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Kriegsende 1918 Macron warnt vor neuem Nationalismus

Am Sonntag jährt sich der Erste Weltkrieg zum 100. Mal. Und doch ist die Geschichte aktueller denn je: Emmanuel Macron warnt vor aufflammendem Nationalismus.
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eFrankreichs Staatspräsident vergleicht Europas Zustand mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Quelle: dpa
Emmanuel Macron

eFrankreichs Staatspräsident vergleicht Europas Zustand mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

(Foto: dpa)

Paris Wie ein Pilger zieht Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron seit Sonntag durch das eigene Land. Bis Samstag wird er elf Départements besuchen, Reden halten, Kränze niederlegen und viele Gespräche führen: Macron folgt den Spuren der Schlachten des Ersten Weltkriegs, dessen Ende sich am Sonntag zum 100. Mal jährt.

Dem Präsidenten geht es aber weniger um die Geschichte als um die Aktualität: „Europa ist mehr und mehr zerrissen, der Nationalismus steigt wieder auf“, sagte er am Dienstag in einem Radiointerview. Macron vergleicht den Zustand des Kontinents mittlerweile gar mit der Zwischenkriegszeit und warnt: „Frieden und Wohlstand, in denen Europa seit siebzig Jahren lebt, sind eine goldene Parenthese in unserer Geschichte.“

Dieser Einschub könne zu Ende gehen, wenn die Nationalisten wieder Oberhand gewinnen. Macron wirft ihnen vor, Hass und Ausgrenzung zu verbeiten. Er gerät selbst in deren Fadenkreuz: Am Dienstag deckten die Sicherheitskräfte einen Anschlagsversuch von sechs Rechtsradikalen auf den Präsidenten auf.

Die Nationalisten zurückzudrängen, das wird Macron zufolge nicht allein mit Rhetorik und Pädagogik gelingen: Europa müsse sich und seine Bürger besser schützen. Gegen wirtschaftliche Bedrohungen aus China, gegen Cyberattacken aus Russland und auch gegen eine US-Politik, die unter Donald Trump aus Abrüstungsverträgen aussteigt.

Den Schutz sieht Macron auch im militärischen Sinne: „Europa wird sich nur verteidigen können, wenn es eine echte eigene Armee hat.“ Für die kommenden Wochen bereitet er eine Initiative vor, um den im EU-Vertrag stehenden Beistandspakt mit Leben zu füllen.

Der Ruf nach einer Armee als Lehre aus dem fürchterlichen Gemetzel des Ersten Weltkrieges? Das klingt für deutsche Ohren sehr französisch. Unser Partner hat ein anderes Verhältnis zum Einsatz von Waffen, vertraut mehr als die deutsche Sicherheitsdoktrin darauf, dass Soldaten einen wichtigen Beitrag zur Lösung von Konflikten leisten können.

Dennoch weicht Macron auf seiner Tour über die Schlachtfelder, die ihn am Dienstag nach Verdun führt, von der traditionellen französischen Sicht auf den Ersten Weltkrieg ab. Der Präsident will nicht den Sieg über Deutschland feiern. Er preist nicht das Opfer der französischen Soldaten, wie viele Konservative es von ihm verlangen und wie sein sozialistischer Vorgänger François Hollande es geschmeidig getan hat.

Macron will verdeutlichen, dass dieser Krieg eine Selbstzerfleischung der Europäer war, aus der man bis heute die Lehre ziehen muss. Die lautet für ihn nicht einfach „Nie wieder Krieg“, sondern „Nie wieder Nationalismus“. Konsequent reicht er den Deutschen die Hand. Am Sonntagabend traf er mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Straßburger Münster zusammen.

Am Samstag wird er gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wald von Compiègne an den Waffenstillstand von 1918 erinnern, Vorstufe zum verhängnisvollen Friedensvertrag von Versailles. Adolf Hitler zwang die Franzosen 1940, an selber Stelle den Waffenstillstand zu unterschreiben. Kaum ein Ort der deutsch-französischen Geschichte ist so symbolträchtig und heikel wie diese Lichtung von Compiègne.

Macron geht es auf seiner Reise durch das eigene Land aber nicht um Symbolpolitik. Er verbindet die historischen Anknüpfungspunkte mit dem Werben für Europa, mit der Warnung, dass es bei der Europawahl im Mai 2019 nicht den Nationalisten von links und rechts in die Hände fallen dürfe. Und er versucht, Verständnis für seine Reformpolitik zu schaffen. „Warum ist auf der anderen Seite der Grenze, in Deutschland, die Arbeitslosigkeit niedriger als bei uns“, fragte er am Montag in Lothringen.

Seine Antwort: Weil Deutschland sich früher reformiert habe. Frankreich habe einen „Rückstand von 30 Jahren aufzuholen“. An dieser Anpassung führe aber kein Weg vorbei, auch wenn die Resultate sich nicht über Nacht einstellten. Macron hat derzeit Schwierigkeiten, mit seiner Botschaft durchzudringen.

Viele Franzosen sehen in ihm nicht mehr den Hoffnungsträger von 2017. Bei ihnen hat die Reformbereitschaft abgenommen. Die eine oder andere deplatzierte Äußerung des Präsidenten, manche schlecht erklärte politische Veränderung, eigentlich alles ist ein willkommener Anlass, in die bevorzugte französische Haltung zurückzufallen: granteln, nörgeln, meckern.

Der Präsident hat so viel Macht wie ein gewählter König. Als muss er an allem schuld sein, was falsch läuft, oder? Egal, ob ein Schüler seine Lehrerin bedroht oder der steigende Preis für Diesel und Benzin an der Kaufkraft nagt – Macron ist schuld.
Dem Präsidenten sind die Strapazen anzusehen. Er komme mit vier Stunden Schlaf pro Nacht aus, posaunten seine Mitarbeiter anfangs hinaus.

Heute sieht man, wie tief die Augen in den Höhlen liegen, wie er sich zum Lächeln zwingen muss. Seine Stimme ist matter geworden. Umso höher muss man ihm anrechnen, dass er nicht opportunistisch von seiner Politik für Reformen und für Europa abgeht.

Auch wenn sein Glanz abgenommen hat: Macron ist derzeit noch wichtiger für Europa als 2017. Der Zug durch Frankreich ist eine langfristige politische Investition für den Präsidenten. Auf die Schnelle wird er die Stimmung nicht drehen können.

Abgerechnet, das weiß er, wird erst im Mai 2019. Wenn seine Partei „La République en Marche“ bei der Wahl vorn liegt, hat er weiterhin freie Bahn für Veränderungen. Kommt sie hinter der rechtsextremen Front National, heute in Rassemblement National umfirmiert, ins Ziel, könnte er in eine politische Krise rutschen.

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