Libyen Gaddafi soll in der Wüste beerdigt werden

Die Leiche von Ex-Dikator Gaddafi soll heute an einem geheimen Ort in der Wüste beerdigt werden. Unterdessen gerät der Übergangsrat unter Druck: Die neuen Machthaber sollen 53 Anhänger Gaddafis hingerichtet haben.
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Ein Bild von Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi in seiner Heimatstadt Sirte. Quelle: dapd

Ein Bild von Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi in seiner Heimatstadt Sirte.

(Foto: dapd)

Kairo / BengasiLibyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi soll heute (Dienstag) an „einem geheimen Ort in der Wüste“ beerdigt werden. Das berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Montagabend unter Berufung auf den libyschen Übergangsrat. Gaddafi soll demnach gemeinsam mit seinem Sohn Mutassim begraben werden.

Zuletzt hatte es geheißen, die Leichen Gaddafis und seines Sohnes sollten an Angehörige übergeben werden, statt sie an einem unbekannten Ort zu vergraben. Gaddafi war am vergangenen Donnerstag in seiner Heimatstadt Sirte getötet worden. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass ihn Kämpfer des Übergangsrates nach seiner Gefangennahme gezielt erschossen hatten.

Der Leichnam des ehemaligen Machthabers befand sich am Montag weiter in einem Lagerhaus in der Stadt Misrata, wohin ihn die Milizionäre gebracht hatten. Nach islamischer Tradition müssen Muslime normalerweise binnen 24 Stunden beigesetzt werden.

Wer Libyens neue Herrscher sind
Libyan rebels
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Bilder von Aufständischen, die sich mit großen Schusswaffen in Szene setzen (hier in einem Vorort von Tripolis am 22. August) gab es von Anfang an viele. Internationale Anerkennung jedoch gewannen die Aufständischen, als sie einen Übergangsrat bildeten, der sich Demokratie auf die Fahnen schrieb. Doch während das Regime in den letzten Zügen liegt, stellt sich die Frage, ob die Opposition das geschundene Land übernehmen und auch erfolgreich führen kann. Die Aufgabe, das Land nach sechs Monaten Bürgerkrieg und 42 Jahren Gaddafi-Herrschaft zusammenzuführen, ist erst recht schwierig, weil Libyen keine Erfahrung mit Wahlen und demokratischen Institutionen hat. Gaddafi führte das Land seinen Launen entsprechend und seiner eigenwilligen politischen Philosophie folgend. Neue Machthaber müssen auch neue Strukturen aufbauen.

Mustafa Abdul Dschalil
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Trotz der anfänglich zuweilen chaotischen Zustände führte die Rebellion in Libyen zur Bildung eines Nationalen Übergangsrates. Dessen Mitglieder kommen aus jeder von den Rebellen gehaltenen Stadt und sind von örtlichen Räten ausgewählt. Angeführt wird der Übergangsrat von Mustafa Abdul Dschalil (hier am 16 August 2011 in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi), dem früheren Justizminister, der zu den ersten Kabinettsmitgliedern gehörte, die während des Aufstands vom Regime abfielen. Gaddafi war über die
Fahnenflucht so verärgert, dass er 400 000 US-Dollar (278 000 Euro) für die Ergreifung des Abtrünnigen auslobte. Trotz seiner einstigen Zugehörigkeit zum Gaddafi-Regime genießt Abdul Dschalil unter den Rebellen Respekt. Als starker Führer oder dominante Persönlichkeit kann er dennoch nicht betrachtet werden.

Mustafa Abdel Jalil
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Abdul Dschalil, Chef des Übergangsrats der Rebellen (hier auf einer Pressekonferenz der Rebellen am 22. August in Bengasi) fordert, alle Gefolgsleute Gaddafis müssten sich noch vor Gericht verantworten, sobald die Lage stabil sei. „Und ich werde der Erste sein. Für meine Fehler werde ich mich verantworten müssen, weil ich vier Jahre für Gaddafi gearbeitet habe. Aber ich rufe alle Libyer auf, das Recht nicht in die eigenen Hände zu nehmen“, sagt Dschalil, der nach einer Karriere im libyschen Justizwesen 2007 zu Gaddafis Justizminister ernannt worden war. Der 59-Jährige studierte in Bengasi Jura und islamisches Recht. Er gilt als konservativ und frommer Muslim. Als Justizminister bot er Gaddafi und dessen Gefolgsleuten in einigen prominenten Justizfällen die Stirn und kritisierte Verstöße gegen Menschenrechte. Am Ende stand Dschalil auf verlorenem Posten.

Ali al-Essawi
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Ali al Essawi (auch Issawi, links im Bild) ist der der Chefdiplomat der Aufständischen und gehört ebenso wie der Vorsitzende Abdul Dschalil einer Gruppe früherer Regierungsmitglieder an, die einen machtvollen Block im Übergangsrat darstellen. Der 45-Jährige wurde im Januar 2007 zum damals jüngsten Wirtschafts- und Handelsminister berufen. Al-Issawi wurde in der Rebellenhochburg Bengasi geboren. Das Foto zeigt Essawi mit dem italienischen Außenminister Franco Frattini am 22. Juli in Rom.

Mahmud Dschibril
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Der Vorsitzende des Exekutivrats des Nationalen Übergangsrats - und damit Chef der Übergangsregierung - Mahmud Dschibril (auch Jibril, links im Bild), wird ebenfalls zur Gruppe der mächtigen Ex-Regierungsmitglieder gezählt. Der Ökonom Dschibril studierte unter anderem in Pittsburgh und war am Entwurf einer ambitionierten Zukunftsvision beteiligt, die den Titel trägt: „Libyen 2025: Ein Blick voraus“. Darin kommt dem Staat eine beschränkte Rolle zu, es ist von freier Meinungsäußerung die Rede sowie einer Öffnung für den freien Markt. Das Foto zeigt ihn mit Bundesaussenminister Guido Westerwelle (FDP) am 30.06.11 im Auswärtigen Amt.

Mahmud Dschibril
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Der 59 Jahre alte Ökonom Mahmud Dschibril leitete vor Beginn des Bürgerkrieges eine Denkfabrik: den Nationalen Ausschuss für Wirtschaftliche Entwicklung. Dieser sollte der Privatwirtschaft Impulse geben. Depeschen der US-Botschaft, die das Internet-Portal Wikileaks veröffentlichte, beschreiben ihn als gut vernetzt. Sie berichten aber auch von einigen Niederlagen, die der Chef-Reformer einstecken musste - wenn der Sicherheitsapparat beispielsweise Visa für US-Geschäftsleute verwehrte.

Omar al-Hariri,
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Omar al-Hariri ist im Übergangsrat für militärische Angelegenheiten zuständig. Al-Hariri war an dem Putsch beteiligt, der Gaddafi 1969 an die Macht brachte. Der heute 67 Jahre alte General bekam die eiserne Faust des Revolutionsführers selbst zu spüren. Er wurde 1975 wegen der Beteiligung an Putschplänen festgenommen und zum Tode verurteilt. 15 Jahre später wandelte Gaddafi das Urteil in Hausarrest um. Die Rebellen feiern den General als Helden.

Die Milizen des Übergangsrates geraten unterdessen zunehmend ins Zwielicht. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fanden Anhaltspunkte für ein Massaker unter 53 Gaddafi-Anhängern in Sirte. Das wäre das schwerste Kriegsverbrechen der neuen Machthaber.

Bei einigen der Toten waren die Arme mit Plastikbändern hinter dem Rücken zusammengebunden, hieß es in dem Bericht, den die Organisation am Montag veröffentlichte. Mit Hilfe von Bewohnern der Umgebung konnten einige der Männer als örtliche Gaddafi-Kader und -Anhänger identifiziert werden.

Human Rights Watch forderte den Übergangsrat auf, „eine unverzügliche und transparente Untersuchung der offensichtlichen Massenhinrichtung einzuleiten und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen“. Die Leichen lagen auf einem Grundstück nahe einem Hotel, das zum Zeitpunkt des Todes der Männer von Anti-Gaddafi-Kämpfern kontrolliert worden war. Die Blutspuren, Einschüsse im Grasboden und die Verteilung der Geschosshülsen deuteten darauf hin, dass die meisten Opfer gemeinsam an dieser Stelle erschossen worden seien, hieß es in dem Bericht.

Der Vorsitzende des Übergangsrates gerät unter Druck
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