Konflikt mit China: Der Richtungsstreit von Taiwans Superreichen
Duell der Milliardäre: Robert Tsao (l.) und Terry Gou.
Foto: Imago, BloombergTaipeh, Tokio. Der Präsidentschaftswahlkampf in Taiwan könnte zum Duell zweier Milliardäre werden: Auf der einen Seite steht Terry Gou, Gründer des größten Auftragsfertigers für elektronische Produkte weltweit, Hon Hai Precision Industry, besser bekannt als Foxconn. Er hat gerade seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im Januar erklärt.
Auf der anderen Seite steht Robert Tsao, Gründer von United Microelectronics Corporation (UMC), dem zweitgrößten Chiphersteller des Landes, der seine Bekanntheit als politischer Influencer nutzt. Der eine gilt als chinafreundlich, der andere pumpt Millionen von Dollar in den Widerstand gegen das Reich der Mitte.
Erst vergangene Woche brachte sich Gou in Stellung: Militärisch salutierte er in die Fernsehkameras, die rechte Hand am Schirm einer Baseballkappe, auf der die Flagge der Republik China prangte, wie Taiwan offiziell heißt. In einer flammenden Rede erklärte er seine Kandidatur.
Gou will von der wachsenden Kriegsangst profitieren, die er dem chinakritischen Kurs der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei zuschreibt. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und droht im Falle einer Unabhängigkeit mit Krieg. Das will Gou mit seinem Wahlsieg verhindern – und den Dialog mit Peking suchen.
Gou ist Gründer des größten Auftragsfertigers für elektronische Produkte weltweit und will neuer Präsident Taiwans werden.
Foto: Bloomberg„Ich werde nicht zulassen, dass Taiwan die nächste Ukraine wird“, sagte der 72-Jährige in Anspielung auf die russische Aggression gegen den kleineren Nachbarn. „Ich verspreche, der Straße von Taiwan für die nächsten 50 Jahre Frieden zu bringen“, auf beiden Seiten solle ein „tiefes Fundament gegenseitigen Vertrauens“ entstehen.
Taiwan: UMC-Gründer Tsao investiert Millionengelder in Zivilschutzgruppen
Das Versprechen des Foxconn-Gründers stößt vor allem bei einem seiner Nachbarn in Taipeh auf Zweifel – bei Tsao, dem anderen Milliardär: „Gou als pro-chinesisch zu bezeichnen ist vielleicht zu höflich“, sagte Tsao noch vor Gous Kandidatur. Sein Verdacht: „Er wird tatsächlich ziemlich stark von China kontrolliert.“
Tsao hingegen macht öffentlich Front gegen Chinas Versuche, sich Taiwan einzuverleiben. Das Handelsblatt hat er vor der Kandidatur in eines seiner Luxusappartements im Herzen Taipehs eingeladen, das er zum Youtube-Studio umfunktioniert hat. Von hier doziert er über Kunst, Philosophie und Politik.
Im legeren Anzug sitzt er beim Tee, sein Auftritt wirkt überhaupt nicht martialisch. Dabei investiert er 100 Millionen Dollar in Zivilschutzgruppen, um Taiwans Bevölkerung auf Graswurzelebene auf den Widerstand gegen Chinas Propaganda und eine mögliche Invasion vorzubereiten. „Selbst gute Waffen sind nichts wert, wenn die Menschen nicht kämpfen wollen“, sagt er. Kurzfristig würden die Präsidentschaftswahlen eine große Schlacht werden. „Ich glaube, das ist Pekings oberste Priorität.“
Tsao hat 100 Millionen Dollar in Zivilschutzgruppen investiert, um die Bevölkerung auf eine mögliche Invasion Chinas vorzubereiten.
Foto: ReutersSung Wen-ti, Taiwanexperte an der Australian National University, sagt: „Die USA beobachten die Wahlen in Taiwan sehr genau.“ Denn wegen Chinas ungewisser Reaktion auf den Wahlausgang steht viel auf dem Spiel. Cliff Kupchan, Vorsitzender der renommierten Strategieberatung Eurasia Group, warnt gar in einer Analyse: „Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Taiwan könnten zu einer Konfrontation zwischen den USA und China führen.“ Die Folgen für die Welt wären möglicherweise verheerend, denn Taiwan ist der größte Lieferant modernster Computerchips.
Präsidentschaftswahlkampf in Taiwan: Zwei gegensätzliche Lager
Grund für Kupchans Sorge ist der aufkeimende Lagerwahlkampf. Taiwan wird immer mehr zum Zunder, der den Konflikt der beiden Großmächte zur Explosion bringen könnte. So hat Chinas Führer Xi Jinping die Wiedervereinigung mit Taiwan zu einem der wichtigsten Pfeiler seiner Zukunftsstrategie erklärt, untermauert durch massive Aufrüstung und Kriegsdrohungen gegen Taiwans „Separatisten“.
US-Geheimdienstkreisen zufolge hat Xi seine Militärs sogar aufgefordert, sich bis 2027 auf einen Angriff auf Taiwan vorzubereiten. Inzwischen kursieren auch frühere Termine. Die USA halten dagegen – mit immer größeren Waffenverkäufen und Politikerbesuchen auf der Insel, die wiederum Chinas Führung ärgern.
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Dahinter steht ein Balanceakt: Zwar ließen die USA in den 1970er-Jahren ihren langjährigen Verbündeten Taiwan fallen und erkannten die Volksrepublik als Vertretung Chinas an. Doch 1979 sicherten sie der Insel im „Taiwan Relation Act“ Hilfe gegen eine chinesische Invasion zu, ohne jedoch genau zu definieren, wie diese aussehen könnte. Mit dem Großmachtkonflikt ist allerdings die strategische Bedeutung der Insel als Chiphersteller und Riegel gegen Chinas Vorstöße in den Pazifik gewachsen.
In China wäre ein Sieg des oppositionellen „blauen“ Lagers, bei dem Gou und zwei weitere Politiker um die Präsidentschaft wetteifern, willkommen. Dieses Lager will sich zwar nicht von den USA lossagen, spricht sich aber zumindest für Gespräche mit China, wenn nicht für eine Annäherung aus.
Der Kandidat des regierenden „grünen“ Lagers dagegen sei in Peking „ein Feindbild“, erklärt Außenpolitikexperte Kupchan. Taiwans Vizepräsident Lai Ching-te habe lange als Befürworter einer formalen Unabhängigkeit gegolten, die in China als „rote Linie“ gesehen werde, sagt Kupchan. Inzwischen sei Lai auf den pragmatischeren Kurs von Präsidentin Tsai Ing-wen eingeschwenkt. Demnach müsse Taiwan seine Unabhängigkeit nicht offiziell erklären, da die Insel de facto unabhängig sei.
Im „Taiwan Relation Act“ sichern die USA dem Inselstaat Hilfe im Falle einer chinesischen Invasion zu, nur ist die Art und Weise der Unterstützung nicht klar im Abkommen definiert.
Foto: IMAGO/ABACAPRESSDoch auch diese Position wurde von Peking mit einer diplomatischen Eiszeit sowie wirtschaftlichem und wachsendem militärischen Druck bestraft. Erst diesen Monat reagierte China auf einen Zwischenstopp Lais in den USA mit einem Großmanöver und mit einem Importverbot für Mangos, das vor allem die Bauern in Südtaiwan trifft – dort ist die Regierungspartei stark und Lai hat hier seinen Wahlkreis. Weitere Aktionen, von Cyberangriffen über Manöver bis hin zu leichten Blockaden Taiwans, könnten folgen, warnt Kupchan.
China-Konflikt: Warum Taiwans Milliardäre politisch wurden
Genau diese wachsende Angst vor einem Krieg hat die beiden Magnaten politisiert. Fast zeitgleich begannen sie, sich zu engagieren, wenn auch in entgegengesetzten Richtungen. UMC-Gründer Tsao wandelte sich 2019 vom Vermittler zum antichinesischen Heißsporn. „Nach meiner Pensionierung habe ich zunächst versucht, eine Lösung zu finden, um Frieden zu schaffen“, erinnert sich Tsao. Er nutzte seine Kontakte in China, um für seine Idee einer Wiedervereinigung zu werben.
Die chinesische Führung solle ihre Vorschläge in Taiwan zur Abstimmung stellen – und bei Ablehnung später wiederkommen. „Ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dass dies der einzige zivilisierte Weg ist, das Problem zu lösen“, sagt Tsao. Doch Chinas Vorgehen gegen die Massenproteste in Hongkong 2019 holte ihn auf den Boden der Tatsachen in Xis China zurück.
„Ich habe gesehen, wie brutal die Proteste niedergeschlagen wurden“, erinnert er sich. Ein weiterer Schock: China brach das Abkommen mit Großbritannien von 1997, in dem die Kommunisten der ehemaligen Kolonie 50 Jahre Autonomie versprochen hatten.
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Tsao gab seinen Wohnsitz in Hongkong auf, ließ sich gänzlich in Taiwan nieder, um daheim gegen China zu agitieren. 2022 tauschte er sogar seinen erst 2011 erworbenen Pass des Stadtstaats Singapur wieder in einen taiwanischen um, als Zeichen der Solidarität. Noch aktiver wurde er dann im Sommer 2022, nach dem Taiwanbesuch von Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses.
Damals unterstrich Xi mit großen Militärmanövern, dass seine Drohung, Taiwan notfalls militärisch heim ins Reich zu holen, nicht rhetorisch gemeint war. „Da bin ich aufgesprungen und habe gesagt: Das ist zu viel“, erzählt Tsao noch heute wütend. Und er begann, zum Financier des Widerstands zu werden.
Auch Foxconn-Gründer Gou wurde durch die rapide Verschlechterung der Beziehungen zwischen China und Taiwan aufgeschreckt, die Taiwans und sein bisheriges wirtschaftliches Erfolgsmodell bedroht. Seit Taiwan 1987 ein Investitionsverbot für China aufgehoben hat, sind die beiden Volkswirtschaften eng miteinander verflochten.
Schon 2019 trat Gou als Foxconn-Chef zurück, um politisch aktiv zu werden – doch die Partei KMT lehnte seine Präsidentschaftskandidatur ab.
Foto: ReutersSo gehören taiwanische Unternehmen zu den wichtigsten Investoren in China, allen voran Foxconn. Im Jahr 2020 war Gous Imperium mit 1,3 Millionen Beschäftigten Chinas größter Arbeitgeber und Exporteur. Für die aktuelle Krise machte Gou zuletzt eindeutig die DFP verantwortlich. Die seit sieben Jahren regierende Tsai-Partei habe „Taiwan nach außen in die Gefahr eines Kriegs geführt, nach innen ist ihre nationale Politik voller Fehler“.
Bereits 2019 trat er daher als Foxconn-Chef zurück – und bewarb sich bei der konservativen Kuomintang (KMT), die Taiwan bis zur Demokratisierung diktatorisch regiert hatte, als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Januar 2020. Die KMT vertritt offiziell nach wie vor den „Konsens von 1992“: Demnach erkennen beide Seiten die Existenz eines Chinas an, akzeptieren aber stillschweigend, dass es unterschiedliche Interpretationen gibt.
Taiwan: Foxconn-Gründer Gou will die Opposition einen
Die KMT lehnte seine Kandidatur damals und auch im Mai 2023 ab. Denn Gou galt vielen Wählern lange Zeit als zu chinafreundlich. Deshalb tritt er nun als unabhängiger Kandidat an. Sein erklärtes Ziel: Er will die mit ihm in drei Kandidaten zersplitterte Opposition unter einer Wahlplattform integrieren, möglichst mit ihm als Spitzenkandidaten.
Die Logik leuchte jedem ein, meint die chinafreundliche Kommentatorin Huang Chih-hsien: „Im Idealfall gibt es einen Kampf eins gegen eins.“ Denn je zerstrittener die Opposition sei, desto mehr sichere sie die Wahl Lais – und verspiele damit die historische Chance auf einen Machtwechsel.
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Gestützt auf Umfragen glaubt Huang, dass eine Mehrheit der Wähler einen Machtwechsel wünscht. Und die DFP hat Probleme: Die Unzufriedenheit mit ihrer Wirtschaftspolitik und anderen Fehlern führte vor einem Jahr in Regionalwahlen zu einer krachenden Niederlage. Vor allem bei den unter 30-Jährigen ist die Partei schwach, da gerade diese Gruppe unter stagnierenden Einkommen sowie steigenden Mieten und Immobilienpreisen leidet. Dennoch würde Vizepräsident Lai derzeit als Sieger aus Wahlen hervorgehen, warnt Huang.
Einer jüngst veröffentlichten Meinungsumfrage der Online-Nachrichtenseite My Formosa zufolge führt Vizepräsident Lai das derzeitige Viererfeld mit 39,1 Prozent an. Dahinter folgen Ko Wen-je, Vorsitzender der zentristischen Taiwan People’s Party, mit 17,7 Prozent, KMT-Kandidat Hou Yu-ih mit 16,3 Prozent und als Schlusslicht der Milliardär Gou mit zwölf Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine geeinte Opposition auf einen Sieg hoffen kann.
Der Konfrontationskurs mit China könnte in Taiwan gut ankommen.
Foto: IMAGO/ZUMA WireAllerdings wird es Gou nicht leicht haben, das Oppositionstrio zu vereinen. Schon allein die Egos der Kandidaten gelten als Hindernis. Zudem nimmt die KMT ihm übel, dass er nach seiner Nichtnominierung versprochen hatte, Hou zu unterstützen – und nun doch selbst antritt.
Für Gou spreche, dass er reich genug sei, um sich einen Sieg zu erkaufen, meint Huang. Laut „Forbes“ ist Gou derzeit mit einem Vermögen von 7,4 Milliarden Dollar der sechstreichste Taiwaner. Zudem ist er in den vergangenen Monaten durch das Land gereist und hat Beziehungen zu lokalen KMT-Gliederungen und zu religiösen Gruppen und Tempeln aufgebaut, die für die politische Mobilisierung auf dem Land wichtig sind.
Gou will es wissen, positioniert sich als „einziger Unternehmer mit Managementfähigkeiten“ im Kandidatenfeld. So versprach er den Wählern neben Frieden auch Wohlstand. „Ich werde Technologie und Wirtschaft so entwickeln, dass Taiwan in 20 Jahren Singapur überholt und der reichste Mann Asiens wird“, sagte er. „Wenn Singapur das kann, kann Taiwan es auch.“
Die große Unsicherheit: Was wollen die Kandidaten eigentlich?
Der DFP wäre es recht, wenn der Milliardär das Rennen macht. Gegen ihn wäre es am einfachsten, mit der Chinakarte Wahlkampf zu machen, meint ein DFP-Politiker. Doch die Oppositionskandidaten, selbst Terry Gou, erschweren diesen Schachzug. Sie rücken wenigstens oberflächlich an ein klares Bekenntnis zu Taiwan heran, um es sich nicht mit den Wählern zu verscherzen.
Laut einer jährlichen Umfrage der National Chengchi University sehen sich inzwischen 63 Prozent der Bewohner als Taiwaner und nur noch 30,5 Prozent als Chinesen und Taiwaner. Rein als Chinesen empfinden sich nur noch 2,5 Prozent, ein neuer Tiefstwert.
Changs Unternehmen investiert unter anderem in Deutschland, Japan und massiv in die USA.
Foto: ReutersZudem hat selbst Morris Chang, der Gründer von Taiwans Chipriese TSMC, eine enge Bindung an die USA akzeptiert. „Die Globalisierung in der Chipindustrie ist tot“, sagte er Ende 2022. TSMC investiert daher ein bisschen in Deutschland und Japan, aber massiv in den USA.
Diesem Druck beugt sich selbst ein Terry Gou, zumindest verbal. Vor gut zwei Wochen erklärte er auf der Insel Kinmen, die in Sichtweite Chinas liegt, in einer „Botschaft an China“: „Das taiwanische Volk wird niemals die Initiative ergreifen, einen Krieg zu beginnen, aber es ist auch unmöglich, vor einem Krieg zurückzuschrecken.“
Ob China mit der Abwahl der DFP wieder gesprächsbereit wäre und weiter einen Balanceakt zwischen den Großmächten tolerieren würde, wie die Oppositionskandidaten vermuten, ist ebenso offen wie die Reaktionen in den USA. Taiwanexperte Sung meint, dass die USA eine Führungspersönlichkeit bevorzugten, die sich klar mit der breiteren, werteorientierten Strategie der USA identifiziere. Eine, die bereit sei, die Beziehungen zu Peking pragmatisch zu gestalten, und die es ernst meine mit Taiwans Beitrag zur eigenen Sicherheit. Der nun beginnende Wahlkampf wird zeigen, wer diesem Profil am ehesten entspricht.
Erstpublikation: 04.09.2023, 20:40 Uhr.