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Lockdown in der Weihnachtszeit Katastrophe für Wirtschaft und Staatshaushalt: Corona wirft Griechenland weit zurück

Die Pandemie durchkreuzt das erhoffte Comeback des chronischen Krisenlandes. Die Staatsverschuldung erreicht einen neuen Rekord von über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung.
13.12.2020 - 08:09 Uhr Kommentieren
Seit dem 7. November ist das Land wieder im Lockdown. Wie lange noch, das weiß niemand. Quelle: dpa
Ein älterer Mann läuft durch eine leere Straße in Athen

Seit dem 7. November ist das Land wieder im Lockdown. Wie lange noch, das weiß niemand.

(Foto: dpa)

Athen So wie in dieser Vorweihnachtszeit hat der Omoniaplatz in Athen lange nicht mehr gestrahlt. Scheinwerfer beleuchten die neu installierten Wasserfontänen in der Platzmitte. Auf der Spitze des großen Weihnachtsbaums leuchtet ein goldener Stern. Auch die Straßen ringsum sind in festliches Licht getaucht. Athens neuer Bürgermeister Kostas Bakogiannis hat alle Register gezogen.

Aber das festliche Bild trügt. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Cafés und Geschäfte sind geschlossen. Abends ist keine Menschenseele mehr auf den Straßen. Denn um 21 Uhr beginnt die nächtliche Ausgangssperre. Ähnlich wie am Omoniaplatz sieht es auf der Hermes-Straße aus, Athens traditioneller Einkaufsmeile: glitzernder Weihnachtsschmuck, aber geschlossene Läden. Corona hat Griechenland fest im Griff.

Nachdem die Griechen die Pandemie im Frühjahr dank frühzeitiger Kontaktsperren besser gemeistert haben als die meisten anderen europäischen Länder, trifft sie jetzt die zweite Welle mit umso größerer Wucht. Seit dem 7. November ist das Land wieder im Lockdown. Wie lange noch, das weiß niemand.

Denn die Beschränkungen zeigen bisher kaum Wirkung. Von den 121.253 Infektionen, die in Griechenland seit Ende Februar festgestellt wurden, entfallen 83.121 auf die Zeit seit Anfang November. Ähnlich das Bild bei den Sterbefällen: 3370 Menschen sind bisher an oder mit Corona gestorben, davon mehr als drei Viertel im November und Dezember.

Die Regierung hat deshalb den Lockdown vorerst bis zum 7. Januar verlängert. Für den Einzelhandel ist das eine Katastrophe. Viele Geschäfte erwirtschaften in der Weihnachtszeit ein Drittel ihres Jahresumsatzes oder mehr.

Noch härter trifft der Lockdown die Gastronomie, die bereits im Frühjahr mehrere Wochen schließen musste. Die 80.000 Restaurants, Tavernen und Cafés beschäftigen etwa 330.000 Menschen. „Von den 366 Tagen dieses Jahres waren wir bisher nur 151 geöffnet“, rechnet man beim Gaststättenverband im nordgriechischen Thessaloniki vor. Von den rund 5500 Betrieben der Branche werden 1500 dieses Jahr nicht überleben, schätzt der Verbandsfunktionär Michalis Epitropidis.

Gerade erst hatte Griechenland begonnen, sich von der achtjährigen Rezession zu erholen, in die das Land während der Schuldenkrise gestürzt war. Jetzt wirft der zweite Lockdown die Griechen wieder weit zurück. Im dritten Quartal ging das Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 11,7 Prozent zurück. Das war der heftigste Einbruch aller EU-Staaten.

Finanzminister rechnet mit einem größeren Wirtschaftseinbruch als 2011

Am nächsten Dienstag soll das griechische Parlament über den Haushalt 2021 abstimmen. Finanzminister Christos Staikouras musste seinen Plan bereits mehrfach überarbeiten. Noch Anfang Oktober setzte Staikouras in seinem ersten Entwurf für dieses Jahr den Rückgang des BIP mit 8,2 Prozent an – inzwischen rechnet er mit einem Minus von 10,5 Prozent. So tief stürzte Griechenlands Wirtschaft nicht mal im schlimmsten Krisenjahr 2011 ab.

Auch die Aussichten für 2021 haben sich verschlechtert. Statt eines Plus von 7,5 Prozent erwartet die Regierung jetzt nur noch eine Erholung von 4,8 Prozent.

Etwas vorsichtiger ist die Ratingagentur Scope. Sie prognostiziert Griechenland für das kommenden Jahr ein Wachstum von vier Prozent. Scope-Analyst Jakob Suwalski hält das aber schon für einen Erfolg: „Trotz der Herausforderungen durch die Pandemie hat die Regierung in wichtigen Bereichen Reformfortschritte erzielt, was die positiven Aussichten für die Wirtschaft unterstützt.“ Auch die fiskalischen Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft trügen zur Erholung bei, sagt der Griechenlandexperte.

Finanzminister Staikouras pumpt Milliarden in die Wirtschaft, um die Folgen der Corona-Rezession abzufedern, strauchelnde Firmen zu stützen und gefährdete Arbeitsplätze zu retten. Die Hilfen summieren sich in diesem Jahr bisher auf 23,9 Milliarden Euro, im nächsten Jahr will die Regierung weitere 7,5 Milliarden lockermachen. Die Summe von 31,4 Milliarden entspricht fast 20 Prozent des diesjährigen BIP.

Für die Stützungsmaßnahmen kann der Finanzminister auf Gelder aus den EU-Programmen Pepp und Sure sowie auf eigene Rücklagen zurückgreifen. Den Großteil muss er aber über eine höhere Neuverschuldung vorfinanzieren.

Sobald die Pandemie vorbei ist, werde es „relativ steil wieder nach unten gehen mit der Verschuldung“, meint ein Finanzexperte. Quelle: dpa
Polizisten kontrollieren ein Versammlungsverbot in Athen

Sobald die Pandemie vorbei ist, werde es „relativ steil wieder nach unten gehen mit der Verschuldung“, meint ein Finanzexperte.

(Foto: dpa)


Schon jetzt hat Griechenland den höchsten Schuldenberg aller EU-Staaten. Als Folge der schrumpfenden Wirtschaftsleistung und der neuen Kredite wird die Schuldenquote Ende dieses Jahres mit rund 209 Prozent vom BIP einen neuen Rekord erreichen. Die Anleger scheint das aber nicht zu beunruhigen. Die Rendite der zehnjährigen griechischen Staatsanleihe fiel am Freitag im Handelsverlauf auf ein neues Rekordtief von 0,57 Prozent. Das war der niedrigste Stand seit Griechenlands Euro-Einführung im Jahr 2001.

Auch Scope-Analyst Suwalski sieht keine Probleme bei der Tragfähigkeit der griechischen Staatsschulden. Dank eines Liquiditätspuffers von über 30 Milliarden Euro ist der Finanzierungsbedarf des Landes für die nächsten zwei Jahre abgedeckt, rechnet Suwalski vor. Sobald die Pandemie vorbei ist, werde es „relativ steil wieder nach unten gehen mit der Verschuldung“, meint der Experte. Er setzt für 2025 einen Rückgang der Schuldenquote auf 160 Prozent vom BIP an.

Auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, sieht keinen Rückfall des Landes in die Schuldenfalle: „Angesichts der sehr niedrigen Finanzierungskosten sind die Schulden tragfähig“, urteilt Schmieding. Zu einer Entlastung trage auch die „wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik von Premierminister Kyriakos Mitsotakis bei“, sagt der Ökonom.

Gute Aussichten sieht Schmieding für den Tourismus, der vergangenes Jahr rund ein Fünftel zum BIP beisteuerte und damit die wichtigste Säule der griechischen Wirtschaft war: „Nach dem harten Winter werden viele Nordeuropäer die Sonne vermutlich noch mehr suchen als üblich.“

Von einem Erlass Corona-bedingter Staatsschulden, wie ihn jetzt zum Beispiel die italienische Fünf-Sterne-Bewegung von der Europäischen Zentralbank fordert, hält der Berenberg-Chefvolkswirt gar nichts. „Griechenland braucht keinen Schuldenschnitt“, stellt Schmieding fest und warnt: „Schon eine ernsthafte Diskussion darüber wäre Gift für das Vertrauen der Investoren.“

Mehr: Griechenland droht der Corona-Notstand – Regierung beschlagnahmt Privatkliniken

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