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Kreml-Kritiker Leibärztin von Nawalny wirft russischen Behörden Vergiftung vor

Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist nach einem Krankenhaus-Aufenthalt zurück im Gefängnis. Seine Ärztin befürchtet, er sei vergiftet worden.
Update: 29.07.2019 - 16:32 Uhr Kommentieren
Russland: Nawalny im Krankenhaus – Ärztin befürchtet Vergiftung Quelle: dpa
Alexej Nawalny

Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hat vor den russischen Regionalwahlen zu Protestaktionen aufgerufen.

(Foto: dpa)

Moskau Die Moskauer Polizei hat zahlreiche Oppositionelle festgenommen – indes musste der bekannte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny die Gefängniszelle gegen ein Krankenhauszimmer eintauschen. Sein Gesundheitszustand hatte sich jäh verschlechtert.

Der 43-Jährige klagte über schneidende Augenschmerzen und Hautjucken. Es wurden ein vermehrter Schleimfluss in den Augen und zahlreiche Hautrötungen festgestellt. Daher wurde Nawalny schließlich unter polizeilicher Aufsicht in das Krankenhaus Nummer 64 im Süden Moskaus verbracht.

Dort diagnostizierte der diensthabende Arzt eine „allgemeine Allergiereaktion des angioneurotischen Ödemtyps Nesselsucht“, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf einen der Krankenhausärzte.

Darüber hinaus sei Nawalny auch zum Allergologen geschickt worden, der eine „Kontaktdermatitis im Gesichtsbereich und ein Angioödem im Augenbereich“ feststellte. Mit anderen Worten: eine Haut- und Augenreizung hervorgerufen durch den Kontakt mit einem Fremdstoff. Der Zustand Nawalnys wird als „zufriedenstellend“ beschrieben. Inzwischen ist er wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden und kehrt ins Gefängnis zurück.

Der Nawalny-Vertraute Leonid Wolkow sagte dem russischen Radiosender Echo Moskwy, er selbst habe im Gefängnis einmal mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen gehabt. In seinem Fall vermutete er Hygienemängel in der Haftanstalt als Ursache.

Die Hausärztin Nawalnys, Anastasija Wassiljewa, hingegen erhebt schwere Vorwürfe gegen die russischen Behörden. Nach Bekanntwerden der Gesundheitsprobleme Nawalnys hatte sie versucht, ihren Patienten zu besuchen. Ihr wurde allerdings eine ausführliche Diagnose verwehrt.

Nawalny erfährt Diagnose selbst nicht

Sie habe ihn nur kurz zu Gesicht bekommen und sei dann mit dem Verweis, Nawalny stehe unter Arrest, vor die Tür gesetzt worden. Sie habe die Befragung „durch die Tür“ durchführen müssen, was „wirklich absurd“ sei, klagte sie.

Dennoch meint Wassiljewa, dass die Symptome Nawalnys einem „akuten toxischen Keratokonjunktuvitis sicca“, kurz KCS entspräche. KCS ist eine Augenkrankheit, bei der Horn- und Bindehaut entzündet sind und zu wenig Tränenwasser bekommen. Den Verdacht, dass diese Entzündung durch ein Gift hervorgerufen worden sei, begründete Wassiljewa mit einer Reihe von „Eigentümlichkeiten“ und dem „nicht adäquaten Verhalten der Verantwortlichen“.

So hätten die Gefängnismitarbeiter weder den Verwandten noch den Anwälten Nawalnys dessen Gesundheitszustand mitgeteilt. Im Krankenhaus habe auch der Patient selbst seine Diagnose nicht erfahren, die stattdessen an eine Nachrichtenagentur nach außen weitergegeben wurde.

Unabhängige Ärzte seien nicht zur Untersuchung zugelassen worden. Da Nawalny unter keinen Allergien leide, hätten die Ärzte sofort eine toxikologische Untersuchung durchführen müssen, um die Ursachen der Schwellungen und Hautreizungen zu ergründen. Dies sei nicht geschehen.

Wassiljewa beklagte in dem Zusammenhang, dass die Chefärztin des Krankenhauses für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Stadtduma sitze – eben jenem Organ, um dessen Wahl es jetzt Proteste gibt. Allerdings ist Wassiljewa selbst ebenfalls nicht politisch unabhängig. Sie steht Nawalnys „Fonds zum Kampf gegen Korruption“ nahe, für den sie schon mehrfach Reportagen über Missstände in Krankenhäusern verfasst hat.

Die Nachrichtenagentur FAN, die dem kremlnahen Oligarchen Jewgeni Prigoschin gehören soll, konterte die Vorwürfe Wassiljewas bereits mit dem Kommentar eines Krankenhausarztes. Dieser erklärte, Nawalny sei bestimmt nicht vergiftet worden, sondern leide eher an Verfolgungswahn.

Ärztin will Nawalnys Haare analysieren lassen

Der Skandal dürfte bereits in Kürze in die nächste Runde gehen: Wassiljewa teilte nämlich am Montag mit, dass sie ein Hemd und Haare Nawalnys bekommen habe und diese zur Analyse geben werde. Endgültigen Aufschluss dürften diese Resultate aber wohl kaum geben.

Stattdessen bieten sie Anlass zu neuem Streit. Wird ein Gift gefunden, dürfte das Resultat von Behörden und staatlichen Medien angezweifelt werden. Wird keins gefunden, werden die Anhänger Nawalnys darauf plädieren, dass die Analysen früher hätten durchgeführt werden müssen, um Spuren zu sichern.

Nawalny war am vergangenen Mittwoch zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt worden, weil er zu Protestaktionen aufgerufen hatte, bei denen Oppositionelle die Zulassung unabhängiger Kandidaten bei den Regionalwahlen in sechs Wochen einfordern wollen.

Bei einer nicht genehmigten Kundgebung am Samstag rund um das Rathaus der Hauptstadt waren fast 1400 Menschen festgenommen worden. Am Montag fielen die ersten Urteile. Gerichte hätten in mehreren Fällen mehrtägige Haftstrafen oder Geldbußen von umgerechnet bis zu 140 Euro verhängt, wie mehrere russische Medien unter Berufung auf Anwälte berichteten. Offiziell wurde das zunächst nicht bestätigt.

Der prominente Kremlkritiker Ilja Jaschin twitterte ein Foto von sich vor Beginn seiner Verhandlung. Er wurde wenig später nach eigenen Angaben zu zehn Tagen Haft verurteilt. Die Polizei hatte den Oppositionellen am Samstag festgenommen.

Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte stieß auch in Deutschland auf Kritik. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, schrieb bei Twitter: „Die brutale Gewalt gegen friedliche Demonstrantinnen und Demonstranten in Moskau ist ein Anschlag auf die Demokratie und den Rechtsstaat.“ Die Grünen im Bundestag erklärten, die Proteste zeigten deutlich die Risse, die „die Legitimation des Systems Putin inzwischen in Russland hat“.

In der Vergangenheit hatten Kremlgegner mehrfach mit Vergiftungserscheinungen zu kämpfen. Der bekannteste Fall ist der des übergelaufenen FSB-Agenten Alexander Litwinow, der 2006 an einer Polonium-Vergiftung starb und auf dem Totenbett Kremlchef Wladimir Putin anklagte.

International für Schlagzeilen sorgte der Giftangriff auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im März 2018 im englischen Salisbury. Sie sollen mit dem Nervengift Nowitschok attackiert worden sein. Beide überlebten. Großbritannien macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Moskau hat eine Verantwortung stets zurückgewiesen.

Mit Material von dpa.

Mehr: Zehntausende Russen gehen auf die Straße, um gegen den Ausschluss von Kandidaten von der Moskauer Stadtwahl zu protestieren. Der Kreml reagiert mit immer harscheren Maßnahmen.

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