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Kommentar Trump ist kein bloßer Unfall der Geschichte

Die USA-Strategie von Heiko Maas ist richtig. Die Zerrissenheit der Vereinigten Staaten bedeutet für Europa: mehr Autonomie wagen – und den Fokus ändern.
22.08.2018 - 19:38 Uhr 2 Kommentare
Donald Trump ist kein bloßer Unfall der Geschichte Quelle: Reuters
US-Präsident Donald Trump

Die Verurteilung seines ehemaligen Wahlkampfmanagers könnte für Trump den Anfang vom Ende seiner Präsidentschaft markieren.

(Foto: Reuters)

Der Moment, vor dem sich viele Amerikaner gefürchtet haben, ist da. Er hat sich lange angekündigt und ist doch plötzlich über das Land hereingebrochen. Die Titelseite der „New York Times“ vom 22. August 2018 dürfte sich eines Tages in den Geschichtsbüchern wiederfinden: Der Wahlkampfmanager des amerikanischen Präsidenten – schuldig. Der langjährige Anwalt des Oberkommandierenden im Weißen Haus: geständig und entschlossen, das Staatsoberhaupt schwer zu belasten.

Donald Trump ist am gefährlichsten, wenn er in die Enge getrieben wird, hieß es in den vergangenen Monaten immer wieder. Genau dort befindet sich der Präsident der Vereinigten Staaten jetzt. Er steht mit dem Rücken zur Wand, steckt in höchster Not.

Von Skandalen geplagt und von Vertrauten verraten, ist die abstrakte Gefahr der Amtsenthebung auf einmal sehr konkret geworden. Trump wird tun, was er am besten kann: seine Anhänger aufwiegeln, das Land auseinanderziehen. Wie weit er dabei gehen wird? Niemand kann das sagen.

Doch dass er keine Hemmungen hat, moralische und rechtliche Normen zu zertrümmern, hat er oft genug bewiesen. Für Trump geht es jetzt um alles: sein Unternehmen, seine Familie, seine eigene Haut. „Schnallt euch an“, warnt die Chefin des German Marshall Fund in Washington. Die Sorge über Amerika schlägt um in Angst.

Die Europäer, und vor allem die Deutschen haben eine Weile gebraucht, das Ausmaß der amerikanischen Tragödie zu ermessen. Erst erlagen sie der Versuchung, Trump für zähmbar zu halten. Dann redeten sie sich ein, dass Trump ein Außenseiter sei, ein Hagelsturm im langen transatlantischen Sommer, heftig, aber flüchtig.

Die Autosuggestion geschah aus bündnispolitischer Bequemlichkeit und zum Teil wider besseres Wissen. Erst jetzt setzt sich die Erkenntnis durch, dass es so nicht weitergehen kann.

Die Eruptionen in Amerika bedeuteten für Europa: mehr Autonomie wagen, mehr Verantwortung übernehmen, Außenminister Heiko Maas gibt die Richtung vor: „Im Schulterschluss mit Frankreich und den anderen Europäern kann eine Balance mit den USA gelingen.“

Gerade Deutschland fiel es bisher schwer, einen nüchternen Blick auf die betrüblichen transatlantischen Realitäten zu richten. Die Beziehung zu den Vereinigten Staaten ist emotional, da Verbrüderung der Siegermacht Amerika Deutschland nach der Barbarei der Nazidiktatur die Rückkehr in die Zivilisation ermöglichte.

Außenpolitik als Schlachtfeld des Kulturkampfs

Doch so tief die Freundschaft war und ist, so stark die kulturelle und wirtschaftliche Verbundenheit: Ein derart zerrissenes Land wie die USA ist kein Partner, auf den man sich blind verlassen kann, schon gar nicht in Fragen von Krieg und Frieden.

Maas hat recht, wenn er feststellt: Trump ist kein bloßer Unfall der Geschichte, vielmehr ist er die Folge einer sozialen und politischen Transformation, die Amerika umpflügt. Die Zeiten, in denen die Amerikaner sagen konnten, dass ihr parteipolitischer Zank an der Küste ende, sind vorbei. Die Außenpolitik ist zum Schlachtfeld des Kulturkampfs geworden, der das Land spaltet, und die zerstrittenen Lager haben fundamental unterschiedliche Vorstellungen von Amerikas Rolle in der Welt.

Es ist möglich, dass der 22. August 2018 den Anfang vom Ende von Trumps Präsidentschaft markiert. Völlig unwahrscheinlich ist hingegen, dass es nach Trump einen Weg zurück in die Ordnung der Nachkriegszeit gibt. Europa kann in der Sicherheitspolitik nicht der Wurmfortsatz der USA bleiben, sonst wird es in Washington weiter als Ballast empfunden und im Rest der Welt nicht ernst genommen.

 Die Amerikaner haben lange selbst gefordert, dass Europa eigenständiger wird. Doch das Selbstbewusstsein, mit dem Maas seine Vision vorträgt, dürfte ihnen nicht gefallen. Die Begriffe, die aus Maas’ Amerikastrategie herausstechen – Balance, Gegengewicht, rote Linien –, sind Vokabeln, mit denen bisher strategische Rivalen wie Russland und China beschrieben wurden.

Für Amerika waren Schlagwörter wie Sehnsuchtsort und Schicksalsgemeinschaft reserviert. Maas bricht mit dieser Tradition, bewusst, aber nicht leichtfertig. Er schielt nicht auf den billigen Applaus der Antiamerikaner, die sich in Trumps langem Schatten an den politischen Rändern breitmachen.

Der Minister stimmt keinen Abgesang auf Amerika an, er sucht nach Wegen, die transatlantische Partnerschaft zu bewahren, indem sie auf ein neues, ebeneres Fundament gehoben wird. Maas hat erkannt: Gerade die Emanzipation von Amerika erlaubt es, die Freundschaft zu den USA zu retten.

Allerdings gibt es einen blinden Fleck im Konzept von Maas: Der Wählerfrust, der Trump an die Macht gebracht hat, erfasst die gesamte westliche Welt. Der Trumpismus regiert auch in der EU – in Gestalt von Victor Orbán und Matteo Salvini. Wenn ein vereintes Europa die Antwort auf das transatlantische Zerwürfnis ist, muss Maas sein Engagement auch jenen widmen, die es von innen auseinanderzerren.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Trump ist kein bloßer Unfall der Geschichte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Alle Achtung, unser Außenminister überrundet unsere Kanzlerin!
    Endlich ein hochrangiger und angesehener Politiker, der eine längst überfällige neue
    Sichtweise gegenüber der Trump-Administration offen zur Sprache bringt.
    Deutschland und die EU haben die Möglichkeiten, der USA die Stirne zu bieten, aber
    solange wir innerhalb der EU immer noch nationalstaatliches Denken und Handeln
    haben, solange werden wir von den Machtblöcken nicht ernst genommen.
    Das politische Berlin muss endlich handeln im Einklang mit der EU und der NATO.


  • Dank Herrn Koch und Herrn Maas ... haben die Europäer, und vor allem die Deutschen eine Weile gebraucht, das Ausmaß der amerikanischen Tragödie zu ermessen. Meiner Meinung nach ist dieser Kommentar selbst „ein Unfall“ und die Geschichte wird sich selbst ein Urteil bilden bzw. die Leser „die schon länger hier sind“.

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