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Kommentar Wenn ich ein Grieche wäre

Den Schuldenschlamassel hat Griechenland selbst zu verantworten. Die Depression dieser Tage aber ist aus Brüssel, Berlin und Paris importiert. Ein Kommentar von Gabor Steingart.
64 Kommentare
Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt www.uta-wagner.com

Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt www.uta-wagner.com)

Düsseldorf Wer zu Gast bei Freunden war, will hinterher sagen können: Es war schön. Man habe sich wohlgefühlt und sei beeindruckt gewesen von dem, was man gehört und gesehen habe. Im Falle der Recherchereise nach Griechenland, die ein zwanzigköpfiges Handelsblatt-Team in dieser Woche unternahm um sich im Epizentrum der Krise zu informieren, ist ein solch wohliger Rückblick leider nicht möglich.

Sicher: Wir haben in den vergangenen Tagen mutige Unternehmer getroffen, die sich gegen die Krise stemmen. Eine Krise, die stärker ist als sie selbst. Wir haben tapfere Beamten in ihren zerschlissenen Büros besucht. Sie versuchen dem Anarchischen eine Ordnung zu geben. Wir sprachen mit Politikern, die sich der historischen Stunde bewusst sind, in die sie vom Schicksal hineingestellt wurden.

Aber der vorherrschende Eindruck war ein anderer: Wir haben ein erschöpftes Land vorgefunden. Ein Land, das doppelt leidet: Am selbstverschuldeten Schuldenschlamassel und an jener europäischen Rettungspolitik, die alles noch schlimmer macht. Die Bilanz der Helfer könnte trostloser kaum sein: Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, die jungen Leute träumen von einem Leben im Ausland. Und: Das Staatsdefizit schießt durch die Decke als sei nichts gewesen.

Solche Schuldenberge wird man nicht durch Schrumpfung der Wirtschaftskraft los. Obwohl das Land das härteste Sparpaket in Gang setzte, das sich je ein westliches Land außerhalb von Kriegszeiten zumutete, stieg die Verschuldung seit Ende 2009 um 55 Milliarden Euro; gemessen an der Wirtschaftskraft legte sie von zuvor 127 Prozent der Wirtschaftskraft auf nunmehr 167 Prozent zu. Man kann sich keine Muskeln anhungern.

Wenn ich Grieche wäre, ich würde meinen Helfer wegen vorsätzlicher Körperverletzung verklagen. Und bei Einbruch der Dämmerung stünde ich mit den anderen auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, um mein Missfallen über eine Krisenpolitik kundzutun, die krisenverschärfend wirkt.

Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Der Schuldenschnitt, der gestern Nacht in Brüssel verabredet wurde, wird den Verfall Griechenlands bremsen, aber nicht stoppen. Er kommt vor allem anderthalb Jahre zu spät. Wenn man die Schulden damals halbiert hätte, würde das Defizit heute unter 100 Prozent der Wirtschaftskraft liegen. So aber bleibt Griechenland der Zutritt zum Kapitalmarkt auf absehbare Zeit versperrt.

„Erst hatten wir Typhus und nun hat man uns Krebs gespritzt.“
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64 Kommentare zu "Kommentar: Wenn ich ein Grieche wäre"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die EU und ihr Euro sind die Feinde der Demokratie!
    Sieht man auch am Lissabon-Vertrag.

  • @schemutat es ist in Griechenland so wie sie es schreiben,
    die Deutsche kennen die ganze warcheit nicht alle Leser meinen Griechenland bekommt Hilfe aber das ist sehr teures Geld was das Volk bezahlen muss.Die Schüller haben noch keine Bücher bekommen Die Rentner haben von ihre 650€ rente 200€ Gebüst Die Busfahrer (Mari)1200 monatlich,Polizist 900€ ein Arbeiter 550€also Weniger noch wie in Slowakei,das
    Problem ist nicht alles das was ihr denkt und schreibt,jeder der in Griechenland in Urlaub fährt stellt fest das die Griechen sehr aktiv und Fleischig sind,gastfreundlich und nicht Arrogant.Die Politiker sind das Problem des Landes und jeder der über Griechenland Weis,Weis ganz genau was ich meine,DANKE


  • Ihr Artikel sagt die ganze Wahrheit.Endlich lesen die Deutschen was in Wirklichkeit hier los ist und nicht das, was die "Bild" schreibt. Rührend all das was sie schreiben.Respekt.

  • @mari
    Wenn sie schon den (ex-)Lohn der Busfahrer (staatliche Beamte) erwaehnen, dann erwaehnen sie bitte auch den Lohn der grossen Mehrheit der Bevoelkerung die in der privaten Wirtschaft arbeitet. Der ist mittlerweile vergleichbar mit dem Lohn der Slowakei, mit dem einzigen Unterschied dass die Lebenskosten auf deutschem Niveau sind.

    Was die parallelen zum Drogenkonsum und den Wohlstand der betrifft, moechte ich gerne darauf hinweisen dass hier nicht ueber Kokain und Lifestyle-parties die Rede ist sondern um Anzeichen wie sehr das soziale Netz geschwaecht ist - soziale Kuerzungen, fehlende Polizei, Arbeitslosigkeit und last but not least, keine Perspektiven. Dies aeussert sich unter anderem dass man blind Eigentum zerstoert (siehe die Marmorplatten) oder auch dass man sich den unreinen Dreck in die Venen spritzt.

  • @Wutnachbar
    Naja, Griechen kann man vieles vorwerfen aber Arroganz gehoert sicher nicht dazu. Schauen sie erstmal in der unmittelbaren mittel- und osteuropaeischen Nachbarschaft, und sie werden sicher fuendig werden wie die verschiedenen Voelkergruppen (mitsamt der Minderheiten) sich gegenseitig wahrnehmen. Vergleichen sie das mal mit der sogenannten "Griechischen Arroganz". Was ich empfinde ist eher eine immense Schadenfreude. Und damit sollte man immer vorsichtig umgehen.

  • Den Eindruck habe ich nicht aus Griechenland mitgenommen. Gerade die Unternehmen hoffen auf Veränderungen und die treten wohl auch schon ein. Schmiergelder sind nicht mehr so akzeptiert wie noch vor einigen Jahren, sagten mehrere Griechen.
    Für die Streiks und Demos muss man auch Verständnis haben, die Gesellschaft wird durch die Einsparungen gründlich durcheinander geschüttelt. Wer da zu den Verlierern gehört, der findet seinen Platz auf der Straße mit anderen Protestanten. Auch das ist Teil der Veränderung.

  • Pretty accurate article.

  • @mari - supported.
    Slowakei ist mitten in Europa angesiedelt. Da sind Bulgarien und Rumaenien direkt in Nachbarschaft. Fuer einen Busfahrer dort ist ein Gehalt von 500 Euro ein Traum, in Wirklichkeit muss man fuer ca 200 Euro arbeiten. Und vor diesem Vordergrund ekelt jetzt die Aroganz der Griechen an: Sie hielten immer die Nachbarn fuer Leute zweiter Klasse, die hoechsten ihnen als Diener wuerdig waeren.

  • Wenn ich Chefredakteur im Handelsblatt wäre, dann würde ich zunächst mal untersuchen, warum sich das griechische Staatsdefizit trotz angeblicher Abgabenerhöhungen und angeblichen Sparens in diesem Jahr gigantisch ausgeweitet hat.
    Weiterhin würde ich fragen, was die Einstellung von 25.000 - 30.000 neuen Staatsbediensteten mit Sparmaßnahmen zu tun hat.
    Ich würde auch in Brüssel mal eruieren, warum die EU-Kommission dort nicht genau wie bei uns (und in anderen Ländern) schon vor langer Zeit die Privatisierung von Staatsbetrieben und Liberalisierungen (z. B. bei der Stromwirtschaft) gefordert hat.

    Außerdem würde ich jenen Schlaumeier [aufzufinden über Google-Suche (mit Anführungszeichen!)], der an Papandreou geschrieben hat:
    "Sie können Ihr Land nicht gesundsparen. Und die Europäische Union kann es nicht mit immer neuen Krediten gesundspritzen"
    fragen, wie er sich für Griechenland ein Deficit Spending ohne Auslands"kredite" vorstellt.

    Endlich würde ich vorschlagen, dass der sich den Spruch an die Wand hängt:
    "Vor Betätigen der Schreibtasten Nachdenken einschalten!"

  • Danke für den Hinweis auf die FAZ. Ich habe Erläuterndes zu
    Mitterand und Thatcher hier gefunden:http://www.cis.org.au/media-information/opinion-pieces/article/3411-a-euro-power-play-that-backfired

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