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Kolumbien Sechs Jahre auf sechs Quadratmetern

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Doch in dem komplizierten politischen Gefüge eines Landes im Bürgerkrieg erfüllt der neue Minister auch eine ganz andere Funktion. Für Uribe ist Araújos Flucht ein Glücksfall, den er in politisches Kapital ummünzt. Die Welt soll sehen, wie groß der kollektive und individuelle Behauptungswillen der Kolumbianer gegen die Gewalt der bewaffneten Gruppen ist, lautet die Botschaft seiner Ernennung. Araújo soll seine Geschichte erzählen, die stellvertretend für die Tragödie eines ganzen Landes steht.

Diese Tragödie ist ein absurder Bürgerkrieg zwischen linken Rebellen auf der einen und dem Staat und ultrarechten Paramilitärs auf der anderen Seite. Ein Krieg, der das südamerikanische Land seit mehr als 40 Jahren im Griff hält. Dabei geht es schon lange nicht mehr um Ideale und den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft. Guerilla und Paramilitärs stecken tief im Drogenhandel, und auch der Menschenraub ist längst Selbstzweck, mit dem die Farc und die kleinere Linksguerilla ELN politischen Druck ausüben und ihren riesigen Kriegsapparat am Leben halten wollen. Auch ihre Todfeinde, die Paramilitärs, bessern ihre Kriegskassen mit Entführungen auf.

Nach Schätzungen der regierungsnahen Stiftung „País libre“ sind gegenwärtig fast 1 500 Kinder, Greise, Soldaten, Polizisten, Politiker und Unternehmer in Kolumbien entführt. Demnach haben Farc und ELN zusammen rund 1 180 Menschen in ihrer Gewalt und die Paramilitärs 279. Andere Schätzungen sprechen von bis zu 4 000 Verschleppten.

Am 21. Dezember feiern zwei Soldaten in Händen der Farc ein bitteres Jubiläum: zehn Jahre Geiselhaft. Sie wurden 1997 beim Angriff auf einen Militärstützpunkt im Südwesten des Landes gekidnappt. Die beiden gehören zu den sogenannten „Canjeables“, den „Austauschbaren“.

Die Farc hat gut 40 ihrer Geiseln zu politischem Faustpfand erklärt, mit dem sie die Freilassung von 500 Kämpfern erzwingen will. Auch Araújo war ein „Austauschbarer“. Als Ex-Entwicklungsminister unter Präsident Andrés Pastrana und Spross einer der mächtigsten Familien Kolumbiens sogar das ideale Ziel der Farc-Guerilleros. Zu ihnen gehörten auch jene elf Parlamentarier aus Cali, die Ende Juni unter mysteriösen Umständen in Gefangenschaft der Farc starben. Das „Kronjuwel“ der Farc aber ist Ingrid Betancourt. Die frühere Präsidentschaftskandidatin halten die Rebellen seit mehr als fünf Jahren in den Untiefen des Dschungels fest.

Fernando Araújo hält unterdessen weiter an seiner Gewohnheit fest: früh aufstehen und Sport treiben. Er trainiert für diverse Halbmarathons. Aber Laufen ist für ihn viel mehr als Bewegungsfreiheit, Laufen ist für ihn vor allem auch Therapie. Seine 16 Jahre jüngere Frau Mónica hatte Araújo schon bald nach der Entführung verlassen. „Das“, sagt Araújo resigniert, „ist für mich fast so schlimm wie die sechs Jahre Gefangenschaft.“

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