Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Lesbos Flüchtlingscamp Moria durch Feuer fast vollständig zerstört – die wichtigsten Fragen und Antworten

Ein Feuersturm, herbeigeführt offenbar von Brandstiftern, fegt durch Moria. Die Regierung ruft den Notstand aus. Was wird nun aus den fast 13.000 Bewohnern des Camps?
09.09.2020 - 12:30 Uhr Kommentieren
Das Flüchtlingscamp ist weitgehend zerstört worden. Quelle: AFP
Moria

Das Flüchtlingscamp ist weitgehend zerstört worden.

(Foto: AFP)

Athen Die Zeitbombe tickte seit Langem. „Jetzt ist die Situation regelrecht explodiert“, sagt Stratos Kytelis, der Bürgermeister von Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. Unweit der Stadt liegt Moria, Europa größtes Flüchtlingslager.

Eingerichtet für die Unterbringung von 2757 Personen, beherbergte Moria nach offizieller Zählung Anfang dieser Woche 12.589 Menschen, darunter etwa 4000 Kinder. Die „Hölle“ nennen Bewohner das fünffach überbelegte Camp. Mit dem Feuersturm, der in der Nacht zum Mittwoch das Lager verwüstete, bekommt dieses Wort eine neue, schreckliche Bedeutung. Fragen und Antworten zu der Katastrophe von Moria.

Was weiß man bisher über den Hergang?

Augenzeugen berichten, dass kurz vor Mitternacht im Umkreis des Lagers Flammen aufloderten. Die Rede ist von bis zu einem Dutzend kleinen Brandherden. Das bestätigten inzwischen auch die Ermittlungen der Feuerwehr. Starke Nordwinde fachten die Flammen an. Bereits nach kurzer Zeit griffen die Brände auf die Zelte und Wohncontainer des Lagers über.

Die Lagerbewohner, darunter viele Familien mit Kindern, flohen vor den Flammen in die umliegenden Wälder und Hügel. Erst am Morgen gelang es der Feuerwehr, die mit zehn Löschfahrzeugen anrückte, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Große Teile des Lagers sind zerstört. Ob Menschen verletzt oder getötet wurden, ist noch unklar.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Wie wurden die Brände ausgelöst?

    Alles deutet auf Brandstiftung hin. Anders ist es nicht zu erklären, dass an so vielen Stellen gleichzeitig Feuer ausbrachen. Wer dahintersteckt, ist noch unklar. Einige Migranten äußerten den Verdacht, Inselbewohner, die seit Langem die Auflösung des Lagers fordern, hätten die Brände gelegt. Denkbar ist aber auch, dass Lagerbewohner selbst die Brände legten.

    Schon bei früheren Protesten hatten Migranten Wohncontainer in Brand gesteckt. Für diese Version spricht auch, dass die Feuerwehrleute bei den Löscharbeiten von Migranten massiv mit Steinwürfen behindert wurden. Manche riefen: „Bye-bye Moria!“ Dem Brand gingen schon am Dienstagabend Unruhen im Lager voraus.

    Über 12.000 Menschen könnten durch den Brand obdachlos geworden sein. Quelle: Reuters
    Migranten

    Über 12.000 Menschen könnten durch den Brand obdachlos geworden sein.

    (Foto: Reuters)

    Was hat die Proteste ausgelöst?

    Vor einer Woche wurde erstmals ein Lagerbewohner positiv auf das Coronavirus getestet. Die Regierung verhängte daraufhin eine Quarantäne über das Lager und begann mit Tests. Am Dienstag wurde bekannt, dass sich weitere 35 Migranten mit dem Virus infiziert hatten. Sie, ihre Familien und ihre Kontaktpersonen sollten in eine Isolierstation außerhalb des Lagers gebracht werden. Dagegen regte sich Widerstand. Derweil versuchten andere Lagerbewohner, das Camp zu verlassen, aus Angst, sie könnten sich dort anstecken.

    Wo liegt Moria, seit wann gibt es das Lager?

    Das Camp wurde im Rahmen des EU-Flüchtlingspakts mit der Türkei 2016 gebaut. Seinen Namen hat es von dem nahe gelegenen Dorf Moria. Lesbos war damals das Hauptziel der Migranten, die von der etwa 15 Kilometer entfernten türkischen Küste ins EU-Land Griechenland zu gelangen versuchten. Moria war konzipiert als eines von fünf Erstaufnahmelagern. Weitere gibt es auf Chios, Leros, Kos und Samos. In diesen sogenannten „Hotspots“ sollen die ankommenden Geflüchteten registriert werden und auf ihre Asylbescheide warten.

    Abgelehnte Asylbewerber sollten in die Türkei zurückgeschickt werden. Die Behörden wurden jedoch schnell von dem großen Ansturm überfordert. Die Asylverfahren zogen sich immer weiter in die Länge, auch wegen vieler Einsprüche. Deswegen funktionieren auch die im Flüchtlingspakt vorgesehenen Rückführungen in die Türkei nicht. Moria hat Unterkünfte für 2757 Personen, zeitweilig lebten dort aber mehr als 15.000 Menschen. Aktuell sind es nach offiziellen Angaben 12.589.

    Kurz vor Mitternacht brachen mehrere Brände aus. Quelle: AFP
    Feuer

    Kurz vor Mitternacht brachen mehrere Brände aus.

    (Foto: AFP)

    Unter welchen Bedingungen leben die Menschen dort?

    Die Zustände sind katastrophal. Menschenrechtsorganisationen nennen Moria „die Schande Europas“. Weil es in den Wohncontainern des eigentlichen Lagers längst keine Schlafplätze mehr gibt, hausen die meisten Menschen in Zelten und Unterschlägen, die sie sich aus Latten, Pappe und Plastikplanen in den umliegenden Olivenhainen gezimmert haben.

    Hunderte müssen sich einen Wasserhahn teilen, es gibt nur wenige Toiletten und Duschen. Ähnlich sieht es in den anderen Lagern aus. Das Camp Vathy auf der Insel Samos ist mit 4815 Bewohnern sogar mehr als siebenfach überbelegt. Insgesamt leben in den fünf Insellagern nach offiziellen Angaben 27.123 Menschen – in Unterkünften, die für 10.334 Personen ausgelegt sind.

    Warum gelingt es nicht, die Geflüchteten unter menschenwürdigen Bedingungen unterzubringen?

    Ein Grund liegt im Flüchtlingspakt, der vorschreibt, die Migranten bis zum Abschluss der Asylverfahren auf den fünf Inseln festzuhalten. Pläne der Regierung zum Bau weiterer Lager stoßen auf erbitterten Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Im Lager Vathy auf Samos leben bereits mehr Migranten, als die gleichnamige Inselhauptstadt Einwohner hat.

    Seit Jahren fordert die griechische Regierung eine gerechtere Umverteilung der Migranten und der Asylverfahren in der EU. Dazu müsste die EU ihre Asylpolitik ändern. Diese Reformpläne kommen aber nicht voran. Einige osteuropäische Länder wollen überhaupt keine Migranten aufnehmen.

    Wie geht es jetzt auf Lesbos weiter?

    Die Regierung hat am Mittwoch den Notstand über die Insel verhängt. Mit einem Transportflugzeug der Luftstreitkräfte wurden am frühen Morgen zusätzliche Polizeikräfte nach Lesbos geflogen. Sie sollen die aufgebrachten Lagerbewohner nun vor allem davon zurückhalten, in die Inselhauptstadt Mytilini zu marschieren. Dort fürchtet die Bevölkerung, dass die Migranten nun in der Stadt campieren werden.

    Wo sollen die Migranten denn unterkommen?

    Das ist noch unklar. Im Laufe des Tages wollen die Behörden feststellen, wie viele der fast 13.000 Lagerbewohner durch das Feuer obdachlos geworden sind und ob Teile des Camps trotz des Brandes bewohnbar sind. Am Mittwochvormittag beriet Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis mit den zuständigen Ministern und dem Chef der Zivilschutzbehörde in einer Krisensitzung über die Lage. Das Ausmaß der Zerstörung ist noch nicht abzusehen.

    Die Polizei hat das Lager weiträumig abgeriegelt. Der Fotoreporter Giorgos Moutadis berichtete telefonisch im Sender Mega TV: „Das Camp gibt es nicht mehr, alles ist vernichtet. Es sieht aus, als habe hier eine Bombe eingeschlagen.“ Nach den bisher vorliegenden Berichten wurden die Büros der Lagerverwaltung und der Asylbehörde, aber auch die meisten Wohncontainer völlig zerstört.

    Es dürfte zunächst nichts anderes übrig bleiben, als die Obdachlosen in Zelten unterzubringen, wie sie etwa nach Erdbeben von der Zivilschutzorganisation aufgestellt werden. Das kann aber nur eine Übergangslösung sein. Noch ist es warm und sonnig auf Lesbos. Aber in wenigen Wochen werden auch hier die Herbstregen den nahenden Winter ankündigen.

    Mehr: Mitschuld durch jahrelange Ignoranz – ein Kommentar

    Startseite
    Mehr zu: Lesbos - Flüchtlingscamp Moria durch Feuer fast vollständig zerstört – die wichtigsten Fragen und Antworten
    0 Kommentare zu "Lesbos: Flüchtlingscamp Moria durch Feuer fast vollständig zerstört – die wichtigsten Fragen und Antworten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%