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Konjunktur Die Wirtschaft wacht auf – der Aufschwung beginnt

Nach der Corona-Schockstarre kehrt das Leben in die Betriebe zurück. Der Einzelhandel hat den Einbruch des Aprils schon aufgeholt, die Industrie zeigt ein gemischtes Bild.
01.07.2020 - 19:03 Uhr Kommentieren
Die Umsätze sind im Mai gestiegen. Quelle: dpa
Einzelhandel

Die Umsätze sind im Mai gestiegen.

(Foto: dpa)

Berlin, München, Düsseldorf Es waren die Shutdowns, die im März und April die Wirtschaft weltweit abgewürgt haben. Es sind seit Mitte Mai die Lockerungen, die – jedenfalls in Deutschland und weiten Teilen Europas  – eine spürbare Erholung in Gang gesetzt haben. „Seither gibt es die Erholung“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Das Münchner Ifo-Institut hat durch seine monatliche Geschäftsklima-Umfrage unter 9000 Firmen einen sehr frühen Einblick in das Konjunkturgeschehen. Im Mai und Juni war dieser Stimmungsindikator sehr stark angestiegen – so, wie er zuvor brutal abgestürzt war.

Tatsächlich senden seit Juni viele Frühindikatoren Hoffnungszeichen auf wirtschaftliche Erholung. Der Lkw-Maut-Index, der die gefahrenen Lastwagenkilometer misst, zeigt seit den Lockerungen Wachstum. Handy-Mobilitätsdaten von Google deuten auf Bewegung von Menschen, die immer auch eine wirtschaftliche ist.

Derartige „Now-Castings“, Echtzeitbeobachtungen, sind für Konjunkturforscher enorm wichtig geworden. Denn die in Normalzeiten so zuverlässigen langen Datenreihen sind mit dem Lockdown-Einbruch des Aprils 2020 unbrauchbar: Die Schätzungen der Einbruchstiefe reichen von minus 15 bis minus 20 Prozent allein für diesen einen Monat.

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    Dass die Wirtschaft sich aus dieser „Konjunkturschlucht“, wie sie die Deutsche-Bank-Volkswirte nennen, wieder herauskämpft, zeigten am Mittwoch etwa die Einzelhandelszahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach stiegen die Einzelhandelsumsätze im Mai 2020 real um 3,9 Prozent gegenüber dem Mai des Corona-freien Vorjahres.

    Im Vergleich zum April 2020 ist der Einzelhandelsumsatz demnach sogar um 13,9 Prozent gestiegen. Damit konnte der Einzelhandel die Corona-bedingten Umsatzeinbußen der Vormonate wieder ausgleichen, so die amtlichen Statistiker.

    Zum Herbst könnten Insolvenzen drohen

    In dieser guten Nachricht verbergen sich vermutlich länger anhaltende Veränderungen. Das größte Plus nämlich erzielte der Internet- und Versandhandel mit 28,7 Prozent gegenüber April. Und noch keinen Aufschwung erlebten typische Innenstadt-Geschäfte, die Textilien, Bekleidung, Schuhe und Lederwaren verkaufen.

    Grafik

    Trotz Hoffnungszeichen rechnen auch die eher optimistischen Ifo-Ökonomen nicht mit einem Aufschwung, der so schnell kommt wie zuvor der Abschwung; also einer Konjunkturkurve, die aussieht wie der Buchstabe „V“.

    Nach dem kräftigen Wachstum des dritten Quartals dürfte die Erholung langsamer vorankommen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer etwa vergleicht sie mit dem mathematischen Wurzelzeichen.

    Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest rechnet im Herbst mit Insolvenzen, vor allem im Gast- und Veranstaltungsgewerbe und wohl auch in Teilen der Industrie. „Es werden Arbeitsplätze verloren gehen, und die Frage ist, wie viele wo wie schnell entstehen werden“, sagte er.

    Der Industrie geht es zwar merklich besser als vor drei Monaten. Das sagt sogar DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, der nach der Juni-Konjunkturumfrage unter 8500 Firmen am Dienstag ein düsteres Konjunkturbild malte. Es geht ihr aber noch längst nicht gut.

    „Die Industrie leidet jetzt nicht mehr unter einem Angebots-, sondern unter einem Nachfrageproblem“, sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Das Angebotsproblem, etwa die während der Grenzschließungen und Lockdowns gerissenen Lieferketten, sei großenteils überwunden. „Die Lockdowns in China, in Italien, in Süd- und Osteuropa sind Geschichte“, sagte er dem Handelsblatt.

    Viele Unternehmen stellen sich auf schwierige Zeiten ein. Quelle: dpa
    Maschinenbau

    Viele Unternehmen stellen sich auf schwierige Zeiten ein.

    (Foto: dpa)

    Die Autoindustrie sieht bereits Lichtblicke: Nach BMW hat auch Volkswagen zum 1. Juli die Kurzarbeit in den deutschen Werken aufgehoben. Die Werke seien zu 75 bis 95 Prozent ausgelastet, die Nachfrage ziehe wieder an, erklärte der Konzern.

    Allerdings ist das nur eine Momentaufnahme: Bislang werden vor allem die „aufgestauten“ Bestellungen abgearbeitet, die während des Shutdowns aufgelaufen sind, sagte ein hoher Automobilmanager dem Handelsblatt. Während sich die Nachfrage in Deutschland langsam erhole, lägen die wichtigen Exportmärkte Frankreich, Italien und Großbritannien weiter am Boden.

    Überkapazitäten in der Autobranche

    Sicher ist: Die Branche sitzt auf Überkapazitäten. Das ICI-Institut der Universität St. Gallen geht davon aus, dass die Autoproduktion in Deutschland in diesem Jahr auf 3,8 Millionen Autos sinken dürfte, das sind 1,3 Millionen weniger als im Jahr 2018. Die Unternehmen reagieren bereits mit Stellenstreichungen und revidieren ihre Ausbaupläne:

    VW stoppte am Mittwoch den Bau eines Werks in der Türkei. BMW und Mercedes haben ihre Ausbaupläne in Ungarn ebenfalls auf Eis gelegt. Vor allem der Maschinenbau dürfte nach Beobachtungen Felbermayrs noch länger unter der Krise leiden, weil er vor allem Investitionsgüter produziert.

    „Dafür ist weltweit die Nachfrage eingebrochen, weil jetzt zunächst die vorhandenen Kapazitäten ausgelastet werden müssen, bevor neue Maschinen gekauft werden. Die Industrie leidet vermutlich noch länger unter dem flauen Export“, so Felbermayr.

    Christian Thönes, Vorstandschef des Bielefelder Werkzeugmaschinenherstellers DMG, nennt die aktuelle Krise substanziell: „Wir spüren eine große Unsicherheit im Markt. Es ist essenziell, die Zeit nun klug zu nutzen: Innovationen sind der einzige Weg aus der Krise“, sagte er dem Handelsblatt. Er setzt auf Modernisierung. „Kostendisziplin ist wichtig, zielgerichtete Investitionen in die Zukunft sind aber noch wichtiger“, sagte Thönes.

    VW beendet die Kurzarbeit. Quelle: dpa
    Autoindustrie

    VW beendet die Kurzarbeit.

    (Foto: dpa)

    Immerhin: In Frankreich und Irland zeigt etwa der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zonen-Industrie des Instituts IHS Markit wieder Wachstum an. Insgesamt aber reicht es bei diesem Frühindikator nur für die Überschrift: „Euro-Zonen-Industrie nähert sich im Juni der Stabilisierung an“ – am langsamsten in Deutschland. Laut IHS-Markit-Experte Paul Smith sei einerseits die Produktion hochgefahren worden.

    „Andererseits verharrt die Nachfrage auf sehr niedrigem Niveau“, sagte er. Und es fehle an Neuaufträgen. Insgesamt aber ist zumindest unter den börsennotierten deutschen Unternehmen die Zuversicht gewachsen.

    Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Prüfungsgesellschaft PwC unter Finanzvorständen börsennotierter deutscher Konzerne, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Danach erwarten mittlerweile 41 Prozent der Firmen, dass sie den Umsatzrückgang in diesem Jahr auf maximal zehn Prozent begrenzen können – ein deutlich besserer Wert als in der letzten PwC-Umfrage Anfang Mai.

    Die Zuversicht hat auch dazu geführt, dass die Finanzvorstände weniger Druck zu harten Kostensenkungen machen. Allerdings ist auch die Vorsicht bei den Unternehmen deutlich spürbar: Das Streichen und Strecken von Investitionen steht weiterhin ganz oben auf der Agenda.

    Diese Zurückhaltung dürfte die Rückkehr zum Wachstum bremsen. Zudem sehen die deutschen Unternehmen zwei klare Risiken für eine schnellere Erholung. Am meisten sorgen sie sich um den Zustand der Weltwirtschaft, von der sie als Exporteure stark abhängig sind.

    Binnenkonjunktur trägt das Wachstum

    Das andere große Risiko liegt für die Mehrheit der Finanzvorstände in der Entstehung einer zweiten Covid-19-Infektionswelle. Einen Einbruch des Verbrauchervertrauens fürchtet hingegen nur ein Drittel. Auch Ökonom Felbermayr setzt auf den Konsum: „Anscheinend haben wir jetzt das Glück, dass die Binnenwirtschaft uns aus der Rezession zieht.“

    Es habe sich schon in den letzten Jahren vor der Krise gezeigt, „dass die Binnenkonjunktur und nicht der Export aktuell das deutsche Wachstum trägt“, sagte er. Die Chemiehersteller, Deutschlands drittgrößter Industriezweig, nennen ein drittes Risiko: den möglicherweise harten Brexit.

    Ohne vertragliche Regelungen zwischen der EU und Großbritannien drohe zum Jahreswechsel ein neuer wirtschaftlicher Tiefschlag für beide Seiten – und das mitten in der erhofften konjunkturellen Erholungsphase, heißt es beim Branchenverband VCI.

    Bisher hat sich die deutsche Chemie robust durch die Krise bewegt. Das gilt besonders für Firmen, die Inhaltsstoffe für Nahrungsmittel, Konsumgüterprodukte und Arzneien herstellen. Damit konnte der Einbruch bei den Geschäften mit der Autoindustrie und der Öl- und Gaswirtschaft abgefedert werden.

    Dass die Branche im zweiten Halbjahr 2020 auf einen Wachstumspfad zurückkehrt, bezweifeln viele Experten. Analyst Markus Mayer von der Baader Bank erwartet für die Chemieindustrie einen Umsatzrückgang von zehn Prozent. Auch im 4. Quartal dürften die Vorzeichen in den meisten Segmenten der Branche noch negativ sein, wenngleich nur noch einstellig.

    Mehr: Einzelhandel nach Corona-Lockerung mit größtem Umsatzplus seit 1994

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