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Lyra McKee Der Tod einer Journalistin vereint Nordirland gegen den Terror der New IRA

Die Empörung in Nordirland über den Tod von Lyra McKee ist groß – bei Protestanten und Katholiken. Er könnte die politischen Lager in Belfast zusammenbringen.
Update: 25.04.2019 - 11:08 Uhr Kommentieren
Nordirland: Tod einer Journalistin vereint gegen Terror der New IRA Quelle: AFP PHOTO / JESS LOWE PHOTOGRAPHY
Lyra McKee

In der Nacht zu Karfreitag wurde die Journalistin von der New IRA durch einen Schuss getötet.

(Foto: AFP PHOTO / JESS LOWE PHOTOGRAPHY)

London Die Beerdigung von Lyra McKee wurde zum Staatsakt. Aus London flogen Premierministerin Theresa May und Oppositionsführer Jeremy Corbyn ein, aus Dublin kamen der irische Präsident Michael O’Higgins und Ministerpräsident Leo Varadkar. Sie alle wollten diesen Mittwoch in der Kathedrale von Belfast ein Zeichen gegen die Gewalt setzen.

Der Tod der 29-jährigen Journalistin und LGBT-Aktivistin in der einstigen IRA-Hochburg Derry wühlt die irische Insel seit Tagen auf. McKee war in der Nacht zu Karfreitag bei Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der New IRA von einem Schuss tödlich getroffen worden. Die Terrorgruppe entschuldigte sich zwar für den „Unfall“, wie sie es nannte, doch sie bekommt nun die Wut der Bevölkerung zu spüren.

Am Ostermontag tränkten Demonstranten in Derry ihre Hände in Farbe und hinterließen blutrote Abdrücke auf der Fassade des Parteibüros von Saoradh, dem politischen Arm der New IRA. Auch das bekannteste Fotomotiv der Stadt, die Hauswand mit dem Slogan „Sie betreten jetzt das freie Derry“, wurde zum Ziel. „Nicht in unserem Namen. RIP Lyra“, schrieb jemand darunter. Einen anderen Schriftzug „IRA Unbesiegte Armee“ veränderten Unbekannte in „IRA ist erledigt - besiegte Armee“.

„Niemand hätte früher ihre Graffiti angerührt“, sagte der Stadtrat Kevin Campbell der „Irish Times“. Da habe sich etwas verändert. Auch die Polizei meldete einen Stimmungsumschwung: Mehr als 140 Hinweise zu den möglichen Tätern gingen ein – ganz anders als die Mauer des Schweigens von früher.

McKees Tod könnte zu einem Wendepunkt werden und die militanten Republikaner in ihren eigenen Vierteln weiter ausgrenzen. „Die Empörung in der Community ist groß“, sagt Peter Sheridan von der gemeinnützigen Organisation Co-operation Ireland. „Die jungen Leute werden künftig zweimal überlegen, bevor sie sich der New IRA anschließen. Die Mitglieder haben an Status und Glaubwürdigkeit verloren“.

Die New IRA ist eine Splittergruppe, die sich in der Tradition der früheren Irisch-Republikanischen Armee (IRA) sieht. Diese hatte jahrzehntelang den bewaffneten Kampf gegen die Staatsgewalt in Nordirland geführt. Ihr erklärtes Ziel war es, die Provinz von der britischen Besatzung zu befreien und die beiden Inselteile zu vereinen. Der Konflikt kostete mehr als 3500 Menschen das Leben.

Mit dem Karfreitagsabkommen 1998 endete der Bürgerkrieg, doch Gruppen wie die New IRA versuchen, ihn am Laufen zu halten. Die New IRA existiert seit 2012. Ihr werden mindestens sieben Morde, 15 Mordversuche und 16 Bombenattentate zugerechnet.

Zuletzt hatte sie sich im März dazu bekannt, Brief- und Paketbomben an Büros in London und Glasgow geschickt zu haben. Sie waren nicht explodiert. Zuvor hatte sie im Januar vor einem Gerichtsgebäude in Derry eine Autobombe hochgehen lassen. Auch dabei wurde niemand verletzt.

Die rund 200 Mitglieder der New IRA sind vor allem in Belfast und Derry aktiv. Experten beschreiben sie als Mischung aus nostalgischen IRA-Veteranen und unterbeschäftigen jungen Männern, die sich von den Älteren zu Anschlägen anstiften lassen. Als ihren politischen Arm haben sie 2016 die Partei Saroadh gegründet. Das heißt übersetzt „Befreiung“. Die Partei ist offiziell erlaubt, die New IRA hingegen eine illegale Vereinigung, die Mitgliedschaft strafbar.

Chef der Saroadh ist Brian Kenna. Der 58-Jährige ist ein ehemaliger IRA-Mann, der wegen bewaffneten Banküberfalls vorbestraft ist. Er zeigte sich nach dem Tod McKees ebenso uneinsichtig wie sein Parteifreund Dee Fennell. Man werde nicht verschwinden, sagte Fennell am Ostermontag.

In der irischen Hauptstadt Dublin marschierten Mitglieder der Saroadh am Wochenende in Uniform und mit Fahnen durch die Fußgängerzone. Die Provokation erzürnte den irischen Ministerpräsidenten Varadkar: Der Marsch sei eine „Beleidigung des irischen Volkes“, twitterte er.

Der Tod McKees erinnert viele Nordiren daran, wie leid sie diesen Konflikt sind. Die katholische Familie des Opfers hatte bewusst eine protestantische Kirche für die Trauerfeier gewählt - als Signal für den Friedensprozess.

Die 29-Jährige sei ein Kind des Karfreitagsabkommens gewesen, sagte Dekan Stephen Forde bei der Trauerfeier. Sie sei damals in der Grundschule gewesen. Später habe sie sich für eine Gesellschaft eingesetzt, die frei ist von den Vorurteilen der Vergangenheit.

Als „Generation Waffenstillstand“ werden junge Nordiren wie McKee auch bezeichnet. Sie blicken mit Befremden auf das Statement der New IRA nach den tödlichen Schüssen. Die Terrorgruppe erklärte, McKee sei tragisch getötet worden, weil sie „neben den feindlichen Kräften“ gestanden habe. Gemeint war die Polizei. Für die Zukunft versprachen die Terroristen, „die größtmögliche Vorsicht walten zu lassen, wenn wir den Feind angreifen“.

DUP und Sinn Fein sitzen demonstrativ zusammen

Die Reaktionen zeigten, dass die Nordiren die Kriegsrhetorik nicht mehr hören können. „Zum Kotzen“, schimpfte Colum Eastwood, Chef der sozialdemokratischen SDLP. Naomi Long, Chefin der Alliance Party, merkte an, dass es genauso falsch sei, einen Polizisten zu töten wie eine Journalistin.

Im besten Fall könnte McKees Tod dazu führen, dass sich auch die zerstrittenen nordirischen Regierungsparteien wieder an einen Tisch setzen. In Belfast saßen die Chefinnen der Protestantenpartei DUP und der Katholikenpartei Sinn Fein, Arlene Foster und Mary Lou McDonald, demonstrativ zusammen. Schon diesen Freitag hatten sie gemeinsam den Tatort besucht.

Pfarrer Martin Magill redete allen anwesenden Politikern ins Gewissen: „Wieso in Gottes Namen braucht es erst den Tod einer 29-jährigen Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hat, um zu diesem Punkt zu kommen?“ Er bekam stehende Ovationen von den 600 Gästen der Trauerfeier.

DUP und Sinn Fein schaffen es seit zwei Jahren nicht, eine gemeinsame Regionalregierung in Belfast zu bilden. Stattdessen wird die Provinz wieder zentral aus London regiert. Der Brexit hat die Spaltung zwischen den beiden Lagern noch vertieft. Die Katholiken sind eher für den Verbleib in der EU, die Protestanten eher für den Austritt.

Die Verhandlungen in Brüssel haben auch die innerirische Grenze wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Das rührt an die tiefsten Instinkte in beiden Lagern.

Bleibt es bei symbolischen Auftritten wie in der Kathedrale? Oder wird Nordirland demnächst wieder eine eigene Regionalregierung haben – so wie es im Karfreitagsabkommen vorgesehen ist?

„Die Tatsache, dass alle unsere Politiker unter einem Dach waren, hatte eine elektrisierende Wirkung“, sagt Sheridan. „Der Pessimist in mir sagt, wir waren schon mal an diesem Punkt. Der Optimist in mir sagt, dieses Mal ist es anders.“

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