Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Krim-Krise Der Konflikt mit Russland droht die wirtschaftliche Aufholjagd der Ukraine zu torpedieren

Seit fünf Jahren befindet sich die Ukraine in einem Dauerkonflikt mit Moskau. Das Land erholt sich gerade ökonomisch. Doch nun droht erneut die Eskalation.
Kommentieren
Im Februar 2014 gab es erbitterte Kämpfe. Quelle: AFP
Demonstration auf dem Maidan

Im Februar 2014 gab es erbitterte Kämpfe.

(Foto: AFP)

Kiew „Willkommen in der Ukraine.“ Die Stimme der Sprecherin des ukrainischen Gaskonzerns Naftogaz klingt genervt, als in der Pizzeria „Veterano“ wieder einmal der Strom ausfällt – und damit auch ihr Cappuccino. „Veterano“ heißt das mit überdimensioniert an der Wand hängender Kalaschnikow und leeren Maschinenpistolen-Hülsen gefüllten Tischen dekorierte Restaurant. Doch nicht das militaristische Interieur ist das Besondere des Ladens, sondern Besitzer und Personal.

Ein paar Schritte vom inzwischen weltberühmten Unabhängigkeitsplatz Maidan im Zentrum Kiews entfernt, dort, wo vor fünf Jahren Hunderttausende Ukrainer gegen ihren korrupten und prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch rebellierten, hat der frühere Koch Leonid Ostalzew die Pizzeria aufgemacht. 2015 – gleich nach seiner Rückkehr vom Einsatz als Freiweilliger beim Krieg im Donbass.

Mit 50 Dollar in der Tasche und 22 vergeblichen Gesprächen mit Bekannten, in denen er sie bat, ihm Geld zu geben. Beim 23. hat es geklappt – mit viel Glück. Die Hälfte der Mitarbeiter des 31-Jährigen sind ebenfalls freiwillige Kämpfer von damals. „Ich wollte dabei helfen, nach dem Krieg zurück ins normale Leben zu finden“, sagt der bärtige Mann mit großen Tattoos auf beiden Armen.

So gibt er ihnen Jobs, aber auch die Perspektive, sich mit einer „Pizzeria Veterano“, „Veterano Coffee“-Cafés oder beim Wachdienst „Veterano“ selbstständig zu machen als Franchisenehmer, und das bereits in einigen ukrainischen Städten. Die Wunden dieses Krieges sind noch nicht verheilt, auch die der ukrainischen Euromaidan-Revolution, die um die Jahreswende 2013/14 die Welt monatelang in Atem hielt.

Es folgten die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und ein Krieg im Osten des Landes, den faktisch die russische Armee mit Kommando über prorussische Separatisten in Donezk und Luhansk führt. Mehr als 10.000 Tote hat dieser Konflikt bislang gefordert. Und jetzt, wo der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nach einer militärischen Aggression russischer Militärs vor der Ostküste der Krim das Kriegsrecht verhängte, droht er wieder zu eskalieren.

Grafik

„Wir reformieren nicht einfach, wir bauen einen neuen Staat“

Die nicht enden wollenden Konflikte haben auch ökonomisch großen Schaden verursacht. 2013 sei die Ukraine „fast bankrott“ gewesen, erinnert sich Premier Wolodymyr Hrojsman heute. Später dann sei ein Fünftel der Wirtschaft weggebrochen. Hrojsman spricht am Donnerstag mit Kanzlerin Angela Merkel auf einer Ukraine-Wirtschaftskonferenz in Berlin. Dort wird er seinen Anspruch unterstreichen, der da lautet: „Wir reformieren nicht einfach, wir bauen einen neuen Staat.“

Aber nicht nur der 40-jährige Regierungschef weiß, wie schwer es ist, einen der korruptesten und ärmsten Staaten Europas mit zahlreichen Reformen zeitgleich an völlig unterschiedlichen Enden anzupacken. Doch in jüngster Zeit gibt es auch positive Nachrichten – zumindest was die ökonomische Entwicklung angeht. „Das Wachstum ist mit jährlich 2,5 bis 3,5 Prozent zurückgekehrt“, sagt Sergej Guriew, Chefökonom der Osteuropaförderbank EBRD.

Auch Alexander Markus, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-ukrainischen Handelskammer (AHK) in Kiew, sieht Hoffnungszeichen: Der Wirtschaft gehe es gar nicht so schlecht. „Aber alle schauen gebannt und mit Sorge auf den Ausgang der Wahlen im kommenden Jahr, und viele halten sich deswegen mit Investitionen stark zurück.“

Außerdem, fügt der aus Russland stammende Experte hinzu, brauche die Ukraine bei diesem Wachstumstempo „noch fünf Jahre, um das Niveau von 2013 zu erreichen“. Die Erholung verlaufe schleppend, die Frustration in der Bevölkerung wachse.Tatsächlich ist das Bild gemischt.

„Wir haben unsere Chance durch die Fußball-EM 2012 genutzt, und so kommen heute viel mehr Touristen nach Lwiw und bringen Geld mit“, berichtet etwa Uber-Fahrer Oleksi, der seine Dienste mit einem gebrauchten Opel in der westukrainischen Metropole, die früher Lemberg hieß, anbietet. Und außerhalb der Stadt sucht der deutsche Kfz-Zulieferer Leoni auf großen Werbetafeln nach Arbeitskräften für seine Werke im Westen des Landes.

Der ehemalige Boxer trat als ukrainischer Oppositionsführer auf. Quelle: picture alliance/dpa
Vitali Klitschko

Der ehemalige Boxer trat als ukrainischer Oppositionsführer auf.

(Foto: picture alliance/dpa)

„Mehr als 2000 deutsche Unternehmen mit rund 60.000 Mitarbeitern sind bereits im Land aktiv, viele davon im Agrar- und IT-Sektor“, berichtet Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Der deutsch-ukrainische Handel ist auf 6,6 Milliarden Euro gestiegen. Doch: „Um das vorhandene Potenzial der deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen nutzen zu können, sollte die ukrainische Regierung ihre angekündigten Reformen zügig und mit Nachdruck umsetzen“, sagt Schweitzer. Wer vom Kiewer Flughafen in die Stadt fährt, sieht nicht nur große Verkaufsflächen von Porsche und BMW, sondern auch das große, sich drehende Bayer-Kreuz und die BASF-Werbung im Terminal.

Nicht nur die Landwirtschaft boomt wieder wie in alten Zeiten, als die Ukraine die „Kornkammer Europas“ war. Mit Ikea und Decathlon kommen auch große Handelsketten wieder, die deutsche Metro expandiert ohnehin in der Ukraine.

Was besonders ermutigend ist: Inzwischen kämen auch immer mehr mittelständische Produzenten, sagt Alexander Markus: „Die Ukraine ist in den Blick von Auslandsinvestoren geraten, deutsche Firmen verlagern aber vor allem aus Polen, Rumänien, Ungarn und der Slowakei hierher.“ Angelockt werden sie von den niedrigsten Arbeitskosten in ganz Europa.

Doch Skepsis bleibt – nicht nur wegen des nicht enden wollenden Konflikts mit Russland, sondern auch wegen der mangelnden Rechtsstaatlichkeit und vor allem wegen der anstehenden Präsidentschafts- beziehungsweise Parlamentswahlen, erst im März, dann im Herbst. Favoritin für die Staatsspitze ist die wegen ihrer dubiosen Gasdeals mit Russland „Gasprinzessin“ genannte frühere Premierministerin Julia Timoschenko.

Mit ihren populistischen Versprechen, etwa die auf Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhöhten Gaspreise wieder zu halbieren, riskiert sie nicht nur das 17 Milliarden Dollar umfassende IWF-Hilfspaket. Ein Sieg Timoschenkos wäre auch ein Rückschlag für die jüngst eingeleiteten marktwirtschaftlichen Reformen.

Viele Ukrainer sind innerlich gespalten

Diese sind jedoch nach Ansicht von Robert Kirchner unverzichtbar. Kirchner ist Experte bei dem Beratungsunternehmen Berlin Economics, das die Bundesregierung in Ukrainefragen berät. Zwar sei Kiew im Weltbank-Ranking „Doing Business“ seit 2012 von Platz 152 auf Rang 71 vorangekommen. Doch Kirchner warnt auch: Die Investitionen auf Dollar-Basis seien wegen der in den letzten Jahren abgerutschten Landeswährung Hrywnja sogar rückläufig.

Bei vielen Ukrainern würde die Erholung der Wirtschaft nicht ankommen: Millionen Ukrainer arbeiten im Ausland – zumeist in Polen. Fachkräftemangel drohe nun auch im drittärmsten Land Europas. Immerhin sei die „pyramidenartig organisierte Korruption“ merklich weniger geworden, berichten Kenner.

Und AHK-Präsident Andreas Lier, BASF-Ukrainechef, ruft deutsche Unternehmen auf, wegen der aus China, Polen und der Türkei bereits massiv in die Ukraine pilgernden Konkurrenz auch hier zu investieren. „Diejenigen, die heute an der Seitenlinie stehen bleiben und die offensichtlichen Chancen im Land nicht ergreifen, werden später teuer für ihr heutiges Zögern bezahlen“, ist der Manager überzeugt.

Er erlebe „heute die beste Ukraine seit den 27 Jahren der Unabhängigkeit des Landes“. Doch viele Ukrainer sind innerlich gespalten. „Ohne die Maidan-Proteste vor fünf Jahren hätte es alle Reformen nicht gegeben“, sagt die Menschenrechtsaktivistin Switlana Walko, die Kriegsverbrechen auf der Krim und im Donbass dokumentiert.

Doch es gebe noch viel zu tun, die oligarchischen Strukturen kämpften um ihre Macht. Doch wahr sei auch: „Wir sind eine aktivere Gesellschaft, die weitermacht und am Ende das Land verändern wird – auch wenn die Politiker sich sperren.“

Startseite

Mehr zu: Krim-Krise - Der Konflikt mit Russland droht die wirtschaftliche Aufholjagd der Ukraine zu torpedieren

0 Kommentare zu "Krim-Krise: Der Konflikt mit Russland droht die wirtschaftliche Aufholjagd der Ukraine zu torpedieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote