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Kolumbien Sechs Jahre auf sechs Quadratmetern

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Araújo zählt 2 217 scheinbar unendliche Tage, bis sich in der Neujahrsnacht die Gelegenheit zur Flucht bietet. Die kolumbianischen Streitkräfte greifen das Rebellenlager an. Araújo kriecht aus dem Camp, dann irrt er noch einmal fünf Tage abgerissen und ausgehungert durch den Urwald, bis er auf einen Militärposten trifft. 2 222 Tage nach seiner Verschleppung.

Bereits 50 Tage später, am 19. Februar, ernennt ihn der rechte Staatschef Álvaro Uribe überraschend zum Chefdiplomaten des Bürgerkriegslandes. Araújo hatte zu dem Zeitpunkt gerade gelernt, was ein iPod ist, dass es drahtloses Internet gibt und wie Foto-Handys funktionieren. „Als die Soldaten in dem Militärposten ihre Mobiltelefone auf mich richteten und es klick machte, wusste ich überhaupt nicht, was los war.“

Doch die technologischen Rückstände sind nicht Araújos größtes Problem. Als er am 4. Dezember 2000 beim Joggen an der Uferpromenade seiner Heimatstadt Cartagena gekidnappt wird, ist der 11. September zehn Monate entfernt und George W. Bush noch nicht Präsident der USA; Hugo Chávez ist in Südamerika mit seinem radikalen Linksdiskurs fast allein auf weiter Flur, und Álvaro Uribe bereitet nach einem Studienaufenthalt in Oxford seine Präsidentschaftskandidatur vor. Kurzum: Die Welt, die Fernando Araújo nach seiner Flucht kennen lernte, ist eine andere. Eine viel kompliziertere.

Das merkt der Novize im Außenamt schnell. In den ersten Wochen als Minister löst er mit unbedachten Äußerungen beinahe diplomatische Krisen mit den Nachbarn Ecuador und Venezuela aus. Bei einem Besuch in den USA bezeichnet er Chávez als „ideologisches Vorbild der Guerilla“. Uribe muss seinen Minister öffentlich abwatschen und bei Chávez Abbitte leisten.

Stellvertretend für viele fragte die konservative kolumbianische Tageszeitung „El Tiempo“ seinerzeit, ob jemand, der „jahrelang in den Bergen Kolumbiens gefangen“ war, die Idealbesetzung im Außenamt sei. Zumal die internationalen Beziehungen Kolumbiens kompliziert wie nie sind. Das konservative Land ist umgeben von linken oder gemäßigt linken Staaten, und die engen Verbündeten in den USA stellen plötzlich unangenehme Fragen nach den Verbindungen der Uribe-Regierung zu den Totschlägern der ultrarechten Paramilitärs. „In den ersten Monaten im Amt habe ich viele neue Erfahrungen gemacht“, sagt Araújo heute nur noch dazu. Ein bekannter kolumbianischer Kolumnist urteilt bissig, Araújo sei Dekoration, „eine exotische Blume in einer Vase“.

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