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Krise im Vereinigten Königreich Die Coronakrise bringt Großbritanniens Gesundheitssystem ans Limit – Sorgen um Johnson

Die Briten steuern auf den Höhepunkt der Coronakrise zu – das Gesundheitssystem steht kurz vor der Überlastung. Premier Johnson liegt derweil weiter auf der Intensivstation.
08.04.2020 - 11:50 Uhr 2 Kommentare
Ein Angehöriger des britischen Militärs bereitet sich auf den Einsatz vor. Quelle: AFP
Sanitätsübung

Ein Angehöriger des britischen Militärs bereitet sich auf den Einsatz vor.

(Foto: AFP)

London Vor dem St.-Thomas-Krankenhaus in London sind Fernsehkameras aufgebaut. Nachrichtensender versuchen rund um die Uhr, die eine Frage zu beantworten, die das Land bewegt: Wie geht es Boris Johnson? Am Sonntagabend war der britische Premierminister in die Klinik eingeliefert worden, weil seine Corona-Symptome nicht besser wurden. Seit Montagabend liegt er auf der Intensivstation, bewacht von Bodyguards.

Wechselnde Minister informieren die Öffentlichkeit über Johnsons Gesundheitszustand, derweil rollt eine Sympathiewelle durch das Land. „Wir feuern Dich alle an, Boris“, sagt Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon. Der Premier ist zum persönlichen Symbol des nationalen Kampfs gegen das Virus geworden.

Einigen Briten scheint erst jetzt bewusst zu werden, wie gefährlich der Erreger ist. „Jeder kann ihn kriegen“, warnt die Downing Street auf ihrem offiziellen Twitter-Account. „Jeder kann ihn verbreiten. Bleibt zu Hause.“

Johnsons Krankenhausaufenthalt kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Pandemie steuert in Großbritannien auf ihren Höhepunkt zu. Experten erwarten ihn in der kommenden Woche. Am Dienstag stieg die Zahl der Toten um 786 auf 6159. Sollte es in dem Tempo weitergehen, würde das Land irgendwann sogar Spanien und Italien überholen.

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    Mit Neid wird auf Deutschland geblickt, das bisher nur 2016 Tote zählt. Immerhin scheint die Infektionskurve auf der Insel inzwischen leicht abzuflachen. Ob das staatliche Gesundheitssystem NHS dem Patientenansturm standhält, ist dennoch ungewiss.

    Corona-Hotspot Regierungszentrale

    Ausgerechnet die Regierungszentrale in Westminster ist ein Corona-Hotspot. Nicht nur Johnson ist außer Gefecht, auch sein Chefberater Dominic Cummings und sein Kommunikationschef Lee Cain befinden sich mit Symptomen in Quarantäne. Gesundheitsminister Matt Hancock hat die Krankheit bereits hinter sich.

    Diese Woche teilte Kabinettsminister Michael Gove mit, dass er ebenfalls zu Hause bleibe – weil seine Tochter erkrankt sei. In Johnsons Abwesenheit führt nun Außenminister Dominic Raab die Amtsgeschäfte. Sollte auch er ausfallen, würde Finanzminister Rishi Sunak übernehmen. Der 39-Jährige ist erst seit zwei Monaten überhaupt Minister. Bis Johnson zurückkehrt, könnten Wochen oder sogar Monate vergehen, schätzen Ärzte.

    Die Malaise in der Downing Street ist kein Zufall. Die Regierung hatte zu spät auf die Pandemie reagiert. Selbst als es die ersten Corona-Fälle im Parlament gab, ging das politische Leben weiter seinen gewohnten Gang. Bei einer Sitzung mit Johnson, Ministern und Beratern hätten mehrere Teilnehmer gehustet, berichtete die „Times“. Und während in anderen europäischen Ländern bereits Ausgangsbeschränkungen herrschten, tummelten sich in Großbritannien noch Zehntausende beim Pferderennen in Cheltenham.

    Boris Johnson auf Intensivstation verlegt

    Inzwischen hat die Regierung in den Krisenmodus geschaltet und mobilisiert alle Ressourcen. In einer nationalen Kraftanstrengung arbeiten Behörden, Industrie, Armee und Bürger eng zusammen. „Jeder Arm der Regierung tut alles, um das Coronavirus zu besiegen“, sagte Raab.

    • In London half die Armee, binnen neun Tagen das ExCel-Messezentrum in ein provisorisches Krankenhaus zu verwandeln. 500 zusätzliche Betten mit Beatmungsgeräten stehen nun bereit, mit Platz für weitere 3500. Auch in Birmingham, Manchester und anderen Städten sind solche Lazarette im Aufbau. Benannt sind sie nach der berühmten Kriegskrankenschwester Florence Nightingale. So konnte die Zahl der Corona-Betten in den vergangenen zwei Wochen bereits um 30 Prozent gesteigert werden.
    • Auch die britische Industrie steuert ihre Expertise bei: Eine Gruppe Formel-1-Ingenieure, unter anderem von der Mercedes-Motoren-Entwicklung, entwickelte in Zusammenarbeit mit dem University College London ein sogenanntes CPAP-Gerät zur Atemunterstützung. Es soll in Krankenhäusern zum Einsatz kommen, wenn ein Patient zwar Atembeschwerden hat, aber noch selbst atmen kann.

      CPAP-Geräte unterstützen aktiv die Atmung und die Sauerstoff-Versorgung von Corona-Patienten und können den Verlauf der Krankheit schon im Frühstadium abmildern. Beatmungsmaschinen können dadurch für schwerwiegendere Fälle aufbewahrt werden.

      Bei diesem „Projekt Boxengasse“ griff das Team auf eine Atemmaske mit abgelaufenem Patentschutz zurück, die zuletzt in Italien und China zum Einsatz gekommen war. Nach nicht einmal einer Woche hatten sie einen Prototyp, die Zulassung der Behörden erfolgte kurz danach. Derzeit werden Hunderte dieser Geräte in Kliniken getestet. Die britische Regierung hat bereits 10.000 Atemmasken bestellt.

      Daneben wird in unzähligen weiteren Unternehmen an anderen Produkten gearbeitet: Bekleidungskonzern Burberry lässt in Nordengland Schutzkittel für medizinisches Personal statt der üblichen Trenchcoats nähen, die schottische Brauerei Brew Dog stellt Desinfektionsmittel her, und im Entwicklungszentrum von Jaguar Land Rover machen 3D-Drucker Gesichtsvisiere.

    • Hunderttausende Briten stellen zudem ihren Gemeinsinn unter Beweis. Als die Regierung vor einigen Wochen um freiwillige Helfer bat, meldeten sich 750.000. Seit Dienstag entlasten sie das NHS-Personal, desinfizieren Kliniken, fahren Patienten zum Krankenhaus und muntern einsame Senioren am Telefon auf. Koordiniert wird der Einsatz über die App „Good Sam“. Krankenhäuser und Kommunen können hier Aufgaben ausschreiben und Freiwillige buchen.

    Das staatliche Gesundheitssystem NHS kann jede Hilfe gebrauchen. „Wir gehen unter“, klagte kürzlich die Krankenschwester Shirley Watts unter Tränen in einem Facebook-Video. „Ich will, dass Ihr mich so seht, damit die Leute verstehen, wie ernst es ist.“

    Es fehlt an allem: Personal, Schutzkleidung, Geräte. Die Regierung hat versprochen, die Zahl an Beatmungsgeräten in den kommenden Wochen von 9000 auf 18.000 zu verdoppeln. Nach Ostern wird sich zeigen, ob das System der Krise gewachsen ist.

    Im University College Hospital in London wird die gesamte Intensivstation für Covid-19-Patienten genutzt. „Keiner von uns hat so etwas bisher erlebt“, sagte der Arzt Jim Down der BBC. Gearbeitet wird in Zwölf-Stunden-Schichten, eine 60-Stunden-Woche ist die Norm. Die Belastung sei enorm, manche Kollegen hätten Panikattacken, sagte die Oberschwester Elaine Thorpe.

    Auch das St.-Thomas-Krankenhaus, in dem der Premierminister liegt, hat seine Intensivkapazitäten deutlich ausgeweitet – von 35 auf bis zu 200 Betten. Das Problem seien nicht die Betten, zitiert der „Guardian“ einen Arzt. „Es sind Beatmungsgeräte, ausgebildete Pfleger und Dialyse-Maschinen.“

    Außerhalb der Krankenhäuser ist das öffentliche Leben in London weitestgehend zum Erliegen gekommen. Die Ausgangsbeschränkungen wirken. Die sonst überquellenden Einkaufsstraßen der Weltstadt sind verwaist, sämtliche Geschäfte geschlossen.

    Jeder Tag fühlt sich an wie ein Sonntag in der Provinz. Es ist allerdings gespenstisch, denn viele Einzelhändler haben ihre Schaufenster leer geräumt. An den Eingangstüren kleben Zettel mit Hinweisen wie „No Cash inside“ – kein Bargeld vorhanden. Andere haben zum Schutz gegen Plünderer gleich ihre Fenster mit Holzplatten verrammelt.

    Die Wirtschaft leidet unter dem Lockdown

    Der Lockdown hat laut Ökonomen „extrem schwerwiegende Konsequenzen“. Insgesamt liege der Output der britischen Wirtschaft derzeit 31 Prozent unter dem normalen Niveau, heißt es in einer Studie des Londoner Thinktanks Centre for Economics and Business Research (CEBR). Das entspreche 2,7 Milliarden Euro am Tag.

    Besonders stark sei der produzierende Sektor betroffen. Hier sei der Output 69 Prozent geringer als vor der Krise. Anderen Branchen ergeht es demnach etwas besser: So könne der Dienstleistungssektor mit Homeoffice-Arbeit die Ausfälle begrenzen, und die Bekleidungsindustrie schaffe es immerhin, einen Teil mit Online-Verkäufen auszugleichen. Der Nahrungsmitteleinzelhandel profitiere gar von Hamsterkäufen.

    Es werde dauern, bis die Wirtschaft auf ihr altes Niveau zurückkehre, warnen die Ökonomen. „Wie man in China gesehen hat, wird es nicht leicht sein, nach der Krise unmittelbar wieder auf das frühere Produktionsniveau zurückzukehren, weil Unternehmen weiterhin durch strenge Gesundheitsmaßnahmen zur Verhinderung eines zweiten Ausbruchs eingeschränkt bleiben werden“, schreiben die CEBR-Experten.

    Auch die jüngsten Zahlen zu den Anträgen auf Sozialleistungen sprechen eine klare Sprache: In den letzten zwei März-Wochen hatten 950.000 Briten Antrag auf Arbeitslosengeld oder Aufstockungsgeld gestellt – das waren fast zehnmal so viel wie sonst.

    Vielen Unternehmen könnte das Geld ausgehen

    Für viele Unternehmen wird es brenzlig, wie eine neue Umfrage der britischen Handelskammer BCC zeigt: Fast ein Fünftel aller Unternehmen dürfte in einem Monat das Geld ausgehen. 44 Prozent der Befragten gaben an, Barbestände für bis zu drei Monate zu haben. Lediglich sechs Prozent verfügen eigenen Angaben zufolge über Cash-Reserven für mehr als ein Jahr.

    Für etwas Luft sorgte immerhin die Entscheidung der britischen Regierung, das deutsche Modell der Kurzarbeit zu übernehmen: Knapp ein Drittel der Unternehmen will laut der BCC-Umfrage in den kommenden Tagen 75 bis 100 Prozent der Belegschaft in Kurzarbeit schicken.

    Fast ein Viertel der befragten Unternehmen haben ihre Geschäfte vorübergehen vollkommen eingestellt – und diese Zahl dürfte nach Einschätzung der Handelskammer in den kommenden Wochen und Monaten steigen. „Die Pandemie fordert einen hohen Tribut von der Wirtschaft“, sagt BCC-Chef Adam Marshall.

    Eine Aussicht auf Lockerung der Auflagen gibt es jedoch nicht. Darüber werde man erst reden, wenn der Höhepunkt der Pandemie vorbei sei, sagte Johnson-Stellvertreter Raab. „Das Schlimmste wäre, wenn wir jetzt den Fuß vom Pedal nehmen und unsere Fortschritte wieder zunichtemachen.“

    Mehr: Ein Karate-Fan und Brexit-Hardliner führt Großbritannien in Vertretung für Boris Johnson.

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    2 Kommentare zu "Krise im Vereinigten Königreich: Die Coronakrise bringt Großbritanniens Gesundheitssystem ans Limit – Sorgen um Johnson"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Johnson wünsche ich jetzt viel Kraft und Glück, für eine hoffentlich baldige Genesung!
      Wer, wie ich, das Privileg hatte, den NHS in seiner ganzen Leistungsfähikeit begutachten zu dürfen, weiß, das Johnson, dieses Glück akut benötigen wird.

    • Dieser Artikel bestätigt mich in der Ansicht, dass das RKI die Regierung vollkommen richtig beraten hat. Lockerungen sollten ebenfalls mit Ruhe und Weitsicht erfolgen.

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