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Krieg im Kaukasus Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan

Auch am Montag vermeldeten beide Seiten schweres Artilleriefeuer in der besetzten Region Berg-Karabach. Die Kämpfe begannen plötzlich, haben aber eine lange Vorgeschichte.
28.09.2020 Update: 29.09.2020 - 04:32 Uhr Kommentieren
Standaufnahme eines Videos, das vom Verteidigungsministeriums Aserbaidschans freigegeben wurde und eine Artillerie-Einheit des Landes in aktuellen Gefechten zeigen soll. Handout via REUTERS Quelle: via REUTERS
Aufnahme des Militärs von Aserbaidschan

Standaufnahme eines Videos, das vom Verteidigungsministeriums Aserbaidschans freigegeben wurde und eine Artillerie-Einheit des Landes in aktuellen Gefechten zeigen soll. Handout via REUTERS

(Foto: via REUTERS)

Istanbul Trotz internationaler Appelle zur Zurückhaltung gehen die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die umstrittene Region Berg-Karabach weiter. Beide Seiten beschossen sich nach Angaben ihrer Verteidigungsministerien auch in der Nacht zu Montag mit schwerem Artilleriefeuer. Aserbaidschan ordnete eine Teil-Mobilmachung der Bevölkerung an, Armenien hatte dies für alle männlichen Bürger schon am Sonntag getan. Zudem haben beide Länder das Kriegsrecht verhängt. Bei den schwersten Kämpfen seit 2016 waren am Sonntag zahlreiche Menschen getötet worden.

UN-Generalsekretär António Guterres hat erneut ein sofortiges Ende der Kämpfe in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus gefordert. Guterres habe das dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan per Video-Telefonschalte mitgeteilt, sagte ein UN-Sprecher am Montag (Ortszeit) in New York. Bereits am Sonntag hatte sich Guterres „extrem besorgt“ über die Eskalation des Konflikts in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus gezeigt. Er forderte die sofortige Wiederaufnahme von Verhandlungen und die Wiederentsendung von OSZE-Beobachtern in die Region. Mehrere Mitglieder des UN-Sicherheitsrats beantragten unterdessen, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Die Initiative ging von Deutschland und Frankreich aus und wurde von Belgien, Großbritannien und Estland unterstützt, hieß es aus Diplomatenkreisen.

Das armenische Verteidigungsministerium hat dem Militär Aserbaidschans massive Angriffe im Süden und im Nordosten der Konfliktregion Berg-Karabach vorgeworfen. Die Armee der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach halte den gegnerischen Attacken aber bisher stand, teilte Ministeriumssprecher Arzun Owannissjan am Montag in Eriwan mit. Die Armee in Karabach meldete am Abend den Abschuss eines aserbaidschanischen Militärflugzeugs. Eine Bestätigung aus Baku gab es zunächst nicht. Die Konfliktparteien gaben sich gegenseitig die Schuld am Wiederaufflammen der Kämpfe. Die verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken verhängten den Kriegszustand.

In der Hauptstadt Stepanakert in Berg-Karabach drohte Parlamentschef Artur Towmassjan angesichts der am Sonntag begonnenen Angriffe damit, die Verteidigungskämpfe auf aserbaidschanisches Gebiet auszudehnen. Die Streitkräfte hätten in der Vergangenheit immer wieder ihre Schlagkraft unter Beweis gestellt. Gemeinsam mit der Türkei habe sich Aserbaidschan für die Sprache der Gewalt entschieden und nicht für den Verhandlungsweg, kritisierte er.

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    „Dieser Krieg, den das aserbaidschanisch-türkische Tandem vom Zaun gebrochen hat, ist kein Krieg des aserbaidschanischen Volkes, sondern ein Krieg für den persönlichen Machterhalt von Ilham Aliyev“, sagte der Politiker. Der autoritäre aserbaidschanische Präsident Aliyev hatte wiederum Armenien vorgeworfen, sein Land angegriffen zu haben. Mit Stand Montag bestätigte Armenien insgesamt 58 Tote seit Sonntag, Aserbaidschan gab insgesamt 9 Todesfälle an, darunter Zivilsten. Es gab zudem viele Verletzte auf beiden Seiten. Berg-Karabach sprach von 31 Toten auf seiner Seite.

    Mindestens 30 Tote bei anhaltenden Gefechten um Bergkarabach

    China forderte beide Seiten zum Dialog auf. Russland und Deutschland hatten die Konfliktparteien bereits am Sonntag dazu aufgerufen, die Waffen ruhen zu lassen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte dem traditionellen Verbündeten Aserbaidschan nach einem Telefonat mit Präsident Ilham Alijew „verstärkte“ Solidarität zu. Russlands Präsident Wladimir Putin telefonierte mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan. Dieser forderte die internationale Staatengemeinschaft auf, eine Einmischung der Türkei in den Konflikt zu verhindern.

    Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen in dem Konflikt.

    Worum geht es in dem Konflikt?

    Armenien und Aserbaidschan streiten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion über die Zugehörigkeit von Berg-Karabach, das hauptsächlich von Armeniern bewohnt wird und sich 1991 von Aserbaidschan lossagte.

    Baku und Eriwan bereiten sich seit Jahren auf den Tag X vor, an dem sich das Schicksal der zwischen beiden Ländern umstrittenen Gebirgsregion halb so groß wie Hessen, aber gerade einmal so bevölkert wie die nordrhein-westfälische Stadt Neuss militärisch entscheiden muss. Nur militärisch, denn andere Optionen werden weder in Armenien, noch in Aserbaidschan ernsthaft in Betracht gezogen. Speziell in Baku sind die Revanchegelüste groß, verlor Aserbaidschan doch das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Berg-Karabach nach einem blutigen Bürgerkrieg 1991 - 1994 faktisch an seinen Nachbarn.

    Der Westen und die Länder der Region sehen den Konflikt mit Sorge, da er den Südkaukasus zu destabilisieren droht. Dort verlaufen wichtige Öl- und Gaspipelines.

    Warum beginnen ausgerechnet jetzt die Kämpfe?

    Obwohl beide Länder 1994 einen Waffenstillstand schlossen, werfen sich beide Seiten regelmäßig gegenseitig Angriffe rund um Berg-Karabach und entlang der gemeinsamen Grenze vor. Im April 2016 starben mindestens 200 Menschen, als der Konflikt erneut aufgeflammt war.

    Aserbaidschan hatte Armenien im Sommer vorgeworfen, hunderte Tonnen an Kriegsmaterial von Russland erhalten zu haben. Gleichzeitig gab Regierungschef Alijew in Baku die Devise aus, den Konflikt um Berg-Karabach ein für alle Mal lösen zu wollen.

    Welche Rolle spielen die Türkei und Russland?

    Der türkische Staatschef Erdogan sicherte Aserbaidschan von Beginn an „verstärkte Solidarität“ zu. Türkische Drohnen sind bereits im Einsatz. Die beiden Länder sehen sich als Bruderstaaten, die in den vergangenen Jahren kontinuierlich ihre politische und wirtschaftliche Partnerschaft ausgebaut haben.

    Armenien hat nach Kämpfen mit dem Nachbarland Aserbaidschan in der Konfliktregion Berg-Karabach den Kriegszustand ausgerufen. Quelle: dpa
    Ilham Alijew, Präsident der Republik Aserbaidschan, spricht bei einer Ansprache an die Nation.

    Armenien hat nach Kämpfen mit dem Nachbarland Aserbaidschan in der Konfliktregion Berg-Karabach den Kriegszustand ausgerufen.

    (Foto: dpa)

    Auf der anderen Seite liefert Russland, wichtigster Verbündete Eriwans, Rüstung auf Kredit. Moskau hat eine Basis im Land, die Armenien als Schutzschild dient. Doch Moskau hat wenig Interesse sich in den Konflikt zwischen den GUS-Republiken hineinziehen zu lassen und ruft beide Seiten zu einem Ende der Gefechte auf.

    Armenien hatte seine Schutzmacht Russland außerdem zuletzt verärgert. So hatte der armenische Präsident den Kreml gebeten, Armenien militärisch zu unterstützen, sich gegen Baku und auf die Seite von Jerewan zu stellen. Nachdem Russland dies abgelehnt hatte, steckte Paschinjan einfach den Repräsentanten eines russisch dominierten Militärbündnisses ins Gefängnis. Und vor wenigen Tagen wurde der größte Gegner des Premierministers, der Millionär Gagik Zarukjan, ein eindeutig prorussischer Politiker, festgenommen.

    Was tut die EU?

    Die kurze Antwort: bisher nicht viel. Man sei „seriously concerned“ („ernsthaft besorgt“) über den Kriegsausbruch, twitterte der höchste europäische Außenpolitiker Charles Michel am Wochenende. Bundesaußenminister Heiko Maas fordert ein Ende der Kämpfe.

    Auch für Washington ist der Konflikt kurz vor den Präsidentschaftswahlen von geringer Relevanz. Im Rahmen der Bekämpfung der Covid19-Pandemie stellt die EU-Kommission Armenien 30 Millionen Euro bereit.

    Wer hat im Konflikt die besseren Chancen?

    Derzeit scheint das öl- und gasreiche Aserbaidschan militärisch und wirtschaftlich überlegen. Armenien gilt als armes Land, das zudem von der Pandemie ziemlich hart getroffen wurde. Die Regierung im aserbaidschanischen Baku könnte diesen Umstand gezielt genutzt haben. 

    Demographie und Ökonomie helfen Aserbaidschan bei seinen Ambitionen zur Rückeroberung. Mit inzwischen rund zehn Millionen vorwiegend jungen Einwohnern ist das Land mehr als dreimal so groß wie das schrumpfende Armenien. Der Ölboom der vergangenen Jahre hat zudem die Kriegskasse von Präsident Ilham Alijew gut gefüllt.

    2,24 Milliarden Dollar steckt Baku pro Jahr in den Verteidigungshaushalt, bei Armenien sind es 625 Millionen. Bei den Panzerkräften hat Aserbaidschan so inzwischen ein vierfaches Übergewicht, bei den Luftstreitkräften immerhin ein doppeltes.

    Doch für einen langwierigen Krieg fehlt es auch Aserbaidschan an Ressourcen. Schwachpunkt ist die Ausbildung des Offizierscorps, die Zeit erfordert.

    Der Ersatz unausweichlicher Verluste wäre für Armenien bei einem Krieg noch viel schmerzhafter. Schon jetzt liefert Russland, wichtigster Verbündete Eriwans, Rüstung auf Kredit. Moskau hat eine Basis im Land, die Armenien, eingekeilt zwischen Aserbaidschan und Türkei als Schutzschild dient.

    Doch Moskau hat wenig Interesse sich in den Konflikt hineinziehen zwischen den GUS-Republiken hineinziehen zu lassen und ruft beide Seiten zu einem Ende der Gefechte auf.

    Letztlich hängt der Kriegsausgang jedoch davon ab, in welchem Maße beide Länder von ihren Schutzmächten Türkei (Aserbaidschan) und Russland (Armenien) unterstützt werden. Auch hier scheint Aserbaidschan derzeit die besseren Karten zu haben.

    Mehr: Konflikt um Bergkarabach drückt türkische Lira auf Rekordtief

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