichwörtliches Glück zählen kann. Nicht umsonst hatte Donald Horne ein Leben lang darum gebeten, man solle sein Zitat in voller Länge lesen. „Australien ist ein glückliches Land, regiert zweitklassigen Leuten mit ebenso viel Glück“.

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1 Kommentar zu "Klimawandel und prekäre Beschäftigung: Wachstumswunder Australien droht die Wirtschaftskrise"

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  • Das wirkliche Problem lautet China.
    China ist der wichtigste Handelspartner und größter Rohstoffabnehmer Australiens.
    Alle anderen, hier aufgeführten Gründe sind wahrlich dubios.

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