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Lockdown Ende des „nationalen Winterschlafs“: Johnson lockert englische Corona-Regeln

Ab Juli dürfen in England wieder Restaurants, Pubs sowie Friseure öffnen und Hochzeiten stattfinden. Doch vor allem eine Lockerung ist umstritten.
23.06.2020 - 15:59 Uhr Kommentieren
Der britische Premier lockert die Corona-Regeln – für England. Quelle: dpa
Boris Johnson

Der britische Premier lockert die Corona-Regeln – für England.

(Foto: dpa)

London Auf den 4. Juli werden sich nun viele Briten freuen: An diesem Tag enden zahlreiche Einschränkungen, die Großbritanniens Premierminister Boris Johnson im Zuge der Corona-Pandemie verhängt hat. Das gilt aber vorerst nur im englischen Landesteil, Schottland und Wales entscheiden erst noch.

Restaurants, Pubs, Friseure und Hotels dürfen in England ab Ende kommender Woche wieder öffnen, auch Gottesdienste und Hochzeiten dürfen dann stattfinden, wie der Regierungschef am Dienstag im Londoner Parlament ankündigte. Die Abstandsregeln für den direkten Kontakt werden gelockert: Statt zwei Meter sollen die Briten künftig nur noch mindestens einen Meter Abstand halten.

„Heute können wir sagen, dass unser langer nationaler Winterschlaf langsam zu Ende geht“, sagte Premier Johnson. Man vertraue auf den gesunden Menschenverstand, ab sofort mache man keine Vorschriften mehr, sondern spreche Empfehlungen aus.

Es ist ein großer Schritt zurück in ein normales Leben, selbst wenn einige Einschränkungen weiter gelten. So bleiben etwa Fitnessstudios und Schwimmbäder vorerst noch zu. Die Anzahl der Personen, die sich treffen dürfen, ist begrenzt.

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    Für Gaststätten und andere Betriebe werden Sicherheitsvorkehrungen wie Plexiglas-Abtrennungen gefordert. Und nach wie vor dürfen nicht alle Kinder zur Schule gehen. Kritiker, darunter Ärzte und Gewerkschaften, halten die Lockerungen trotzdem für verfrüht. Vor allem die Reduzierung des Mindestabstands wird skeptisch gesehen.

    Es gibt ohnehin kaum Experten, die das Vorgehen Großbritanniens in der Coronakrise loben. Offiziellen Zahlen zufolge sind im Zuge der Pandemie 42.647 Menschen im Vereinigten Königreich gestorben, mit Blick auf die sogenannte Übersterblichkeit geht man aber von über 64.500 Todesfällen bis Anfang Juni aus. Das ist deutlich mehr als in allen anderen europäischen Ländern.

    „Keine andere Regierung in den vergangenen 100 Jahren hat derart katastrophal auf eine ernsthafte Herausforderung reagiert“, kritisierte der ehemalige Regierungsberater David King im „Guardian“. Die Gefahr von Covid-19 sei heruntergespielt worden.

    Auch Medizinexperte Richard Horton, Chefredakteur der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet“ führt die ungewöhnlich hohe Todeszahl auf das Handeln der britischen Regierung zurück. Diese habe „langsam, selbstgefällig und unvorbereitet“ reagiert, und der beratende Ausschuss namens Sage, zu dem zahlreiche Wissenschaftler und Medizinexperten gehörten, sei zu einer „PR-Abteilung einer Regierung geworden, die versagt“ habe.

    „Ich schüttele noch Hände“

    Im Gegensatz zu anderen Staatschefs hatte sich der britische Premier lange unbesorgt gezeigt: Noch Anfang März erklärte er öffentlich, im Krankenhaus die Hände von Corona-Patienten zu schütteln und gab „gründliches Händewaschen“ als einzige Handlungsempfehlung.

    Erst am 23. März verkündete Johnson: „Ab heute Abend muss ich den britischen Bürgern eine sehr einfache Vorschrift machen: Sie müssen zu Hause bleiben“. Schulen wurden geschlossen, Restaurants, Pubs und fast alle Geschäfte mussten dichtmachen. „Stay at home, protect the NHS, save lives“ war das Motto, das die britische Regierung der Bevölkerung einbläute: „Bleibt zuhause, schützt (den nationalen Gesundheitsdienst) NHS, rettet Leben.“

    Nur wenn es „unbedingt notwendig“ war, durfte man das Haus verlassen: Für den Arbeitsweg, wenn man partout nicht von zu Hause aus arbeiten kann, für den Einkauf „notwendiger“ Dinge, um gefährdete Verwandte zu versorgen oder um einmal am Tag für eine Stunde Sport zu treiben. Mindestens sechs Fuß – also fast zwei Meter – sollte dabei der Abstand betragen. Und die Mehrheit der Bevölkerung befolgte und befürwortete die Einschränkungen, auch wenn bald Warnungen vor schweren Folgen für die Wirtschaft aufkamen.

    Keine Schutzkleidung, zu wenig Tests

    Die Angst war groß, dass das Gesundheitssystem nicht mit den Folgen der Pandemie klar käme. Tatsächlich stieg die Zahl der Infizierten in den folgenden Tagen und Wochen stark an – und mit ihr die Zahl der Todesfälle. Die Regierung beging Fehler: In den Krankenhäusern fehlte Schutzkleidung, und bei der Beschaffung fiel man auf Betrüger rein.

    Auch die Kritik internationaler Institutionen änderte nichts. Bei der Durchführung von Tests fiel Großbritannien zurück – nicht einmal Krankenhauspersonal wurde konsequent getestet. Alte Menschen wurden aus dem Hospital ungetestet zurück in ihr Altenheim gebracht.

    Selbst Premier Johnson erkrankte: Anfang April lag er in einem Londoner Krankenhaus zeitweise auf der Intensivstation. Dort vollzog er offenbar einen Sinneswandel. Sichtlich geschwächt appellierte der Premier nach seiner Rückkehr an die Briten, das Virus nicht zu unterschätzen.

    Doch Fehler unterliefen der Regierung auch dann noch, wie Experten sagen. So machte sie erst im Juli das Tragen von Gesichtsmasken im öffentlichen Nahverkehr zur Pflicht.

    Regierungsberater untergräbt die Moral

    Heftige Kritik erntete der Premier zudem dafür, dass er seinen Regierungsberater Dominic Cummings nicht entlassen hat. Cummings, der wegen seines großen Einflusses in der Regierung ohnehin umstritten ist, hatte sich nicht an die Lockdown-Regeln gehalten. Er war Ende März mit der Familie zu seinen Eltern in den Norden gefahren, hatte sich dort zwei Wochen aufgehalten und währenddessen – am Geburtstag seiner Ehefrau – eine Fahrt zu einem Ausflugsziel gemacht, „um seine Fahrtüchtigkeit zu testen“, wie er behauptete.

    Cummings Verhalten wurde in der britischen Öffentlichkeit tagelang diskutiert. Als Tausende Briten das gute Wetter zu Ausflügen nutzen und dafür zur Rede gestellt wurden, verteidigten sich viele damit, dass Cummings sich ja auch nicht an die Vorschriften halte.

    In Umfragen fiel die Zustimmung zur konservativen Regierungspartei, die sich schon immer gegen den Vorwurf wehren musste, sich arrogant über die Interessen der einfachen Leute hinwegzusetzen.

    Und erste Schritte zur Lockerung der Einschränkungen, etwa die Erlaubnis, unter bestimmten Bedingungen Grillpartys abzuhalten, sorgten für Verwirrung – zumal die Regionalregierungen in Schottland und Wales nicht mitzogen.

    Auch die nun verkündeten Veränderungen für Anfang Juli gelten nur für England. Die Schotten werden erst in einer Woche erfahren, wann sie wieder in ihre geliebten Pubs gehen können – und in Wales steht erst in zwei Wochen die nächste Überprüfung der Lockdown-Regeln bevor. In Nordirland hingegen geht der Betrieb in Restaurants, Hotels und Bars bereits einen Tag früher als in England wieder los.

    Mehr: Boris Johnson trägt eine Schuld für das verfehlte Krisenmanagement der Briten

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