Kommentar Die Kapitalismuskritik übersieht den gierigen Staat

In Deutschland wird zu viel Hegel und zu wenig Hobbes gelesen. Der Staat ist nicht der Inbegriff der Vernunft, wie die Antikapitalisten wähnen. Er ist oft dumm und gierig. Und das im Namen sozialer Gerechtigkeit.
125 Kommentare
Ein symbolischer Grabstein mit der Aufschrift: „Hier ruht in Frieden die Profitgier“ vor dem Gebäude der EZB. Quelle: dpa

Ein symbolischer Grabstein mit der Aufschrift: „Hier ruht in Frieden die Profitgier“ vor dem Gebäude der EZB.

(Foto: dpa)

"Erkaltet", schreibt Gabor Steingart im Handelsblatt, sei die "einst lodernde Beziehung der Deutschen" zur Marktwirtschaft. Richtiger ist, dass die nie sehr warm war. Viel anheimelnder ist das Verhältnis der Deutschen zum Staat - und nicht erst seit dem Lehman-Crash.

Es muss mit Hegel begonnen haben, der den Staat als gottgleiches Wesen in den Himmel gehoben hat. Und dort schwebt er auch in der deutschen Vorstellung. Auf Erden toben die Selbstsucht, die Gier, die Dummheit. Da oben aber herrscht der "alles vereinende Staat" als "Verkörperung der Vernunft". Er steht für das Allgemeinwohl; er sorgt dafür, dass das "Interesse der Einzelnen" nicht der "letzte Zweck" sei.

Wie anders der angelsächsische Liberalismus mit seinem skeptischen Menschen- und Staatsbild! Für Locke, Smith und Jefferson war der Staat nicht göttlich, sondern gefährlich, ein schlummerndes Raubtier, das von den Bürgern zum Schutz ihrer Freiheiten an die kürzeste Kette gelegt werden müsse. Dass der Staat seine eigenen Interessen haben könnte, dazu eine vom Staat getragene Klasse, die ständig ihre Macht auszudehnen sucht - dieser Gedanke ist in Deutschland, ja in Kontinentaleuropa kaum zu finden.

Es herrsche, so "FAZ"-Herausgeber Schirrmacher, der "Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen". Der Markt gewinnt, der Staat verliert, die Demokratie verkommt zum "Ramsch". Deren Erstgeburtsrecht hätten ihr "Ratingagenturen und Analysten" abgeluchst. Habermas beklagt eine "von den Märkten kujonierte politische Klasse", deren Vertreter "an den Drähten der Finanzindustrie zappeln".

So ähnlich hat schon Marx doziert: der Staat als Erfüllungsgehilfe der Bourgeoisie. So ist es in der ideologischen DNA der Deutschen verankert. Die Wirtschaft ist der Kampf zwischen "schaffendem und raffendem Kapital", zwischen den braven Erzeugern und den Wucherern, die Werte weder haben noch erbringen (als ob kein Bauer sich für seinen Pflug Geld leihen müsste). Der Investor ist "Spekulant", Profitstreben ist "Gier". Das läuft von weit rechts bis weit links. Zwar haben die Finanzakrobaten märchenhaften Reichtum abgeschöpft. Der Denkfehler der Antikapitalisten ist bloß, dass sie an den Drähten Hegels zappeln.

Absicht: Nett - Ergebnis: Mörderisch.
Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

125 Kommentare zu "Kommentar: Die Kapitalismuskritik übersieht den gierigen Staat"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wo der Spruch herstammt mit dem "Mehr Schein als Sein", weiß ich nicht oder wußte ich nicht, bis Sie Ihren Müll geschrieben haben
    Übrigens an vielen politischen Dingen die hier schief laufen, sind solche Leute wie Sie schuld.
    Glauben Sie im Ernst, Sie könne noch immer jeden damit beeindrucken, dass Sie ständig und immer das 3. Reich zitieren?
    Wie armselig ist das denn.
    Der Krieg ist 66 Jahre vorbei. Und so langsam wrden die Ultralinken lächerlich, wenn sie nichts anderes im Hirn haben als das Dritte Reich
    Oder muß ich in Zukunft jedes Mal erst googeln, um zu sehen, welches Wort damals gerade "in" war?

  • Ja, ja, die Sache mit den Ursachenzuschreibungen; Die Fliege, die viel Staub aufwirbelt, der Staat als gieriges Monster - ja, aber wer ist der Staat? Die Mächtigen, die Eliten, ja, aber sind es auch die großen Unternehmen und Konzerne? Ja, auch die sind der Staat, sie haben ihn immer wieder erpresst, mit Massenentlassungen, Umzug ins Ausland, Verweigerung von Verantwortung IM Staate. Das läuft bereits mindestens seit der Ära Kohl so - die Ideologie hieß Wachstum und Vollbeschäftigung, das was all die ökonomischen Denker sich konstruierten. Der Staat mag dies geglaubt haben und ließ sich erpressen, um nicht als Versager dazustehen. Die Unternehmer waren schlauer und wußten, dass dort wo die Produktionsmittel und die potentiellen Arbeitsplätze sind, die wahre Macht sitzt. Auch das gehört zu einer ausgewogenen Analyse der Situation, finde ich.

  • Ein ausgezeichneter Artikel der die allgegenwärtige Heuchelei entlarvt. Rätsel bleiben: Immerhin war es der vergöttlichte Staat, der ab 1933 die Deutschen in ihr grösstes Desaster riss. Warum lernen wir nicht ?

  • "Entscheidend ist, dass der Wohlfahrtsstaat zum Defizit- und Schuldenstaat geworden ist, der seinen Bürgern mehr gibt, als die zu zahlen bereit sind."

    In der Tat. Und wenn man jetzt eins und eins zusammenzählen kann, weiß man auch, für wen der Staat die Schulden gemacht hat: Die Nettolöhne stagnieren seit einem Jahrzehnt, die Vermögen sind indes so groß wie nie.

    "Warum ist der demokratische Staat leichtsinniger als alle Spekulanten zusammen?"

    Weil die Politik so die Interessen ihrer Klientel bedienen kann. Auch jetzt hat es seit 2008 KEINE Einschränkungen für den Finanzmarkt gegeben.

    "Überall im Westen hat der Staat den Tisch bereitet, an dem sich das "Finanzkapital" vollgeschlagen hat."

    Aus dieser Tatsache folgert Joffe in seinem Schriftsatz, dass der Staat blöde ist. Komisch. Die Bürger wollten doch gar nicht arm werden und werden es doch - da muss bei der Umsetzung durch die Poltik wohl was schief gelaufen sein. Hallo Herr Joffe, Erde an Mars: Es ist nicht "der Staat", es ist "die Politik".

    "Zu Marxens Zeiten lag die Staatsquote im Frieden bei fünf Prozent."

    So sieht also eine weitere Begründung aus, wie gefräßig der Staat heute ist. Joffe stellt sich hier als treuer Anhänger der Tea Party heraus und vergisst dabei, in welchen unwürdigen Verhältnissen die Menschen zu Marx Zeiten gelebt haben. Gott sei Dank gibt der Staat mehr aus als als zu Zeiten des Manchester Kapitalismus.

    Und so weiter und so fort.

    Warum macht eine Zeitung diesen Blödsinn, den man getrost auch "Fahrlässigkeit" nennen darf und veröffentlicht einen derart niveaulosen Beitrag zur Diskussion, in der, ganz Recht, Frank Schirrmacher die Latte deutlich höher gelegt hat? Weil das Handelsblatt zum selben Konzern gehört wie die ZEIT, die Joffe mit herausgibt. Wie man dort Journalismus interpretiert wird, hat übrigens gerade Giovanni di Lorenzo zum besten gegeben.

  • Sie bemühen eine Menge Sprüche,die mir sehr bekannt vorkommen.Wes Geistes Kind sind sie ?
    "Mehr Schein als Sein" sagen sie sei das Lebensmotto vieler."Mehr Sein als Schein" stand auf den Dolchen der Hitlerjugend und wo der zweite Spruch stand,den sie zwar nicht aussprechen für dessen Gültigkeit Sie aber eintreten,nämlich "Jedem das Seine",müssen Sie selbst herausfinden. Ja solch alte "Werte".

  • Der Kapitalismus hat sich selbst abgeschafft,indem er das
    Kapital durch Niedrigzins entwertet hat. Will er es wieder
    aufwerten muss es verknappt werden. Dann ist aber leider
    der Kapitaldienst nicht mehr zu erwirtschaften.Also weiter
    bis zur Währungsreform.

  • Ja genau
    - jeder Deutsche der etwas mehr besitzt als der andere muß niedergemacht und enteignet werden
    - enteignet die Reichen
    - dann muß keiner mehr dem anderen was neiden
    - alle sind dann gleich
    - alle Leistungsträger verlassen dann das Land
    - es wird nur noch nach alter DDR-Art konsumiert werden können
    - dann ist Deutschland endlich platt

    - zerstritten ist es schon und nur noch "Fischfutter" für den Weltmarkt - und die Weltmächte !!!!

    - und die Verursacher der Finanzkrise reiben sich schon die Hände


    http://www.youtube.com/watch?v=hD2SRDql_jg
    http://www.youtube.com/watch?v=UQfm5Tgtszs
    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/11/entweder-die-eu-oder-demokratie-beides.html
    http://www.krisenvorsorge.com/62/Die_Ursachen_der_Finanzkrise_.html
    http://www.theintelligence.de/index.php/wirtschaft/finanzen/3058-drei-bis-fuenf-durchgaenge-dann-kollabieren-die-maerkte-endgueltig.html

  • Der Aufsatz von Joffe ist scharf- und tiefsinnig und regt zum Denken außerhalb der vorgegebenen Denkschablonen an. Aus meiner Sicht liegt diesen Denkschablonen stets die falsche Annahme zugrunde, die Marktwirtschaft sei eine Erfindung der Neuzeit. Marktwirtschaft beschreibt im Kern das Verhalten von Menschen beim Austausch von Leistungen und gründet sich damit auf unsere genetischen Wurzeln und unsere 3000jährigen Erfahrungen. Unterschiedlich sind nicht die genetischen, sondern die historischen Erfahrungen. Der Kommunismus ist gescheitert, weil er die Marktwirtschaft diskredierte. Unser politisches System gerät ins Wanken, falls der Staat seine orginäre Rolle in der Marktwirtschaft nicht annimmt. Kern dieser originären Aufgabe ist die Durchsetzung von Fairness, gegenseitigem Vorteil und Chancengleichheit beim Austausch von Leistungen. Während der vergangegenen 3000 Jahre haben die Repräsentanten der Staaten oder Sippen oder Horden ihre Rolle nicht annehmen können und wollen, weil sie von Eigeninteressen getrieben waren. Joffe zeigt uns, dass wir uns leider gewöhnt haben. Wir akzeptieren permanente Übergriffe des Gesetzgebers, die nicht der Herstellung von Fairness unter Marktakteuren, sondern der Durchsetzung politscher Kalküle dienen. Beispielhaft dafür ist das Verhalten der Chemnitzer Justiz, dass mit obskruren Mitteln die Durchsetzung der gesetzlichen Veröffentlichungen hintertreibt und damit mit Vorsatz das Prinzip der Fairness unter Marktteilnehmern aushebelt. Im Zusammenhang mit einem unvoreingenommenen Kommentar wurde ich in einem früheren Forum (im böswilligen Sinne) als Jude beschipft; solche ungezügelte Emotionalität trifft micht aber weit weniger, als so empfundenes Handeln von Behörden.

  • Früher war es das Privileg der " Linken " Geldprobleme dadurch zu lösen; das Geld holt man sich von den bösen Reichen und, wenn das nicht reicht wird eben Geld gedruckt.
    Das Leben war ja so herrlich einfach.
    Die Staatsverschuldung in Deutschland hat begonnen mit Regierungsübernahme der SPD mit Willi Brandt.Der öffentliche Dienst, wurde von damals ca. 750000 Beschäftigten auf 1,5 Millionen angehoben.Alle Genossen wurden damals in gut bezahlte Posten gebracht und versorgt.
    Das Geld hierzu wurde durch Kredite aufgebracht.Und so ging es Jahr für Jahr weiter bis heute.
    Bis zum Jahre 1969, war die Bundesrepublick nahezu Schuldenfrei.Ludwig Erhard hat immer darauf hingewiesen und es war seine Politik, dass der Staat nicht mehr ausgeben kann bzw,darf als er einnimmt.
    Dafür wurde er immer als kleinkariert und rückständig belächelt. Hätten alle Regierungen danach so gehandelt,Deutschland hätte sicher heute keine Probleme, auch trotz zwischenzeitlicher Wiedervereinigung.Heute lächelt niemand mehr. Noch vor einem Jahr wurde ich ein Pessimist
    genannt, wenn ich auf die Staatsverschuldungen hinwies und proknastizierte,dass dies zum Zusammenbruch des Landes führen wird.Aber, heute lächelt keiner mehr.
    Den Deutschen muß aber heute Klar gesagt werden,dass die Schulden von heute, die Steuern von morgen sein werden.
    Die verantwortlichen Politiker, haben,bzw,werden sich zwischenzeitlich bestens staatlich alimentiert vom Acker machen.Das schlimme ist nur, die Deutschen sind lernunwillig und unfähig.Sie wachen immer erst auf, wenn es 5 nach 12 ist. Noch schlimmer, bei den nächsten Wahlen,wählen sie wieder diese Leute ! Dümmer geht Nimmer !

  • sehr gut, kann ich nur zustimmen.

Alle Kommentare lesen
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%