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Leserabend Ein Blick hinter die Kulissen – Handelsblatt-Korrespondenten berichten von ihrer Arbeit

Wie arbeiten Reporter? Handelsblatt-Korrespondenten aus aller Welt haben Lesern einen besonderen Einblick gegeben – und Transparenz geschaffen.
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Korrespondentinnen Ruth Berschens (links), Kerstin Leitel (rechts) und Ressortleiterin Ausland Nicole Bastian (Mitte). Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt
Der Brexit aus unterschiedlichen Perspektiven

Korrespondentinnen Ruth Berschens (links), Kerstin Leitel (rechts) und Ressortleiterin Ausland Nicole Bastian (Mitte).

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)

DüsseldorfDer Sanlitun-Soho-Hochhauskomplex in Peking ist Heim von Diplomaten und Automanagern. Seine im Sonnenlicht glänzende Fensterfassade scheint zu verdeutlichen, wie weit es die chinesische Wirtschaft bei ihrer Aufholjagd gebracht hat. Der Blick in die Schneiderstube im Erdgeschoss aber zeigt, dass das Bild so klar nicht ist: Die Schneiderin arbeitet auf neun Quadratmetern und kocht ihr Mittagessen auf dem Boden unter dem Schreibtisch, weil sie es sich anders nicht leisten kann.

Es ist dieser Blick hinter die Kulissen, der den Korrespondentenabend jedes Jahr zu etwas Besonderem macht – und zeigt, warum das Handelsblatt ein Netz von rund drei Dutzend Journalisten auf der ganzen Welt braucht, um die Komplexität der Ereignisse täglich treffend einzuordnen. Das gilt erst recht für ein außenpolitisch so bedeutendes Jahr wie 2019, in dem sich die weitere Entwicklung im Handelsstreit zwischen den USA und China ebenso entscheidet wie die künftige Entwicklung der EU und der Wirtschaftskurs Indiens, Brasiliens und Mexikos.

Armut und Landwirtschaft in China prägen die Strategie der Kommunistischen Partei bei ihren Verhandlungen mit anderen Staaten ebenso wie technologische Ambitionen, argumentiert Peking-Korrespondentin Sha Hua. Ozan Demircan aus Istanbul schildert, wie sich gerade in ausgebliebenen kritischen Äußerungen die Wiederannäherung Deutschlands und der Türkei zeigt. Rom-Korrespondentin Regina Krieger schildert Italiens Innenminister Matteo Salvini als den wahren Strategen der Regierung. Der polternde Populist ist in Wahrheit ein exakt kalkulierender politischer Kopf. Und Katharina Kort aus New York beschreibt, warum US-Präsident Donald Trump in der Wirtschaft nach wie vor große Zustimmung genießt.

Der Diskussionsbedarf der Leser war bei der verfahrenen Situation rund um den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union besonders groß. Brüssel-Büroleiterin Ruth Berschens und London-Korrespondentin Kerstin Leitel hoffen weiter auf eine Einigung, doch Premierministerin Mays fehlender Rückhalt zu Hause lässt den ungeordneten Brexit in ihren Augen als historischen Unfall nicht unmöglich erscheinen.

Großbritannien und die EU: Trennung mit Schmerzen

Kein anderes politisches Ereignis bindet derzeit so viele Kräfte in Europa wie der Brexit. Nach der Abstimmungsniederlage der britischen Premierministerin Theresa May in der vergangenen Woche herrscht Chaos in London und Fassungslosigkeit in Brüssel. Die Verhandlungen befinden sich in einer Sackgasse. Kommt es zu einem ungeordneten Brexit – oder findet May mit der EU noch eine Lösung, der das Londoner Parlament rechtzeitig zustimmt? Nur eines scheint sicher: Großbritannien wird die Europäische Union verlassen.

Eine gemeinsame Basis für den Brexit ist derzeit nicht in Sicht. Die EU kann sich allein aus taktischen Gründen keine großen Zugeständnisse leisten. Zudem gibt es in Brüssel große Frustration. Jede Abmachung mit May und ihren Unterhändlern wird im Londoner Parlament torpediert. Auf dieser Grundlage scheinen weitere Gespräche fast sinnlos. „Irgendwann ist die politische Energie der EU aufgebraucht“, sagt Ruth Berschens, Leiterin des Brüsseler Büros des Handelsblatts. So droht Ende März ein Brexit ohne Übergangsfrist, ohne Regeln, ohne Handelsabkommen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Die Autorin

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.

Ein Aufschub der Frist ist möglich, doch die Europawahl im Mai ist die entscheidende Grenze. Ab dem 1. Juli werden die neuen EU-Abgeordneten im Amt sein – keiner von ihnen wird aus Großbritannien stammen. Spätestens dann enden die Hoffnungen, dass Großbritannien irgendwie in der EU bleiben kann. Eine Annullierung der Wahl kann sich Europa nicht leisten.

Theresa May muss nun mit einem „Plan B“ das Unterhaus und die Verhandlungspartner in Brüssel überzeugen. Dazu muss sie sich jetzt auch der Opposition zuwenden. Doch Labour-Chef Jeremy Corbyn ist nicht an einem Kompromiss interessiert und setzt alles auf eine Karte: Neuwahlen. Nur in dieser Frage haben die Regierungsmitglieder eine gemeinsame Linie – vor allem, weil sie um ihre Posten fürchten.

Andere Oppositionsparteien fordern seit Längerem ein zweites Referendum. Doch ohne Labour haben sie darauf keine Chance. Zudem ist die Aussagekraft einer solchen Abstimmung fraglich. „Mittlerweile gibt es in der öffentlichen Meinung leichte Verschiebungen, das ‚Remain‘-Lager könnte knapp gewinnen“, sagt London-Korrespondentin Kerstin Leitel. Doch der Abstand sei zu gering, um von einem generellen Sinneswandel zu sprechen. Danach würde einfach ein drittes Referendum gefordert werden.

Kerstin Leitel ist Korrespondentin des Handelsblatts in London.

Kerstin Leitel ist Korrespondentin des Handelsblatts in London.

Die beiden Handelsblatt-Korrespondentinnen rechnen damit, dass einige Produktions- und Dienstleistungsstandorte in Großbritannien geschlossen werden und die Arbeitsplätze Richtung Kontinentaleuropa verlegt werden. Das könnte zu höheren Mieten etwa in Frankfurt führen.

Die Hoffnung, dass die Queen sich in den Brexit-Prozess einmischt und dafür sorgen könnte, dass Großbritannien in der EU bleibt, mussten die Korrespondentinnen den Lesern nehmen.

China: Neue Bescheidenheit

2018 ist das Jahr, in dem China wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Dabei hatte es so gut angefangen: Chinas Tech-Unternehmen galten als ernst zu nehmende Herausforderer des Silicon Valleys; der „Economist“ fragte auf seiner Titelseite, ob Staatschef Xi Jinping der mächtigste Mann der Welt sei, und nach dem Besuch von US-Präsident Donald Trump in Peking waren viele Beobachter der Meinung, dass Peking ihn um den Finger gewickelt habe. Dementsprechend markig gab sich China zu Beginn des Handelskonflikts: Das Wirtschaftswachstum werde nur geringfügig betroffen sein, und man werde jeden Schritt der Amerikaner mit Gleichem vergelten.

Doch am Ende des Jahres war klar: Peking hatte sich überschätzt. Ein Blick hinter die Fassade der scheinbaren neuen Supermacht zeigt ein Land, das zu Hause noch mit großen Herausforderungen kämpfen muss: Viele Menschen leben in absoluter Armut, die Arbeitslosigkeit darf nicht steigen, die Immobilienblase nicht platzen, der Schuldenabbau trotz der schwächelnden Konjunktur nicht kompromittiert werden, und die latenten Gefahren für die Finanzstabilität sind weiterhin vorhanden. All diese Faktoren begrenzen Chinas Spielraum in der Außenpolitik.

Sha Hua ist Korrespondentin des Handelsblatts in China.
Die Autorin

Sha Hua ist Korrespondentin des Handelsblatts in China.

Entsprechend kam Peking Washington im Handelsstreit entgegen, senkte die Auto-Strafzölle und kaufte wieder Sojabohnen. 2019 wird China noch mehr Konzessionen machen müssen – auch um die Europäer nicht weiter gegen sich aufzubringen. Diese Notwendigkeit hat bereits 2018 für viele deutsche Unternehmen wie BMW, BASF und Allianz Türen geöffnet. 2019 könnten weitere folgen.

Haben die Probleme von 2018 Xis Position geschwächt? Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Denn in diesen turbulenten Zeiten, so scheint es vielen, ist eine starke, solidarische Führung so notwendig wie nie zuvor. Sie muss jedoch aus ihren Fehlern lernen und bescheidener werden: Die großen Strategien „Made in China 2025“ und die „Belt and Road Initiative“ sind aus den meisten Reden der chinesischen Führung schon verschwunden.

USA: Wirtschaft entscheidet 

Donald Trump steht für Disruption pur. Vor allem in der Außen- und Handelspolitik hat er alles durcheinandergewirbelt und seine Alliierten verunsichert. Auch der Personalverschleiß ist enorm. Dennoch muss man ihm zugestehen: Er hat viele seiner Wahlversprechen eins zu eins umgesetzt. Steuersenkungen, Deregulierung, Nafta-Neuverhandlung, China-Zölle sind nur einige davon.

Wirtschaftlich geht es den meisten Amerikanern heute besser, auch den wirtschaftlich abgehängten. Unternehmen haben so viel verdient wie noch nie. Dank der Steuersenkungen bleibt auch bei den Beschäftigten mehr vom Gehalt übrig. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr. Auch die Mindestlöhne ziehen in einigen Staaten an. Die steigende Staatsverschuldung ist den meisten egal.

In der zweiten Hälfte von Trumps Amtszeit droht allerdings Stillstand. Seit den Zwischenwahlen ist das Abgeordnetenhaus in den Händen der Demokraten. Trump kann nicht mehr durchregieren. Das haben der Streit über die Mauer und der Shutdown gezeigt. Ob Trump wiedergewählt wird, hängt von der Konjunktur ab und davon, ob die Demokraten eine echte Alternative bieten.

Katharina Kort

Katharina Kort ist Handelsblatt-Korrespondentin in New York.

Letztlich wird die Wirtschaft entscheidend sein. Wenn es den Menschen finanziell gut geht, könnten sie ihn wiederwählen. Die Unternehmensgewinne sind 2018 dank der Steuerreform zweistellig gewachsen. Wenn man mit Unternehmern spricht, sind die meist begeistert – auch wenn sie Trumps Stil nicht immer gut finden.

Bei einigen Firmenchefs ist zuletzt aber ein Wandel zu beobachten: Sie lassen sich nicht mehr so schnell von Trumps Drohungen beeindrucken, sondern stellen ihre Strategie an erste Stelle, auch wenn sie mit Stellenstreichungen den Präsidenten verärgern wie zuletzt GM. Denn Trump wird vielleicht in zwei Jahren, spätestens aber in sechs Jahren nicht mehr da sein. Die Kunden und Investoren aber bleiben. Für Trump sind das schlechte Nachrichten. Denn Menschen, die ihren Job verloren haben, sind keine treuen Wähler.

Italien: Auf dem Pulverfass

Kommt es in Italien zum großen Crash? Oder hat der im letzten Moment beigelegte Haushaltsstreit Roms mit der EU-Kommission für Entspannung gesorgt? Bis zur Europawahl gilt Entwarnung. Die Krise ist zunächst aufgeschoben, da die beiden populistischen Regierungsparteien, die basisdemokratische Bewegung Fünf Sterne wie die rechtsnationale Lega, schon im Wahlkampfmodus sind und sich gute Chancen ausrechnen. Die Vizepremiers Luigi Di Maio und Matteo Salvini konkurrieren um Stimmen.

 Doch es steht nicht gut um die drittgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone. Zum einen steigt die exorbitante Staatsverschuldung weiter – das Wort „Haushaltskonsolidierung“ steht nicht im Koalitionsvertrag. Die Italiener sind in absoluten Zahlen gemessen Schuldenmeister in Europa.

Regina Krieger

Regina Krieger ist Korrespondentin des Handelsblatts in Rom.

Dazu kommt das zweite große Problem des G7-Landes: die Wachstumsschwäche. Dafür gibt es viele Gründe, an erster Stelle steht der Reformstau. Es fehlen Strukturreformen, die Bürokratie ist verkrustet und überbordend, das Justizsystem langsam und ineffizient, und dazu kommen die chronischen Krankheiten Korruption, Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und die Geschäfte der Mafia.

In der Finanzbranche, die am meisten unter den unsicheren Verhältnissen und dem Misstrauen der Investoren gelitten hat, bricht die Bankenkrise gerade wieder neu aus. Reformen sind nicht in Sicht.

Italien ist auf der anderen Seite exportstark, hat einen Bilanzüberschuss, das Privatvermögen ist hoch, die Marke „Made in Italy“ zieht.

Doch die Konjunktur trübt sich ein, und das trifft ein geschwächtes Land mit Strukturproblemen mehr als andere EU-Staaten. Es droht eine Rezession, es wäre die dritte in acht Jahren. Neuwahlen wird es nicht geben, die populistische Regierung wird halten. Zum wahren Prüfstein wird der Haushalt 2020 – dann werden die Italiener auch die Krise im eigenen Portemonnaie spüren.

Türkei: Lautlose Wiederannäherung

Haben Sie aus dem Jahr 2018 einen großen deutsch-türkischen Streit in Erinnerung? Einen Nazi-Vergleich von Erdogan – oder eine scharfe Kritik aus Berlin, wenn in der Türkei ein deutscher Staatsbürger verurteilt wurde? Nein? Kein Wunder. Solche Vorfälle sind im vergangenen Jahr ausgeblieben.

2018 darf als das Jahr der Wiederannäherung zwischen beiden Ländern gelten. Doch der Weg in den bilateralen Beziehungen ist ein lautloser. Das zeigt der Besuch des Bundeswirtschaftsministers in Ankara im Oktober. Peter Altmaier war für zwei volle Tage in die türkische Hauptstadt Ankara gereist, um vor allem mit türkischen Unternehmern ins Gespräch zu kommen. Sein Credo: Wir müssen die Türkei und ihre Herausforderungen verstehen – und die wirtschaftlichen Chancen dort nutzen.

Ozan Demircan ist Auslandskorrespondent und hat deutsche und türkische Wurzeln.

Ozan Demircan ist Auslandskorrespondent und hat deutsche und türkische Wurzeln.

Das Bemühen ist löblich, wirkt aber etwas aufgesetzt nach all der harschen Rhetorik der vergangenen zwei Jahre. Ganz besonders aber, wenn man bedenkt, dass am selben Tag von Altmaiers Staatsbesuch in der Türkei der deutsche Staatsbürger Patrick K. wegen des Vorwurfs der Terrorunterstützung zu mehr als sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

In diesem Jahr wird die Wiederannäherung fortgeführt werden, auch das wird leise geschehen. Leicht wird es nicht, wie der Fall des verurteilten Deutschen zeigt.

Ökonomisch wird 2019 ein schwieriges Jahr für die Türkei: Nach einem stetigen Wachstum seit 2010 wird eine Rezession immer wahrscheinlicher. Die Lira, die im vergangenen Jahr drastisch an Wert zum Dollar oder zum Euro verloren hat, gewinnt zwar wieder an Stärke, die Inflation sinkt leicht auf allerdings noch immer knapp über 20 Prozent. Doch zeigen derzeit viele Indikatoren nach unten. Außerdem laufen in diesem Jahr in der Türkei nach den Kommunalwahlen zahlreiche Konsumprogramme aus. Der Staat muss sparen – das wird die Wirtschaft unter anderem bei Infrastrukturprojekten spüren.

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