Kommentar zur Schuldenkrise Tsipras verzockt Griechenland

Tsipras gaukelt den Griechen vor, ein Nein beim Referendum erlaube Verhandlungen. Tatsächlich verspielt er sein Land.
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Premierminister Alexis Tsipras hat den Bogen in den Verhandlungen mit den Gläubigern überspannt. Quelle: Reuters
Der griechische Premierminister Alexis Tsipras

Premierminister Alexis Tsipras hat den Bogen in den Verhandlungen mit den Gläubigern überspannt.

(Foto: Reuters)

AthenGriechenland und die Gläubiger seien nah an einer Einigung gewesen, berichten Insider, die mit den Verhandlungen in Brüssel vertraut sind. Für Samstag habe man eine Übereinkunft erwartet. Doch dann durchkreuzte Premierminister Tsipras in der Nacht zum Samstag alles mit seiner Ankündigung einer Volksabstimmung. Davon wurde selbst das griechische Verhandlungsteam in Brüssel überrascht. Die Unterhändler erfuhren davon nicht von ihrem Chef sondern aus den Medien und den sozialen Netzwerken.

Die Beweggründe für Tsipras‘ unerwartete Entscheidung sind allerdings ziemlich durchsichtig. Er hatte erkannt, dass seine Partei, das radikale Linksbündnis Syriza, nicht geschlossen für einen Kompromiss stimmen würde. Noch Mitte vergangener Woche soll er über außenstehende und über jeden Verdacht erhabene Mittelsmänner diskret vorgefühlt haben, ob Abgeordnete aus zwei Oppositionsparteien bereit wären, ihm bei der entscheidenden Abstimmung im Parlament Schützenhilfe zu geben.

Aber dann bekam er offenbar kalte Füße. Statt nun endlich die überfällige Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Syriza-Flügel zu suchen und das Abkommen mit Unterstützung aus den Reihen der Oppositionsparteien durchs Parlament zu bringen, wälzt der führungsschwache Tsipras die Verantwortung auf die Bürger ab. Sie sollen jene Entscheidung treffen, vor der er sich drückt.
Umfragen deuten darauf hin, dass in der Volksabstimmung möglicherweise eine Mehrheit der Bürger für einen Kompromiss votieren wird. Manche Beobachter meinen, dass letztlich auch Tsipras auf ein Ja spekuliere, obwohl er jetzt – um seine zerrissene Partei zusammenzuschweißen - lautstark für ein „stolzes Nein“ wirbt. Trifft das zu, wäre es der Gipfel des politischen Zynismus.

Aber die Rechnung wird nicht aufgehen. Denn die Griechen stimmen am Sonntag über einen Vorschlag ab, den es dann gar nicht mehr gibt. Am Dienstag läuft das Hilfsprogramm der EU aus. Dann verfallen die angebotenen Hilfsgelder, und damit ist auch das Angebot der Gläubiger vom Tisch.

Schon einmal ist ein griechischer Ministerpräsident über ein geplantes Referendum gestolpert: 2011 musste Giorgos Papandreou zurücktreten, nachdem er eine Volksabstimmung über die Zukunft des Landes im Euro ankündigte. Doch die Situation war damals eine andere. Papandreou wurde von der eigenen Partei gestürzt, die hernach in eine Regierung der nationalen Einheit eintrat, um die Krise zu meistern.

Vom Linksbündnis Syriza ist nicht zu erwarten, dass es seinen Chef Tsipras zur Vernunft bringt – auch wenn es zuverlässige Hinweise darauf gibt, dass einige besonnene Kabinettsmitglieder Tsipras von dem Referendum abgeraten haben. Aber große Teile der Partei liebäugeln seit langem mit dem Abschied vom Euro und dem Rückzug des Landes aus EU und Nato. Der europafeindliche Flügel der Partei triumphiert nun – der konfliktscheue Tsipras hat vor den Linksextremisten kapituliert.

Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich ist die Lage des Landes heute viel verfahrener als 2011. Mit seinem unentschlossenen Lavieren hat Tsipras fünf Monate vergeudet. Seine Verhandlungsposition wurde von Woche zu Woche schwächer. Er verprellte selbst die wenigen politischen Freunde, die er in Europa hatte. Das Land fiel zurück in die Rezession. Der Schuldenberg ist höher denn je.

2011 schwenkte Athen mit der Bildung einer großen Koalition auf den Reformpfad ein. Belohnt wurde das 2014 mit dem zurückgewonnen Zugang zu den Finanzmärkten. Griechenland war auf einem guten Weg – bis zum Wahlsieg von Alexis Tsipras. Er täuschte seine Anhänger mit utopischen, unerfüllbaren Wahlversprechen.

Tsipras steckt tief in einer Sackgasse
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85 Kommentare zu "Kommentar zur Schuldenkrise: Tsipras verzockt Griechenland"

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  • Wenn der Titel "Tsipras verzockt Griechenland" nicht unter "nicht persönlich werden fällt, dann wohl auch nicht die in der "entschärften" Kommentarversion vorgenomme Auslassung

    "durch haltlose Provokationen, Verdrehungen und Beschimpfungen ",

    die dort unter "..." zu lesen waren.
    Provokationen - falsch?
    Verdrehungen - falsc h?
    Beschimpfungen - falsch?

    Ich hoffe, dass die Löschung aus Versehen passiert ist.

  • "Entschärfte" Kommentarversion des gelöschten Kommentars:

    Tsipras und Varoufakis stehen isoliert gegen die anderen 18 Euroländer. Ihre Versuche, ... Deutschland zu isolieren, sind gescheitert. Dies ist der Professionalität, dem Verhandlungsgeschick und nicht zuletzt der persönlichen Reife unsere beiden Hauptakteure in diesem sicher kräftezehrenden, aufreibenden Psycho-Marathon zu verdanken. Sie haben alle persönlichen Befindlichkeiten zurückgestellt und waren in ihren Reaktionen immer und immer wieder und immer wieder ... sachlich und lösungsorientiert. Dies ist eine außergewöhnliche Leistung.

    Wer schon unter Anfeindungen verhandelt hat, weiß - wie innerlich souverän man auch sein mag -, dass diese nicht spurlos an einem vorübergehen.
    Die kommenden Tage - vielleicht auch Wochen - werden sicher nicht weniger turbulent und ich wünsche mir, dass dieser lösungsorientierte Blick, wie verfahren die Situation von griechischer Seite auch sein möge, weiterhin die Oberhand behält - die Verhandelnden sind ja auch nur Menschen - zum Wohle Griechenlands und Europas.

    Nur ein einiges und starkes Europa wird die Herausforderungen der Zukunft meistern können.

  • @ Herr Norbert Bluecher

    >> Es geht nicht um die Frage einer Abstimmung zu dem aktuellen Hilfspaket. Es geht um den Zeitpunkt! Das hätte der Grieche sich einige Tage früher überlegen sollen. >>

    Das hat Tsyporas amm 28.4 015 angekündigt, für den Fall dass die Verhandlungen ins Stocken geraten,

    das hat Tsypras am 14.06.2014 nochmals ins Leben gerufen,

    und das hat Tsypras in einem Telefonat der Merkel und denn Hollande im Vorfeld der Ankündigung mitgeteilt.

    Wo sehen Sie Probleme mit dem Zeitpunkt dieser Ankündigung ?

  • Daran, dass Griechenland in Europa liegt (Großbritannien übrigens auch) gibt es überhaupt nichts zu wackeln.
    Um das herauszufinden, ist niemand auf Politiker angewiesen, die ihm das erzählen, da reicht ein Blick auf die Weltkarte.

    Aber in die Eurozone haben sie nie reingehört, wie jeder einigermaßen Informierte nicht erst seit gestern weiß.

    Zum Glück wurde jetzt endlich der erste Schritt in die richtige Richtung getan, um überhaupt eine Chance zu haben, das ganze Schlamassel in den Griff zu kriegen (ist ziemlich glitschig).

    Es geht jetzt allerdings NICHT um Häme und Schadenfreude.

    Und auch nur vordergründig um Geld (bzw. Banken)
    .
    Schon gar nicht um Politik bzw. irgendwelche Parteien (respektive deren jeweilige Vertreter, also Politiker).

    Und am Allerwenigsten um die minuziöse Einhaltung irgendwelcher abstrakter bürokratischer Regeln, die kein normaler Mensch mehr wirklich nachvollziehen kann (die meisten Politiker anscheinend auch nicht wirklich - oder warum brechen oder "strecken" sie die sonst in schöner Regelmäßigkeit und nach Belieben?).

    Sondern um VERANTWORTUNG.

    Um die "ganz normalen" griechischen Bürger (sprich: Menschen wie Du und ich). Die nicht erst in den vergangenen Jahren schwer unter ihrer korrupt-kleptokratischen „Eliten“ zu leiden haben, nicht nur wegen des entsprechend maroden Zustands der Wirtschaft.

    Was die griechische Bevölkerung jetzt tatsächlich ganz dringend brauchen würde, wäre (m.E.) zuallererst die Schaffung eines gangbaren Wegs, ihren hoffnungslos verfilzten und von der demokratischen Struktur her längst überkommenen Regierungsapparat (also SÄMTLICHE Politiker, jedwelcher Couleur) ein für allemal loszuwerden.

    Damit die griechischen Bürger, die so etwas wie Verantwortungsgefühl im Leib haben (doch, die gibt’s dort genauso wie hier!) endlich selbst etwas aufbauen dürfen.
    OHNE sich dabei wie bisher an völlig überflüssigen bürokratischen oder sonstigen Hindernissen „aufzuhängen“.

    Auf Deutsch gesagt heißt das (Teil 2 folgt):

  • Teil 2:

    Der Sinn der "Europäischen Union" (jetzt mal abgesehen von den Vorteilen, die dadurch per se allen Mitgliedern entstanden sind) dürfte jedenfalls nicht darin liegen, alles abzugreifen, was man kriegen kann. Und sobald es darum geht, selber einen zu leisten, ist dann "Ende".

    Wie wir alle wissen, leben wir inzwischen im IT-Zeitalter.

    Das eröffnet jedem Bürger die Chance (und die Pflicht!), selbst die Verantwortung für die Politik (d.h., für die Beantwortung aller das gemeinsame gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben betreffenden Fragen) zu übernehmen.

    Diese Chance müssen wir nutzen.

    Es ist nämlich AUCH EINE ILLUSION, zu glauben dass Politiker mehr Ahnung von der gerade zur Entscheidung anstehenden Materie hätten als die Experten ihres jeweiligen Fachgebiets.

    Kein erwachsener Mensch ist heute mehr auf Politiker angewiesen, die ihm die Welt – dabei zwangsläufig von der jeweiligen rein persönlichen Perspektive ausgehend - erklären.

    Willkommen im 21. Jahrhundert!

  • @Herr Reinhold Lowin:

    »…(betrügerisch erlangte) Teilnahme«

    Unter dieser Expertise prangte das Siegel von Goldman Sucks! Wer das ist wissen mittlerweile nicht nur Insider.

  • ...das ist alles nicht mehr lustig! Nur noch Griechenland mit seinen beiden Verhandlungs-Kasper ist offensichtlich maßgebend. Sämtlich Medien berichten ausschließlich über die "armen, armen" Griechen. Ohhhh ja Mensch.....50 Jahre über die eigenen Verhältnisse gelebt, jetzt pleite und die bösen, bösen Geberländer rücken keine Kohle mehr raus. Das ist schon sehr, sehr gemein....!!

    Hallo....schon mal gehört, das wir andernorts -auch hier bei uns!!!- Menschen haben, die auch arm sind und denen es auch dreckig geht?? Das interessiert wohl niemanden mehr. Und sollte die "griechische Liegestuhl-Abgabe" weitergehen, bin ich schon gespannt darauf, wie das den Geber-Völkern, die das bezahlen müssen obwohl es denen teilweise schlechter geht als den Griechen, noch nahe gebracht werden kann....

  • Es geht nicht um die Frage einer Abstimmung zu dem aktuellen Hilfspaket. Es geht um den Zeitpunkt! Das hätte der Grieche sich einige Tage früher überlegen sollen.

    Griechenland soll endlich mal ernst machen und bei den Oligarchen Steuern erheben und sich nicht immer hinter Einwänden verstecken, daß man aus der Schweiz die erforderlichen Informationen nicht erhalte. Ein Schweizer hat Freitag im Fernsehen gesagt, daß man den Griechen die Fragen geschickt habe, die sei stellen müssen, damit sie die gewünschten Informationen bekommen.

    Seit dem Antritt der neuen Regierung wird in Griechenland nicht mehr regiert und deswegen muß man sich über nichts mehr wundern!

  • bereits aus 2012, man hätte es also an verantwortlicher Stelle wissen müssen.

    Für den, den es trotdem interessiert:

    https://www.youtube.com/watch?v=ZoqGDcQ0wCg

  • In Wahrheit hat Tsipras die Gläubiger doch mit folgenden Fragen konfrontiert :
    1. Wieviel ist Euch die Aufrechterhaltung der Währungsunion in ihrer jetzigen Form
    2. Wieviel ist Euch Griechenland unter geopolitischen Aspekten
    3. Wieviel ist Euch Griechenland als "Schutzwall" gegenüber Flüchtlingsströmen
    eigentlich wert ?
    Die endgültige Antwort auf diese Fragen ist noch nicht gegeben.

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