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Krieg in Syrien Russland bombardiert Idlib – die letzte Rebellenhochburg Syriens fällt

Russische Flugzeuge bombardieren Syriens Nordosten. Das könnte die Niederlage der Rebellen besiegeln – und Russlands Verhältnis zu den Verbündeten belasten.
1 Kommentar
Die Stadt im Nordosten Syriens die letzte Hochburgen der Rebellen. Quelle: AFP
Idlib

Die Stadt im Nordosten Syriens die letzte Hochburgen der Rebellen.

(Foto: AFP)

IstanbulDonald Trump entdeckt sein Herz für notleidende Menschen. Am Montagabend (Ortszeit) twitterte der US-Präsident, dass der syrische Staatschef Assad „auf keinen Fall rücksichtslos die Provinz Idlib“ angreifen dürfe. Russen und Iraner würden eine „menschliche Tragödie“ anrichten. „Hunderttausende Menschen könnten getötet werden. Lasst das nicht zu!“

Gegen 11:40 Uhr syrischer Ortszeit zeigte der russische Staatschef Wladimir Putin, dass er von den Warnungen aus Washington wenig hält. Ersten Augenzeugenberichten zufolge begann die russische Luftwaffe damit, Ziele in der Region im Nordwesten des Landes zu bombardieren. 22 Tage lang hatten die Russen auf Angriffe in Idlib verzichtet, um zu verhandeln.

In den vergangenen Wochen hatte Russland jedoch seine Flottenpräsenz im östlichen Mittelmeer massiv verstärkt. Der russischen Zeitung „Iswestija“ zufolge sind mindestens zehn Schiffe vor Ort, die meisten mit Langstreckenraketen bewaffnet. Jetzt macht Putin Ernst – und setzt gleichzeitig die Kooperation mit seinen Verbündeten im Syrienkrieg aufs Spiel.

Idlib ist der letzte Rückzugsort verschiedener Rebellengruppen, von moderaten Assad-Gegnern bis zur Nusra-Front, die Al Kaida und dem IS nahestehen soll. Die sich abzeichnende Offensive auf die letzte Rebellenhochburg Idlib dürfte wahrlich brutal werden. Sie ist aber folgerichtig. Das einzige Problem: Europa und der Westen kommen in der Gleichung um eine Friedenslösung nicht mehr vor. Egal, was und wie viel der US-Präsident noch twittern wird: Den Ausgang des Syrienkrieges wird in Moskau besiegelt, nicht auf Trumps Smartphone.

Allerdings ist die Offensive auch ein Lackmustest für die Beziehungen der aufstrebenden Player in der Region. Dass die Syrien-Troika, bestehend aus Russland, dem Iran und der Türkei, ordentlich miteinander kooperieren wird, ist noch nicht gesagt. Im schlimmsten Fall könnten die Interessen kollidieren – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung in Syrien. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer neuen Flüchtlingswelle: Rund 2,5 Millionen Menschen könnten gezwungen werden, sich in Richtung Türkei in Sicherheit zu bringen. Ankara will das nicht hinnehmen.

Russland unterstützt seit Kriegseintritt 2015 diejenigen Kräfte, die die komplette Kontrolle des Landes durch Damaskus einfordern. Dazu zählt nicht nur Staatschef Assad, sondern sein gesamter Führungsclan, aber auch der Iran sowie schiitische Milizen und die Hisbollah.

Russland und der Iran verfolgen zwei Ziele: die Unterstützung des Verbündeten Assads und die Vernichtung der Terrorgruppe HTS (früher Al-Nusra-Front), die in den vergangenen Monaten mehrfach die russischen Militärbasen im Nordwesten des Landes mit Drohnen angegriffen hat. In den vergangenen Jahren waren Hunderttausende Rebellen und Extremisten nach ihrer militärischen Niederlage aus anderen Rebellengebieten Syriens in die Provinz Idlib gebracht worden.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow rechtfertigte die bevorstehende Offensive am Montag damit, die syrische Regierung habe „jedes Recht“, die Militanten zu vertreiben. Irans Regierung erklärte, Idlib müsse „gesäubert“ werden. Nach einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Fars wollen sich die Präsidenten des Iran, Russlands und der Türkei am Freitag in Teheran treffen, um über Idlib zu beraten.

Ob es Russland auch auf die Zivilbevölkerung abgesehen hat, ist unklar. Außenminister Lawrow stellte jedenfalls jüngst bei einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen fest, dass „es auch eine bewaffnete Opposition gibt, die daran interessiert ist, an den Siedlungsprozessen teilzunehmen“.

Die Türkei ist das schwächste Mitglied der Troika. Lange sah das Nachbarland Syriens dabei zu, wie es in den Strudel des Kriegs geriet, bevor Ankara eingriff. Außerdem unternahm die Türkei zu wenig, als jahrelang Terroristen unter anderem des IS über die Türkei nach Syrien einreisten. Nach zwei Militäreinsätzen in Nordsyrien hat die Türkei dort ein Gebiet halb so groß wie Thüringen erobert. In Idlib ist ebenfalls türkisches Militär stationiert, inklusive einiger Spezialeinheiten.

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu bezeichnete die sich abzeichnenden Operation in Idlib als „Katastrophe“. Kein Wunder: Die Türkei beherbergt bereits jetzt knapp vier Millionen Flüchtlinge. Aus Idlib droht jetzt eine weitere Million Flüchtlinge zusätzlich. Experten warnen davor, dass die Türkei damit politisch und wirtschaftlich überfordert sein könnte. Çavuşoğlu fügte an, dass eine Offensive „das Vertrauen zwischen Russland und der Türkei erschüttern würde“.

Bedeutet das das Ende der Allianz mit Russland? Vielleicht, aber nicht unbedingt. Viel hängt damit zusammen, ob die Türkei in der Lage sein wird, gegen HTS/Nusra-Front vorzugehen. Nach den jüngsten russischen Militäroperationen haben sich die Terroristen in dem Gebiet versteckt, das nun von türkischem Militär kontrolliert wird.

Zuletzt deutete die Türkei an, Russland zumindest stückweise entgegenzukommen. Präsident Erdogan kündigte in einem Dekret an, HTS fortan als Terrororganisation zu deklarieren; ein Schritt, den Ankara bislang schuldig geblieben ist. Sowohl die Türkei als auch Russland rechnen offenbar mit der Kapitulation der Terroristen. Möglicherweise wird Ankara dafür fordern, die moderate Opposition in der Region in Ruhe zu lassen. Allein, hier zu unterscheiden, wer oppositionell ist und wer terroristisch, ist ziemlich schwierig, wenn gleichzeitig Fassbomben wie Regen auf die Häuser prasseln.

Eins ist klar: Die USA und Europa sind außen vor. Die Amerikaner haben die Türkei mit Sanktionen belegt, wegen eines US-Pastors, der in der Türkei wegen Terrorverdacht unter Hausarrest gesetzt worden ist. Bundesaußenminister Heiko Maas äußerte sich in dieser Woche lediglich zu möglichen Hilfen für Syrien. Diese seien an den Abgang Assads geknüpft. Eine naive Sicht der Dinge im Nahen Osten, während die Verbündeten Assads auf dem Schlachtfeld Fakten schaffen.

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1 Kommentar zu "Krieg in Syrien: Russland bombardiert Idlib – die letzte Rebellenhochburg Syriens fällt"

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  • "...Diese seien an den Abgang Assads geknüpft. Eine naive Sicht der Dinge im Nahen Osten...".

    Nein, das ist keine Naivität, sondern das Hintertürchen was man nutzt um ja nichts machen zu müssen. Man weiß der Fall tritt eh nicht mehr ein, also knüpfe ich meine mögliche Intervention an eine möglichst wirklichkeitsferne Prämisse. Und schon bin ich fein raus, mache mir nicht die Hände schnutzig und kann weiter aus der Ferne Reden schwingen und immer alles besser wissen.