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Kommentar Die Türkei bekommt die Inflation nicht in den Griff

Ankara steckt in einer Zwickmühle: Die Zentralbank hebt die Zinsen an, doch die Preise steigen weiter. Das Problem ist nicht der Leitzins, sondern die Politik von Präsident Erdogan.
04.01.2021 - 16:36 Uhr Kommentieren
In immer kürzeren Abständen wechselt der türkische Staatschef die Spitze der heimischen Notenbank aus. Quelle: AP
Der türkische Präsident Erdogan

In immer kürzeren Abständen wechselt der türkische Staatschef die Spitze der heimischen Notenbank aus.

(Foto: AP)

Istanbul Die Zahlen erscheinen unlogisch – zumindest auf den ersten Blick: Die türkische Zentralbank hatte die Leitzinsen seit Mai mehr als verdoppelt, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Seit Mai stiegen sie von acht auf 17 Prozent.

Trotzdem steigen die Preise in der Türkei immer weiter an. Nach Angaben des nationalen Statistikinstituts Tüik stieg die Inflation im Land im Jahr 2020 auf 14,6 Prozent, von 11,84 Prozent im Vorjahr. Und das, obwohl Staatschef Recep Tayyip Erdoğan im Herbst eine Wende in der Finanzpolitik vollzogen hatte, inklusive höherer Zinsen und eines neuen Finanzministers.

Das zeigt: Das Problem der Lira sind weniger die Leitzinsen, sondern es ist die Tatsache, dass niemand mehr der türkischen Währung traut. Nur wenn die Regierung in Ankara dieses Dilemma ernst nimmt, hat sie eine Chance, die Preise in der Türkei zu stabilisieren.

Dass Leitzinsen nicht das Allheilmittel gegen grassierende Preissteigerungen sind, zeigen andere Währungsräume. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die Fed in Washington fahren seit Jahren eine Niedrig- bis Nullzinspolitik – doch die Inflation hält sich in Grenzen.

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    Das liegt daran, dass Bürger, Firmen und Investoren diesen Währungen vertrauen. Das kann man in der Türkei nicht behaupten. Immer mehr Türkinnen und Türken tauschen ihre Lira-Ersparnisse in Fremdwährung oder Gold, weil sie einen weiteren Lira-Verfall befürchten.

    Image der Lira hat gelitten

    Deutsche Unternehmen bezeichnen einer Umfrage der AHK Istanbul zufolge die volatile Lira als größtes Problem ihres Geschäfts – trotz Corona. Und ausländische Investoren setzen schon lange nicht mehr auf die türkische Währung, wenn sie auf eine sichere Anlage hoffen.

    Der Grund dafür ist nicht nur die Finanzpolitik Ankaras. Auch die Außen- und die Innenpolitik der türkischen Regierung schaden der Lira. Das konfrontative und autoritäre Auftreten Erdogans und seiner Minister schreckt alle ab, die grundsätzlich an einer stabilen Lira interessiert sind: zum Beispiel Urlauber, Unternehmer, Investoren.

    Der konfrontative Kurs Ankaras zeigt zwar durchaus Erfolge, wie der kurze Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan zeigt oder die neue Machtbalance im Dauerkrisengebiet Libyen.

    Allerdings hat neben dem Ansehen des Präsidenten auch das Image der Lira erheblich darunter gelitten. Die Folgen: Die Lira verlor binnen eines Jahres fast ein Viertel an Wert. Die Zentralbank verlor einen Teil ihrer Reserven – und die Bevölkerung das Vertrauen in die eigene Währung.

    Es ist offensichtlich: Um diesen Umstand zu verbessern, darf Erdogan nicht nur auf die Leitzinsen setzen. Es geht um seine gesamte Politik.

    Mehr: Warum Erdogan jetzt auf eine stabile Lira setzt.

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