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Konjunktur Warum China die Weltwirtschaft dieses Mal nicht retten wird

In der Finanzkrise hat China maßgeblich zur Stützung der Weltwirtschaft beigetragen. In der Coronakrise wird das nicht funktionieren. Hier sind die Gründe dafür.
16.04.2020 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
China lässt die Krise langsam hinter sich. Quelle: AFP
Wuhan

China lässt die Krise langsam hinter sich.

(Foto: AFP)

Peking Ende vergangenen Jahres liefen die Geschäfte noch gut für Frau Tan. Die Managerin eines kleinen Autoteileproduzenten im Nordosten Chinas hatte im Schnitt 20 Bestellungen im Monat, die sie in alle Teile der Welt lieferte, auch nach Deutschland. Doch schon im Februar exportierte das Unternehmen nur noch wenig, sagt Tan. Seitdem das Coronavirus auch das Ausland fest im Griff hat, seien die Bestellungen um 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Ihre rund 20 Beschäftigten bezahlt Tan derzeit von den Rücklagen der Firma.

Obwohl in China der allergrößte Teil der Unternehmen nach dem verordneten wochenlangen Produktionsstopp ihren Betrieb wieder aufgenommen hat, hat sich die Lage insbesondere für jene Firmen, die Handel mit dem Ausland betreiben, nicht verbessert. Tans Firma lagert das, was sie seit Februar wieder produziert, direkt ein. „Die Situation jetzt ist schwieriger als während der Finanzkrise, zumindest hatten wir damals immer noch Kunden“, sagt Tan.

Der Einbruch der Nachfrage aus dem Ausland trifft China hart, denn auch die Binnennachfrage hat sich noch längst nicht erholt. Am Freitag veröffentlicht die Volksrepublik das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal. Erwartet wird, dass China den ersten Rückgang des Wirtschaftswachstums seit Beginn der offiziellen Quartalsveröffentlichungen im Jahr 1992 verkünden wird.

Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten rechnen im Schnitt damit, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal geschrumpft ist. Und auch der Blick auf das zweite Quartal fällt düster aus. „Das Wachstum im zweiten Quartal wird noch immer sehr gering sein“, sagt Wang Tao, China-Chefvolkswirtin bei der Schweizer Großbank UBS.

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    Anders als in der Finanzkrise vor zwölf Jahren wird China damit nicht die Rolle des Retters der Weltwirtschaft übernehmen. Damals hatte China die eigene Wirtschaft mit enormen Stimuli in Höhe von mehr als 500 Milliarden US-Dollar wieder auf Trab gebracht. Das entsprach 13 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung. Die anziehende Nachfrage aus der Volksrepublik half den anderen Ländern, sich zu erholen. „China hat die Weltwirtschaft in der Finanzkrise maßgeblich gestützt“, sagt Hanns Günther Hilpert, Leiter der Forschungsgruppe Asien bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). „Dieses Mal wird China bei weitem nicht die Konjunkturlokomotive sein wie damals“, prognostiziert er.

    Wahre Arbeitslosigkeit unklar

    Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen ist da die hohe Arbeitslosigkeit. Am Freitag wird Chinas aktuelle Arbeitslosenquote verkündet. Im Februar war sie auf 6,2 Prozent angestiegen – eine sehr hohe Zahl für China. Im Januar hatte sie noch bei 5,3 Prozent gelegen. Die wahre Quote dürfte jedoch noch viel höher sein, denn China nimmt die 293 Millionen Wanderarbeiter, die einen großen Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung ausmachen, gar nicht erst in seine Statistik mit auf.

    „Ich schätze, dass mindestens zehn Prozent der 293 Millionen Wanderarbeiter, und wahrscheinlich noch mehr, ihren Arbeitsplatz aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 auf den Dienstleistungssektor, in dem viele von ihnen arbeiten, verloren haben müssten“, sagt Michael Pettis, Finanzprofessor an der Peking University und Autor zahlreicher Bücher zur chinesischen Wirtschaft. Pettis schätzt die Arbeitslosenzahl auf doppelt so hoch wie von der chinesischen Regierung angegeben. Das entspräche rund 60 Millionen Arbeitslosen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Manche Beobachter rechnen sogar mit bis zu 200 Millionen Arbeitslosen.

    Das hat Folgen für den Konsum. Pettis glaubt, dass die Verbrauchernachfrage sich aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in diesem Jahr nicht mehr erholen wird. Die Menschen würden dauerhaft mehr sparen und weniger ausgeben.

    Hinzu kommt, dass Experten unisono nicht mit einem ähnlich hohen Stimulus-Paket wie 2008 rechnen. Die chinesische Regierung werde zwar ihre Ausgaben erhöhen, sagt UBS-China-Expertin Wang, „aber es wird weniger sein als im Jahr 2008.“ In den vergangenen Monaten hat China verschiedene Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft auf den Weg gebracht. Unternehmen bekamen Steuernachlässe und mussten nur einen Teil der Sozialabgaben zahlen. Zudem versorgte die chinesische Regierung die staatlichen Banken mit mehr Liquidität, damit sie mehr Kredite an die Unternehmen ausgeben.

    Grafik

    Seit kurzem haben verschiedene Lokalregierungen in China auch damit begonnen, Gutscheine an ihre Bürger zu verschenken, um den Konsum wieder anzukurbeln. Allerdings wirken die Aktionen nicht gut geplant und wenig durchdacht. In den sozialen Netzwerken tauschen sich die Menschen darüber aus, wofür sie die Gutscheine ausgeben – vor allem für Lebensmittel und Zigaretten. Größere Anschaffungen mag hingegen derzeit fast niemand tätigen. Allein im Februar brachen etwa die Autoverkäufe um rund 80 Prozent ein, im März um 40 Prozent.

    Grund für die derzeitige Zurückhaltung der chinesischen Regierung, die Wirtschaft noch stärker anzukurbeln, ist der hohe Schuldenstand der Volksrepublik. Das Institute for International Finance schätzt die Gesamtschulden Chinas auf 310 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das lässt wenig Raum für größere Ausgaben. Während der Finanzkrise war der Schuldenstand viel geringer.

    SWP-Experte: „Stimuluspaket könnte verpuffen“

    Die andere große Einschränkung Chinas besteht bei der Geldpolitik. Die Geldpolitik eines Landes, das seine Währung nicht frei konvertieren lässt, werde durch das Wachstum seiner Devisenreserven begrenzt, so Pettis. „Von 2008 bis 2011 wuchsen die Reserven während des letzten großen Konjunkturprogramms jährlich um 16 Prozent“ erklärt der Finanzexperte. „Seit 2016 stagnieren sie jedoch, und es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass sie steigen werden.“

    China muss zudem aufpassen, dass seine Banken am Ende nicht mit zu vielen faulen Krediten überfordert sind – ein Problem der Finanzstabilität, das China gerade erst beginnt, in den Griff zu bekommen.

    Und noch etwas spricht dagegen, dass die chinesische Regierung demnächst riesige neue Maßnahmen verkündet: Ein groß angelegtes Stimuluspaket könnte in der derzeit weltweit angespannten Lage verpuffen. „China wird erst dann ein großes Fiskalpaket auflegen, wenn dieses auch greifen kann“, schätzt SWP-Experte Hilpert.

    Derzeit seien weder die Nachfrage- noch die Angebotsbedingungen für eine Steigerung der Produktion vorhanden. „Chinas Wirtschaft ist abhängig von Vorleistungen, gerade im Elektronikbereich oder in der Automobilbranche“, so Hilpert. „Viele der Vorleistungen kommen aus der Schweiz oder aus Deutschland, doch von dort wird derzeit nichts geliefert.“

    Mehr: Theo Cope ist Psychotherapeut in Peking. Er erzählt, wie sich die Coronakrise auf die Menschen in China ausgewirkt hat.

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    2 Kommentare zu "Konjunktur: Warum China die Weltwirtschaft dieses Mal nicht retten wird"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • In einem Punkt war Trump leider nicht konsequent: er hätte nicht nur die US-Beitragszahlungen an die WHO suspendieren müssen, sondern ebenso den Schuldendienst an China als größten Gläubiger der USA (nach der Fed natürlich). Nur dann wäre der USD vermutlich direkt mit über den Mississippi gegangen.
      Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass China schon noch ganz gewaltig zur Kasse gebeten wird.

    • @Dana Heide: Pardon, aber China hat uns diese Situation eingebrockt – der Covid19 ist nicht als Zufallsprodukt vom Himmel gefallen. Gloifizierungen als "Retter" sind unangebracht. ---- Martin Raab

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