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US-Zwischenwahlen Wie Trump Aggressionen gegen die Medien schürt

Gebet, Nationalhymne, Schimpforgie gegen die Medien: Kurz vor den Kongresswahlen sind Trump und seine Anhänger im Kampagnenmodus. Besuch einer Kundgebung in Cleveland.
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USA: Wie Donald Trump Aggressionen gegen die Medien schürt Quelle: Reuters
Sie wollen Trump

Unterstützer des amerikanischen Präsidenten bei einem Wahlkampfauftritt im US-Bundesstaat Ohio.

(Foto: Reuters)

ClevelandRandlose Brille, Wollpullover, grau meliertes Haar: Der Mann an der Einfahrt zur Messehalle in Cleveland sieht aus der Ferne ganz respektierlich aus. Aber aus der Nähe ändert sich der Eindruck schlagartig. „Trump-Wähler sind weiß und haben einen kleinen ...“ steht auf dem Schild. Der Ausdruck ist zu vulgär, um ihn zu nennen.

Trotzig hält der Amerikaner das Schild jedem Autofahrer entgegen, der zum I-X Kongresszentrum einbiegt. Rund 10.000 Anhänger von Donald Trump kommen in die Hallen, um ihr Idol zu sehen. Es ist Montag, ein Tag vor den Kongresswahlen. Trump fliegt seit Tagen mit der Air Force One durch die USA, um für Stimmen zu werben.

Eine der letzten Stationen ist Ohio, ein sogenannter „Swing State“ – hier können die Kandidaten sowohl von den Republikanern als auch den Demokraten Sitze im Abgeordnetenhaus und Senat gewinnen.

Wie läuft so eine Rally ab? Trump ist berühmt für seine Redekunst, die zwischen vulgären Beleidigungen und kunstvoller Rhetorik schwankt. Kollegen berichten vom Ausbuhen der Reporter, die sich in einem Pressebereich aufhalten müssen und leicht auszumachen sind.

Die Akkreditierung als Journalist ist nicht einfach. Eine Bestätigung wird nie verschickt, die Anreise erfolgt also auf eigenes Risiko. Aber am Presseingang ist der Name auf der Liste, Einlass also kein Problem – aber nur, wer zwei Stunden vorher da ist. Reguläre Besucher müssen sich ebenfalls vorher anmelden und drei Stunden früher da sein.

Cathy und Thomas Perk unterstützen Trump in Ohio – und fürchten sich vor den Demokraten.
Trump-Fans

Cathy und Thomas Perk unterstützen Trump in Ohio – und fürchten sich vor den Demokraten.

In der Halle haben viele die rote Trump-Kappe auf oder tragen rote Hemden und T-Shirts. Rot ist die Farbe der Republikaner. An einem Stand werden die Utensilien verkauft: Die Kappe kostet 25 Dollar, ein T-Shirt 20 Dollar.

Die Messehalle ist mit schwarzen Vorhängen abgeteilt. Die Kundgebung sei eine der Kleineren, erzählt Kathy Perk. Die 68-Jährige ist treue Trump-Wählerin und war schon auf anderen Kundgebungen. „Nächstes Jahr fahren wir auf der Donau und besuchen Deutschland“, sagt Kathy, die mit ihrem Mann Thomas Perk gekommen ist.

Es sei schon ironisch, dass sie Trump wähle, sagt Kathy. Ihre Eltern immigrierten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Griechenland in die USA. Ihr Vater sei Ingenieur gewesen, habe sich dann anfangs als Tellerwäscher durchgeschlagen – um später eine Firma zu gründen und „den amerikanischen Traum zu leben“.

Ihr Vater habe noch Englisch von seinen Kindern gelernt. Ganz anders heute, wo man bei jeder Telefonansage im Amt „die Eins für Spanisch“ drücken könne.

Trump startet Frontalangriff – „Wir treiben die Demokraten in den Wahnsinn“

Ob sie denn nicht die manchmal beleidigende Art von Trump gegenüber Frauen störe? Viele bekannte Männer seien ja so, antwortet sie. Auch könne ein Fehlverhalten nicht ausschließen, dass jemand ansonsten etwas Vernünftiges auf die Beine stellen könne. Überhaupt ginge es bei der Wahl um Kapitalismus gegen Sozialismus. „Die Demokraten machen mir Angst“, sagt die frühere Angestellte des Bundesstaates Ohio.

Trump ist der Aufstand der Vergessenen

Ihr Mann Thomas ist wortkarger. 35 Jahre lang hatte er als Feuerwehrmann in Cleveland sein Leben riskiert. Nächstes Jahr will er mit dem Deutschlandurlaub seinen 70. Geburtstag feiern. „Manche sagen, Hillary Clinton hätten mehr Menschen als Trump gewählt“, sagt er. „Ja, aber die wohnen ja fast alle in New York oder Los Angeles”. Trump sei der Aufstand der Vergessenen in der Mitte des Landes.

Nett und freundlich wie das Ehepaar Perk sind viele der Besucher. Keine Pöbeleien, höflich wird sich der Vortritt gelassen. „Die Demokraten gewinnen das Repräsentantenhaus“, sagt Justin Abdilla ganz gelassen. Der Anwalt ist zum ersten Mal auf einer Trump-Rally, steht mit roter „Make America Great Again“-Kappe in der Messehalle in Cleveland.

Der 29-Jährige wählte mit Trump erstmals einen Republikaner. Obama enttäuschte ihn mit seiner „aggressiven Außenpolitik“, seiner Meinung nach gab es zu viele militärische Eingriffe. „Zugegebenermaßen ist die Rhetorik von Trump fürchterlich“, sagt Abdilla. „Aber bislang hält er sich mit dem Militär mehr zurück als andere Präsidenten.“

Das Programm beginnt. Der Saal verwandelt sich in eine Riesenkirche, als ein schwarzer Prediger ein Gebet spricht, die US-Regierung segnet und ihr Erfolg im Namen von Jesus Christus wünscht. Eine weiße Frau singt dann die Nationalhymne. Selbst die hartgesottenen Reporter stehen auf und legen die Hand aufs Herz.

Nach ein paar mäßigen Reden von Lokalpolitikern tritt die Hauptattraktion auf die Bühne. Trump badet sich minutenlang im Applaus und „USA, USA“-Rufen.

Seine Rede hält er gekonnt. Stolz zählt er die neuen Arbeitsmarktzahlen auf, listet angekündigte Investitionen von Unternehmern in Ohio auf. Für ein paar Minuten tritt seine Tochter Ivanka auf die Bühne und lobt ihren Vater, der sich „jede Minute im Amt um Arbeit und die Menschen kümmert“.

Wütende Menschenmassen gegen zwei Dutzend Journalisten

Sachlich bleibt Trump aber keineswegs. Dazwischen streut er immer wieder haarsträubende Bemerkungen über „illegal aliens“ in den USA ein. „Alien“ steht dabei als Ausdruck sowohl für Ausländer wie Außerirdische. Demokraten beschimpft er als Sozialisten, die einem das „hart verdiente Geld“ aus der Hosentasche ziehen wollen: „Sie sind wie eine Abrissbirne für die Volkswirtschaft.“

Der Höhepunkt für die Reporter kommt, als er sich über die Medien aufregt. Sie würden die Wahrheit verzerren, beispielsweise über die Kundgebung kaum berichten oder sie herunterspielen. Als er das Verdikt „Fake News“ vom Rednerpult donnert, drehen sich die Menschen um und buhen die Journalisten aus, die vielleicht mit zwei Dutzend in ihrem mit Gittern abgesperrten Bereich einer wütenden Menschenmasse gegenüber stehen.

Nach der einstündigen Rede versammelt sich eine größere Menge vor der Pressetribüne, hält Schilder hoch und konfrontiert die Journalisten. „Ihr versagt erbärmlich“, ruft ein Mann, vielleicht Mitte Fünfzig: „Fünfte Kolonne.“

Fast eine Dreiviertelstunde dürfen die Journalisten nicht aus ihrem zugewiesenen Bereich. Eine streng schauende Frau mit Knopfstöpsel im Ohr und „White House“-Anstecker versperrt den Weg. Zur eigenen Sicherheit? Wohl kaum, denn trotz der Beschimpfung sind die Besucher eher wieder nett und freundlich wie zuvor.

Beim Rausfahren mit dem Auto lassen sich alle artig vor, obwohl der Stau und die Wartezeit wirklich lang sind. Nach einer Zeit gibt es dann ein wildes Hupkonzert – weil die Air Force One über die Autodächer donnert und in den dunklen Wolken verschwindet.

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