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Manhattan macht in Optimismus „New York ist größer und reicher geworden“

Nur kurz verharrte New York zum stillen Gedenken der Opfer des 11. September. Kurz darauf herrscht in Lower Manhattan der ganz normale Wahnsinn. Die New Yorker haben den Schock überwunden und wollen nach vorne blicken.
3 Kommentare

„Amerika ergibt sich nicht“

New YorkFür den Mann mit dem weißen Rauschebart in der schmutzigen Jacke ist dies ein ganz besonderes Wochenende. Er wechselt immer mal wieder den Standort, ist aber stets dort, wo viele Menschen sind, die wie er mit den US-Nationalfarben geschmückt sind: Rund um den ehemaligen Ground Zero in Lower Manhattan.

Der Mann ist ein Stadtstreicher, und er spielt unentwegt auf der Querflöte die Nationalhymne. An der mit Dollarscheinen prall gefüllten Tüte zu seinen Füßen zeigt sich, dass der Patriotismus dieser Tage auch ihm zu Gute kommt. Besonders großzügig sind die Menschen vor inzwischen historischen Orten - der legendären Feuerwache unmittelbar neben dem einstigen Katastrophengebiet etwa und der Trinity Church, an deren Zaun hunderte weiße Trauerbänder hängen.

Die Gegend um das World Trade Center gleicht zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 einem Jahrmarkt. Die Gedenkfeier am Sonntag, die von allen Seiten gelobt wird als würdig und angemessen, hat nur vorübergehend Ruhe gebracht. Kaum wurde der letzte Name der 2983 Todesopfer verlesen, ist im Finanzviertel wieder der Teufel los.

Schwerpunkt: Alle Beiträge zum Jahrestag des 11. September

Menschen mit ernstem Anliegen nutzen den Tag - Demonstranten gegen Folter etwa oder Muslime, die kostenlose Ausgaben des Koran verteilen. Aber auch die unvermeidlichen Verschwörungstheoretiker mir Riesenbanner („9/11 war ein Inside-Job“), die sich Brüll-Gefechte mit Islamhassern liefern. Jeder kann heute vor den Kameras aus der ganzen Welt etwas loswerden. Zwischen den Touristenmassen, die aus McDonald’s quellen, stehen Glücksritter, die Flaggen oder selbst bedruckte Gedenk-T-Shirts verkaufen. Ein Mann hat ein besonderes Angebot auf seinem Plakat: „Ich höre mir Ihre Probleme an, für 5 Dollar“.

Wären nicht immer wieder Männer in dem Gewimmel zu sehen, die stolz ihre Feuerwehr-Uniform tragen und stünden nicht so viele Polizisten Wache, man könnte fast vergessen, worum es an diesem Wochenende eigentlich geht. Schon ab der Chambers Street, 500 Meter nördlich des World Trade Centers, verliert sich das Gedenken zwischen den Boutiquen von Soho.

Es sind zwei Welten an diesem Wochenende in New York. Hier die Gedenkfeier, die zahllosen Fernsehsendungen und Zeitungs-Titelseiten an jeder Ecke mit den Fotos der brennenden Türme. Die Journalisten und Politiker, die in einer Dauerschleife noch einmal jenen Tag Revue passieren lassen und pathetisch wie patriotisch den Heldenmut der Opfer feiern. Und dort die New Yorker, die nördlich von Lower Manhattan an diesem Samstag und Sonntag so leben wie sonst auch, von den Straßenkontrollen mal abgesehen. Die Stadt, so scheint es, ist längst über die Anschläge hinweggekommen.

9/11 ließ die Geburtenrate steigen

Rückblick - die Bilder von 9/11

Mit nicht nur guten Folgen. Nur Wochen nach dem Terror war bereits der New Yorker Habitus wieder da, den der langjährige „Independent“-Korrespondent David Usborne so beschreibt: „Das Ellenbogendenken, die Selbstzufriedenheit, die Überzeugung, dass jeder von uns wichtiger für das Universum ist als der andere“. Dabei sei es wenigstens kurz so anders gewesen: „Fremde unterhielten und umarmten sich, Autos hielten sogar an, wenn man die Straße überquerte“, so Usborne, und die Leute „machten sogar mehr Liebe“. Immerhin sei die Geburtenrate neun Monate nach 9/11 deutlich höher gewesen als üblich. Ansonsten ist in der Millionenstadt wieder Normalität eingekehrt. Es gibt ja auch schon genug Sorgen: Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskrise, Schulden.

Dennoch hat sich im Alltag der New Yorker einiges verändert. Viele erzählen davon, wie sie noch immer Beklemmungen in der U-Bahn verspüren. Dass ihr Herz klopft, wenn sie ein Flugzeug im Landeanflug auf den Stadtflughafen La Guardia sehen.  Dass sie in engen Treppenhäusern ans World Trade Center denken müssen. Auch die schwer bewaffneten Soldaten an Bahnhöfen und die Dauer-Aufforderung, alles Verdächtige zu melden („If you see something, say something“), erinnert an den schweren Tag vor zehn Jahren. Viele New Yorker haben ein Notfall-Paket mit Wasser und Taschenlampe im Schrank.

Auch äußerlich hat sich die Stadt verändert. Dort, wo vor zehn Jahren hunderttausende Tonnen Schutt kokelten, ragen nun milliardenteure, halbfertige Wolkenkratzer in den Himmel. Inmitten eines Gedenkparks, in den die Umrisse der Zwillingstürme als Wasserbecken eingelassen sind.  „Die Lücken sind geschlossen. New York ist wiederhergestellt“, sagte kürzlich der Charles Vitale aus dem Nachbarstaat New Jersey.

Das zeigt sich vor allem in der Gegend um das einstige Katastrophengebiet. Der Stadtteil Tribeca, früher nach Sonnenuntergang gemieden, ist aufgeblüht. 60.000 Menschen leben jetzt dort, doppelt so viele wie vor 2001. Die Mieten steigen, und mit den reichen Mietern kommen teure Restaurants und Bars. Robert de Niro, prominentester Anwohner, holte das Tribeca-Filmfestival an den einst öden Ort. Für den ehemaligen Bürgermeister Rudy Giuliani ist das der Beleg dafür, dass die Terroristen nicht gewonnen haben. „Es zeigt, wie widerstandsfähig die New Yorker sind, sagte er am Sonntag. „New York ist seit 9/11 größer, stärker und reicher geworden.“.

Der Horror der Anschläge kommt heute vor allem noch als Ritual nach Lower Manhattan zurück, wenn an jedem 11. September am World Trade Center zwischen 8.46 und 10.28 Uhr die Namen der Toten verlesen werden. Die Zeitspanne zwischen dem ersten Einschlag und dem Einsturz des Nordturms. Und diesmal ist es ein besonderes Spektakel.

Mittlerweile gibt es auch Stimmen, die vorsichtig dafür werben, es vielleicht langsam gut sein zu lassen mit dem Gedenken an jene traumatischen Tage. „Wir haben als Nation viel zu lange zurückgeblickt“, schrieb E.J. Dionne in der „Washington Post“. Der 11. September solle einfach ein Tag des Andenkens bleiben, ohne jede Erhöhung und politische Instrumentalisierung. „Die Zukunft unseres Landes hängt von weit mehr ab als von den Ergebnissen des ,Kriegs gegen den Terror‘“. 

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3 Kommentare zu "Manhattan macht in Optimismus: „New York ist größer und reicher geworden“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Diese ständigen Wiederholungen von 9/11 beinhalten einen eigentlich allgemein bekannten Ablauf der Psychologie.

    Wenn man möchte, dass Menschen eine Negativ-Erfahrung besser verarbeiten, lässt man sie dieses Erlebnis so lange durchlaufen, bis ihnen bei dem Thema das „Magengrummeln“ kommt. Man sollte das allerdings weitermachen, bis sie nur noch darüber lachen können. So verarbeitet man Negativ-Erlebnisse und traumatische Erlebnisse.

    Im Moment wecken diese Erlebnis-Darstellungen von 9/11 bei uns nur die Erinnerungen an die Erlebnisse der vorletzten Generation. Eben an:
    - die Bombennächte zu DD (alleine 300.000 unschuldige Zivilisten in 1 Nacht. Frauen und Kinder, ohne Rücksicht auf Völkerrecht)
    - Die Bombennächte zu B
    - Die Bombennächte zu HH

  • Na wunderbar, dies ist dann hoffentlich der letzte Artikel zu dem unsäglichen Thema 9/11.Es ist schon sagenhaft, wie sich alle Medien auf dieses Thema gestürzt haben, so als ob es z.Zt. nichts Wichtigeres gibt, als ein Ereignis, das 10 Jahre zurückliegt. Na ja, die Basisarbeit, nämlich das Zusammentragen all der kleinen Geschichten um dieses Ereignis wurde ja nun geleistet. Da tut man sich dann in 10 Jahren ganz leicht und holt nur noch die Kisten aus dem Keller und verwurstelt das Thema wieder und wieder und wieder und wieder.

  • Hut ab, vor den Amis.

    Gerade wenn man sich $/€ ansieht, könnte man fast vermuten, dass die USA sich aus dem Tal der Tränen heraus bewegen und wir in Europa gerade abrutschen. „Die Ratten (schlaue und extrem gelehrige Tiere-) verlassen das sinkende Schiff.

    Amerika scheint mal wieder mit „Yes I Can“ zum alten Pioniergeist hin zu orientieren, man blickt wieder nach vorne. Mr. Obama strahlt Zuversicht und einen offenen Blick in die Zukunft aus.

    Auch wenn es die Öffentlichkeit kaum bemerkt, aber in den USA sind auch weiterhin die Vordenker der Zukunft Zuhause. Sie prägen auch weiterhin das Gedankengut von Morgen.