Lira-Krise Hilferuf von Erdogan – Türken sollen Dollar und Euro eintauschen

Der Streit zwischen den USA und der Türkei verschärft sich, die Lira geht auf Talfahrt. Erdogans Versuche dem Herr zu werden, wirken zunehmend verzweifelt.
Update: 11.08.2018 - 17:01 Uhr Kommentieren
Der türkische Präsident bittet seine Landsleute um Hilfe. Quelle: AP
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident bittet seine Landsleute um Hilfe.

(Foto: AP)

DüsseldorfDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht verzweifelt, die Landeswährung zu stabilisieren. Er forderte seine Landsleute am Samstag erneut dazu auf, Euro und Dollar in türkische Lira zu tauschen. Seit Jahresbeginn hat diese gegenüber dem US-Dollar fast um die Hälfte abgewertet. Alleine am Freitag stieg der Dollars gegenüber der türkischen Devise um fast 18 Prozent, erreichte ein Rekordhoch von 6,865 Lira.

Auf einer Veranstaltung in der Stadt Unye am Schwarzen Meer, forderte der türkische Präsident sein Volk deshalb dazu auf, durch den Tausch von ausländischer Währung die Lira zu stützen. Seit Ende Mai hat sich Erdogan mit dieser Bitte wiederholt an seine Landsleute gewendet.

Die Talfahrt der Währung konnte das nicht stoppen – im Gegenteil, sie erhöhte am Freitag ihr Tempo. Nach Einschätzungen der Analysten der Landesbank-Baden-Württemberg (LBBW) wird an den Märkte mittlerweile eine mögliche Staatspleite der Türkei durchgespielt. Ein wirkungsvolleres Gegenmittel als Erdogans Appelle könnte es sein, dass die türkische Zentralbank die Zinsen erhöht. Doch „Zinsen“ nannte Erdogan am Samstag „ein Werkzeug der Ausbeutung“, wie die Nachrichtenagentur Afp berichtete. Das könnte wiederum Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank stärken und den Lira-Kurs erneut schwächen.

Zusätzlichen Verkaufsdruck hatte US-Präsident Donald Trump am Freitag mit seiner Ankündigung ausgelöst, die Strafzölle auf türkische Aluminium- und Stahlimporte zu verdoppeln. Tags drauf nannte Erdogan es deshalb in Unye eine Schande, dass den USA der wegen Terrorverdachts in der Türkei festgehaltene Pastor Andrew Brunson wichtiger sei als der strategische Nato-Partner Türkei. „Sie bedrohen uns“, sagte Erdogan. Er kündigte an, dass die Türkei nicht nachgeben werde: „Man kann diese Nation nicht mit Drohungen zähmen.“

Erdogan hatte die USA bereits in einem Gastbeitrag für die „New York Times“ am Samstag vor einem Ende der Partnerschaft gewarnt. Die Regierung in Washington müsse damit beginnen, die Souveränität der Türkei zu respektieren, schrieb Erdogan. Sollte der Trend des Alleingangs und der Respektlosigkeit gegenüber der Türkei nicht umgekehrt werden, werde es nötig, sich „nach neuen Freunden und Verbündeten umzuschauen.“ Die Türkei habe Alternativen.

Zuletzt hatte der türkische Präsident bekanntgegeben, in einem Telefongespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über Wirtschaftsbeziehungen gesprochen zu haben. Zwar wurde nicht klar, ob es sich dabei um einen diplomatischen Gegenangriff handeln sollte. Der Schritt legte jedoch nahe, dass die Türkei sich weiter von ihren Nato-Verbündeten ab- und einer Kooperation mit Russland zuwenden könnte.

Erdogan orientiert sich schon seit längerem nach Moskau, obwohl die Türkei Nato-Mitglied ist. In dem Gastbeitrag warf Erdogan der Regierung von US-Präsident Donald Trump vor, den türkischen Prediger Fethullah Gülen nicht auszuliefern. Erdogan macht Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich. Erdogan schrieb nun, der Putschversuch ähnele dem, „was das amerikanische Volk zweifellos nach Pearl Harbor und den Angriffen vom 11. September erlebt haben“.

Dass Weiße Haus zeigte sich von Erdogans Drohung unbeeindruckt. Die US-Regierung gab am Freitagabend (Ortszeit) in einer Erklärung von US-Präsident Donald Trump bekannt, das Land werde die zusätzlichen Strafzölle ab Montag anwenden. Vom 13. August an werden die USA demnach Stahlimporte aus der Türkei mit 50 Prozent statt der bisher geltenden 25 Prozent belegen. Nach Angaben von US-Handelsminister Wilbur Ross sei dies ein entscheidender Schritt, um die Lebensfähigkeit der heimischen Stahlindustrie sicherzustellen.

Ungeachtet des öffentlichen Schlagabtausches arbeitete die türkische Regierung auch an einer Verhandlungslösung. „Wiederholte Bemühungen, der US-Regierung klarzumachen, dass keines der für die Zollerhöhungen genannten Kriterien auf die Türkei zutrifft, blieben fruchtlos“, erklärte Handelsministerin Ruhsar Pekcan am späten Freitag. „Trotzdem, wir flehen Präsident Trump an, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.“ Der Streit könne und solle durch Dialog und Zusammenarbeit beigelegt werden.

Das Außenministerium Ankara erklärte, die Türkei werde mit Gegenmaßnahmen reagieren. Zugleich wurde betont, solche Probleme sollten durch Diplomatie und Dialog und guten Willen beigelegt werden. Erdogans Versuche, dem Druck aus Washington zu widerstehen, wirken jedoch zunehmend verzweifelt. Bei einer Ansprache in der Schwarzmeerstadt Rize beschwor er in der Nacht zu Freitag Gott. „Vergesst nicht: Wenn sie (die USA) Dollar haben, dann haben wir unseren Gott.“ Bemerkungen wie diese werden das Vertrauen nicht vergrößern.

Mit Material von dpa und Reuters.

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