Leben in Venezuela Der blutige Alltag von Caracas

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Die Gewalt eskaliert

Venezuelaner liefern sich Straßenschlacht mit Polizei und Militär

An jenem Morgen bricht Bernal vor Sonnenaufgang auf. Per Bus fährt er in die Stadt, bringt seine Tochter in die Schule und steigt in die U-Bahn. Seiner Frau hat er gesagt, er sei auf dem Weg zu einem neuen Job in einem Restaurant. Stattdessen steigt er in der Nähe einer Bank aus.

Ein alter Mann kommt aus dem Bankgebäude und steckt ein Bündel Scheine in seinen Hut, den er unter seiner Jacke versteckt. Die Scheine sind gut 4,50 Euro wert – eine Menge Geld für Bernal. Er könnte damit eine Woche lang seine Familie ernähren. Oder einen Plastik-Esstisch oder eine vernünftige Schuluniform für seine Tochter kaufen, die die anderen Kinder „Stinker“ nennen.

Der Dieb habe sich das Geld geschnappt und sei zu einem Taxistand gelaufen, wo Dutzende Motorräder gestanden hätten, sagt der ausgeraubte Mann später den Ermittlern. Er sei hinterhergelaufen und habe „Dieb!“ gerufen.

Dann eskaliert die Gewalt. Einige Augenzeugen verlassen den Ort, weil sie nicht mit ansehen wollen, was kommt. Andere schauen zu und jubeln. Als der Gestank von verbranntem Fleisch die Luft ergreift, wird es still. Manche machen Videos von Bernal, der versucht aufzustehen, während Flammen seinen Kopf erfassen.

Slum mit Helikopterlandeplatz
A skyscraper known as the "Tower of David" is seen in Caracas
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Einst für Büroräume eines mittlerweile pleitegegangenen Finanzinstituts angedacht, ist der „Tower of David“, wie man ihn in der Venezuelanischen Hauptstadt Caracas nennt, das höchste Slum-Gebäude des Planeten. Der Name des Gebäudes hat das Hochhaus seinem Planer, dem Banker David Brillembourg, zu verdanken. Nach seinem Tod und der späteren Insolvenz der Metropolitano Bank wurde das unfertige Gebäude einfach stehen gelassen. Lange hatte man über den Verwendungszweck des Tower of David nachgedacht und keinen gefunden. 2007 besetzten Anhänger des sozialistischen Präsidenten Hugo Chavez das Gebäude.

Children play in the lobby of the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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Der mexikanische Fotojournalist Jorge Silva dokumentierte die Zustände in dem Slum. Zunächst wenig begeistert, entwickelte Silva eine Art Obsession während der Arbeit im Tower of David. Allerdings waren die ersten Versuche in dem Hochhaus zu fotografieren alles andere als einfach. Schon beim betreten des Gebäudes wurde ihm nicht auf die freundlichste Art nahegelegt, dass Gebäude zu verlassen, solange er es noch könne.

Boys play basketball in a garage at the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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Das Besondere der Bewohner, so Silva, sei das starke „Wir-Gefühl“. In der ansonsten von Gewalt und Unruhe geprägten Hauptstadt Caracas bildet der Tower of David eine Art Refugium für die Bewohner. Innerhalb des Gebäudes fühlte sich auch Fotograf Silva sicherer als in der Stadt selbst. Mittlerweile dürfte der Bekanntheitsgrad des 190 Meter hohen Gebäudes auch außerhalb des Landesgrenzen gestiegen sein. Einige Szenen der US-TV-Serie „Homeland“ wurden in dem Hochhaus gedreht.

Francisco cooks in his apartment inside the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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Insgesamt bewohnen rund 2500 Menschen das Gebäude. Es könnten mehr sein, allerdings sind die letzten 17 Stockwerke des 45-stöckigen Gebäudes nicht bewohnbar. Das Bewohner des Slums haben sich eine Art Mikrokosmos geschaffen. Ohne das Hochhaus zu verlassen, können sie innerhalb des Komplexes in Kleidungsgeschäfte, Super- und Drogeriemärkte das Nötigste zur Bewältigung des Alltags einkaufen. Mieten für das Bewohnen der Apartments zahlen die Bewohner nicht. Sie entrichten an ein Kollektiv eine Art Wohngeld, bei dem die Kosten für Strom und Wasser mitinbegriffen sind.

Men rest after salvaging metal on the 30th floor of the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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In dem baufälligen Gebäude kommt es des Öfteren zu tödlichen Unfällen. Wie auf dem Foto zu sehen fehlen an vielen Stellen die Fassaden. Dahinter geht es nicht selten über 100 Meter in die Tiefe. Meist sind Kinder Opfer solcher Unfälle.

Rivas lifts weights on a balcony on the 28th floor of the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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Das Gebäude bietet neben den zahlreichen Geschäften einen Helikopter-Landeplatz, einen traumhaften Ausblick auf das Avila-Gebirge, große Balkone, auf denen am Wochenende gegrillt wird und ein Freiluft-Fitnessstudio. Wenn man diese Beschreibung ließt, könnte man fast meinen in einem Fünf-Sterne-Hotel zu residieren und nicht im höchsten Slum der Welt.

Teenagers chat on the 10th floor of the "Tower of David" skyscraper in Caracas
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Auf den vielen Stockwerken tummeln sich Menschen vieler verschiedener Klassen und verschiedenen Alters. Hier unterhalten sich Teenager im zehnten Stock des Gebäudes. Viele Bewohner des Tower of David gehen völlig normalen Berufen nach. Der mangelnde Wohnraum zwingt viele Menschen im Slum zu wohnen. In Venezuela fehlen schätzungsweise vier Millionen Wohnungen.

Ein junger Pastor, der Teilzeit als Taxifahrer arbeitet, rettet ihm zunächst das Leben. Als Alejandro Delgado die Flammen mit seiner Jacke erstickt, wird er aus Wut mit Flaschen beworfen. „Diese Kerle, mit denen ich jeden Tag zusammenarbeite, sind zu Dämonen geworden“, sagt er. Verurteilt wird die Tat von anderen nicht – später, im Krankenhaus, sagt der oft ausgeraubte Krankenpfleger Juan Pérez: „Wenn die Leute ihn gepackt und gelyncht haben, dann, weil er ein Verbrecher war.“

Während sich Videos von der Verbrennung in sozialen Netzwerken verbreiten, kommt Bernals Frau ins Krankenhaus. Zunächst geht sie an seinem verkohlten Körper vorbei. Dann kehrt sie um und fragt fassungslos: „Bist du Roberto?“ Seine Augenlider sind versengt, seine Luftröhre ist so beschädigt, dass er nur noch flüstern kann. Er sagt ihr, dass der alte Mann ihn versehentlich mit dem echten Dieb verwechselt habe. Die Menge habe ihm keine Chance gegeben, das Missverständnis aufzuklären. Zwei Tage später ist Roberto Bernal tot.

Die Familie von Roberto Bernal in ihrem Slum in Caracas: ihr Leben wird nun noch schwieriger. Quelle: AP
Wohnen im Slum

Die Familie von Roberto Bernal in ihrem Slum in Caracas: ihr Leben wird nun noch schwieriger.

(Foto: AP)

Die Polizei schreitet in solchen Fällen kaum ein. Weil die Beamten selbst zunehmend attackiert werden, haben sie eine dicke Backsteinmauer um ihre Wache errichtet. Die Taxifahrer an dem Stand machen sich über sie lustig.

Dem Violence Observatory zufolge nimmt die Polizei im Schnitt pro 100 Morde 118 Menschen fest. Mittlerweile gibt es demnach nur noch acht Festnahmen. Wer ausgeraubt wird, verzichtet meist auf die ohnehin wenig erfolgversprechende Anzeige.

Bernals Familie fordert Gerechtigkeit für den tödlichen Angriff am 4. April. Zu ihrer Überraschung: Anfang Mai werden Anschuldigungen gegen einen 23 Jahre alten Studienabbrecher erhoben, das Benzin über Bernal gegossen zu haben. Die weiteren Männer werden nicht belangt.

Die Familie des Toten lebt seitdem in Angst. Sie glaubt nicht daran, dass Bernal der wahre Dieb war, stimmt aber mit seinen Mördern überein, dass es keine Gerechtigkeit in Venezuela gibt. „Jeder muss sich fürchten“, sagt der Neffe Alfredo Cisneros. „Die Leute müssen wissen, dass es hier kein Gesetz mehr gibt. Niemand ist sicher.“

  • ap
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