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Krise in Venezuela Südamerika hat ein Flüchtlingsproblem – Kolumbien fordert UN-Sonderbeauftragten

Wegen der Lage in Venezuela bahnt sich womöglich der größte Exodus in der Geschichte Lateinamerikas an. Die Nachbarländer sind zunehmend überfordert.
Update: 22.08.2018 - 18:36 Uhr 1 Kommentar
Am Samstag haben Bewohner der brasilianischen Grenzstadt Pacaraima ein Flüchtlingslager mit Knüppeln und selbstgebauten Sprengkörpern angegriffen und Zelte in Brand gesetzt. Quelle: Reuters
Venezolanische Flüchtlinge in Pacaraima

Am Samstag haben Bewohner der brasilianischen Grenzstadt Pacaraima ein Flüchtlingslager mit Knüppeln und selbstgebauten Sprengkörpern angegriffen und Zelte in Brand gesetzt.

(Foto: Reuters)

Bogotá, SalvadorSeit Monaten ist die Lage in der brasilianischen Amazonasstadt Pacaraima angespannt: Täglich kommen dort etwa 500 Flüchtlinge aus Venezuela an – in den vergangenen Wochen, seitdem die wirtschaftliche Krise sich dort noch verschärft hat, sind es immer mehr geworden.

Eine halbe Stunde brauchen sie mit dem Bus von der Grenze bis in die 12.000 Einwohner-Gemeinde. Die meisten versuchen weiterzukommen. Doch geschätzt 3000 Flüchtlinge sitzen in der Stadt fest. In Zelten leben sie, oder direkt auf der Straße. Zwei Dutzend Soldaten wurden aus der 200 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Boa Vista abkommandiert, um die öffentliche Sicherheit zu garantieren. Viel zu wenig – wie sich jetzt herausstellte.

Am Samstagabend reichte das Gerücht über einen angeblichen Raubüberfall auf einen brasilianischen Händler durch Venezolaner, dass sich die Stimmung gewalttätig entlud: Ein Mob aus Hunderten von Brasilianern vertrieb die Flüchtlinge, verbrannte ihre Zelte und Habseligkeiten und versperrte die Nationalstraße nach Norden mit brennenden Reifen, um jede Durchreise von neuen Flüchtlingen zu verhindern.

Mehr Soldaten an die Grenze

Die Soldaten sahen bei der Lynchjustiz – bei der niemand getötet wurde - tatenlos zu. 1200 Venezolaner flüchteten zurück in ihre Heimat, die sie zuvor unter großen Anstrengungen verlassen haben. Das reiche Ölland hat sich unter Präsident Nicolás Maduro in eine Diktatur verwandelt. Dort hungern die Menschen wegen der Wirtschaftskrise. Sie sterben an Krankheiten, die längst ausgemerzt schienen.

Die Regierung im fernen Brasília verfügte, dass 60 Soldaten und 36 freiwillige Sozialarbeiter und Ärzte nach Pacaraima geflogen werden. Hilfsgelder will Präsident Michel Temer jedoch nicht für die Grenzregion anweisen. Nachdem auch die organisierte Umsiedlung von Flüchtlingen in andere Regionen zunächst ausgesetzt war, kündigte die brasilianische Regierung am Mittwoch an, mehr als 1000 Migranten in andere Landesteile bringen. Die Venezolaner sollten vor allem im wirtschaftlich starken Süden in den Bundesstaaten Rio de Janeiro, São Paulo und Minas Gerais untergebracht werden. „Wir werden sie in den Arbeitsmarkt integrieren“, sagte Regierungssprecherin Viviane Esse.

Der Grund für das insgesamt aber geringe Engagement: Die Gouverneurin des Amazonas-Bundesstaates Roraima an der Grenze zu Venezuela will bei den Wahlen im Oktober wiedergewählt werden. Ihr wichtigster Konkurrent ist jedoch enger Vertrauter des Präsidenten Temer. Und der fürchtet, dass die Gouverneurin mit einer erfolgreichen Flüchtlingspolitik in ihrem Staat zu populär werden könnte.

Mit der Revolte und der Mobjustiz im Grenzgebiet sind die venezolanischen Flüchtlinge nun auch in Brasilien Spielball der Innenpolitik geworden. Im restlichen Südamerika sind sie das bereits, weil dort schon länger und mehr Auswanderer aus Venezuela ankommen.

Nach Angaben der Uno sind bereits 2,3 Millionen Venezolaner aus ihrem Land geflüchtet, also etwa sieben Prozent der Bevölkerung. In Panama und Santiago, in Lima und Montevideo bis im Norden nach Mexiko-Stadt sprechen immer mehr Taxifahrer, Verkäufer, Kellner und Bauarbeiter das weiche Spanisch des Karibiklandes mit dem verschluckten „s“. Lateinamerika erlebt eine Flüchtlingswelle wie nie zuvor in der jüngeren Geschichte.

Kolumbien: 800.000 Flüchtlinge und neue Drogenmafias

In Kolumbien ist die Lage innenpolitisch besonders heikel. Mehr als 800.000 Flüchtlinge sind bereits in das Land gekommen, das mitten in einem fragilen Friedensprozess steckt. Die Guerilleros der Farc üben den Start ins Zivilleben. Ein Teil abtrünniger Farc-Rebellen bewirtschaftet die Coca-Plantagen weiter, mit denen sich die Guerilla finanziert hat.

Inzwischen ist Kolumbien der größte Kokain-Produzent weltweit. Neue Drogenmafias haben den Platz der Farc eingenommen. Tausende von arbeitslosen Flüchtlingen in einem Land, das nach einem jahrzehntelangen Ausnahmezustand versucht, wieder in die Normalität zurück zu finden – das kann kaum gut gehen.

Die Regierung hat nun einen Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für die Flüchtlingskrise gefordert. Die Nachbarländer müssten gemeinsam Maßnahmen ergreifen, um der Lage Herr zu werden, sagte der kolumbianische Außenminister Carlos Holmes Trujillo am Dienstag. Bei einem Besuch in New York in den kommenden Tagen werde er UN-Generalsekretär Antonio Guterres bitten, einen Sondergesandten zu bestellen.

Ecuador hat die Außenminister von 13 süd- und zentralamerikanischen Länder zu einem Krisentreffen eingeladen. An dem Treffen in der Hauptstadt Quito am 17. und 18. September sollen neben Vertretern von Argentinien, Brasilien, Bolivien, Costa Rica, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru, Paraguay, Panama, der Dominikanischen Republik, Uruguay und Venezuela auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) und der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen teilnehmen.

Die Regierung hatte wegen des anschwellenden Flüchtlingsstroms den nationalen Notstand ausgerufen. 250.000 Venezolaner sollen bereits in Ecuador leben. Nur noch Venezolaner mit Reisepass dürfen einreisen – genauso wie in Kürze in Peru, wo sich bereits 400.000 Venezolaner angesiedelt haben sollen. Deswegen machen sich immer mehr Venezolaner auf nach Brasilien und Kolumbien, wo sie bisher noch ohne Dokument einreisen dürfen.

Der „Economist“ spricht von der möglicherweise größten Fluchtbewegung in der Geschichte Lateinamerikas. Allerdings sind die selbst armen Anrainer mit der Integration der Geflüchteten zunehmend überfordert. Die Flüchtlinge werden immer mehr zum Politikum in der Region.

Selbst in Staaten wie Chile, wo das Thema Migration erst durch die zahlreichen Haitianer im Land und jetzt durch die Flüchtlinge aus Venezuela eine zunehmend wichtige Rolle in der Innenpolitik spielt. In Brasilien führt ein pensionierter Oberst in den Umfragen für die Wahl ins Präsidentenamt. Jair Bolsonaro greift tief in die national-chauvinistische Themenkiste – zur Freude seiner wachsenden Fangemeinde. Bolsonaro will Flüchtlingslager im Amazonas-Gebiet errichten.

Lateinamerika bezahlt nun den Preis dafür, dass es der angekündigten Katastrophe in Venezuela zu lange tatenlos zugesehen hat. Jahrelang haben Linkspräsidenten wie Lula und Rousseff in Brasilien oder auch die Kirchners in Argentinien sich mit Venezuela solidarisch gezeigt – und zugeschaut, wie die Präsidenten Chávez und Maduro dort die Demokratie aushöhlten und das Land wirtschaftlich an die Wand fuhren.

Vor allem die Regionalmacht Brasilien glänzt durch Abwesenheit: Es sei unverantwortlich, dass die Regierung in Brasilien zuschaue, wie ein hochbewaffnetes Land dabei sei, eine Narco-Diktatur zu werden mit einer unkontrollierbaren Grenze, kritisiert Matias Spektor, Brasiliens führender Außenpolitikexperte. „Es ist die schwerste Sicherheitskrise Brasiliens seit Jahrzehnten.”

Mit Material von dpa.

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1 Kommentar zu "Krise in Venezuela: Südamerika hat ein Flüchtlingsproblem – Kolumbien fordert UN-Sonderbeauftragten"

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  • Was tun, sprach Zeus. Es handelt sich klar um Sozialfluechtlinge aus dem Land mit den
    groessten Erdoel-Reserven der Welt. Als der Boom am groessten war, haben die Venezuelaner Ziegelsteine importiert anstatt sie selbst zu brennen. In Afrika geht es der
    Mehrheit der Bewohner Nigerias und Angolas, wo das meiste Erdoel exportiert wird,
    schlechter als den Nachbarn, wo kein Erdoel gewonnen wird. Cabo Verde hat keine
    Bodenschaetze nicht mal Wasser und die Bewohner leben arm aber friedlich und in Sicherheit. In Venezuela gibt es (noch) keinen Buergerkrieg. Die Bewohner muessen es
    schaffen eine andere Regierung zu bekommen. Das ist schwierig, denn ein grosser Teil
    der Bevoelkerung wird von der Regierung ausgehalten, die damit Waehlerstimmen kauft.
    Wer hat ein Rezept? Es muss wahrscheinlich noch schlimmer werden, bevor ein Wandel
    kommt.

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