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Mann und Frau Iran: Wo die Geschlechtsumwandlung boomt

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Der Umgang mit Sexualität zeigt diese Widersprüche vergrößert wie unter einem Brennglas. Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist tabu; unverheiratete Männer und Frauen können verhaftet werden, nur weil sie zusammen auf der Straße unterwegs sind; Schwulen und Lesben droht die Todesstrafe. Doch ausgerechnet in der islamischen Republik Iran ist die Zahl der Geschlechtsumwandlungen so hoch wie sonst nur noch in Thailand.

Der Staat befördert beides. Die staatliche Wohlfahrtsorganisation zahlt bei Geschlechtsumwandlung rund 5 000 US-Dollar der Operations- und Behandlungskosten: etwa die Hälfte dessen, was in einem staatlichen Krankenhaus anfällt. Privatkrankenhäuser, deren spezialisierte Chirurgen deutlich mehr Erfahrung haben, nehmen bis zu 25 000 Dollar. Während in Deutschland ein Transsexueller belegen muss, dass das Leiden an seinem als falsch empfundenen Geschlecht ihn krank macht, damit die Krankenkasse zahlt, gilt in Iran Transsexualität grundsätzlich als Krankheit. Aber eben nicht als Verbrechen. Mitte der 80er-Jahre erklärte der Revolutionsführer Ajatollah Chomeini Geschlechtsumwandlungen in einer Fatwa, einer Art islamischem Rechtsgutachten, für zulässig, denn der Koran erwähnt diese Operationen nirgends – also auch nicht als Sünde.

Shahryar Cohanzad schwärmt von der Unterstützung, die Transsexuelle vom iranischen Staat erhalten. Selbst in den USA, sagt er, herrsche nicht mehr Toleranz. Er hat in San Francisco studiert. Er ist einer von etwa zehn Chirurgen für Geschlechtsumwandlungen in Iran und arbeitet am renommierten Pars Hospital in Teheran, wo er in neun Jahren mehr als 300 Umwandlungen vorgenommen hat. Shahryar Cohanzad lehnt sich in seinem schweren Lederstuhl zurück. „Imam Chomeini hat gesagt: Die sexuelle Identität jeder Person beruht auf ihrer Wahrnehmung von sich selbst. Eine klügere Antwort habe ich bislang noch nicht gehört.“

Die Fatwa des Ajatollah ist eine Sache, die Wirklichkeit im Land eine andere.

Schirin wäre gern ein normaler Junge gewesen

Shahryar Cohanzad hat selbst gesehen, zu welcher Eskalation Unwissenheit, Verachtung und Scham führen können: Einer seiner Patienten wurde von seinem Vater erstochen, während er auf eine Untersuchung wartete; der junge Mann verblutete auf dem Marmorboden seines Sprechzimmers. Der Chirurg sagt: „Ich sehe es als Teil meiner Verantwortung, die Gesellschaft aufzuklären.“

Schirins Weg führt über die Straße der Islamischen Revolution, vorbei an der Teheraner Universität, an schmalen Bücherläden und neonbeleuchteten Fastfood-Imbissen. Auf die Betonfassaden rechts und links sind überlebensgroße Porträts von Chomeini gemalt. Sie betritt ein kleines Café, drinnen plaudern Studenten und Künstler. Sie setzt sich an einen Tisch in der Ecke, schiebt ihren Schleier ein Stück zurück. Schulterlange Haare, durchsetzt mit signalroten Strähnen, fallen ihr in die Stirn. Hellrosa glänzen ihre geschminkten Lippen. Sie lächelt linkisch, sie wird nicht aufhören, sich ständig umzusehen wie jemand, der bespitzelt wird. Niemand an diesem Ort achtet auf sie. Doch die Erwartung, Anstoß zu erregen, ist ihr vor langer Zeit ins Wesen übergegangen.

Schirin stammt aus dem Herzen der iranischen Provinz, einem entlegenen Ort mit 4 000 Einwohnern im Norden des Landes. Ihre Eltern streng religiös, der Vater Stammesführer, die Familie eine der angesehensten im Dorf, und dann das: ein Sohn, schmal, zart, mit zu langen Haaren und zu engen Jeans. Die Nachbarn beginnen zu reden. „Das müssen schlechte Menschen sein, wenn Gott sie mit so einem Jungen straft.“

Die Mutter fleht: „Warum kannst du nicht stark und männlich auftreten wie alle anderen?“ Schirin wäre gern ein normaler Junge gewesen. In der Schule wurde sie sexuell bedrängt und verspottet, von Mitschülern, von Lehrern. Als sie 16 Jahre alt war, verwies sie der Rektor trotz guter Noten von der Schule. Einen Abschluss hat sie deshalb nicht. Zwei Selbstmordversuche. Tabletten beim letzten Mal, drei Tage Koma. Ihre Eltern saßen am Krankenbett, als sie zu sich kam. Sie sagten: „In Ordnung, zieh dich an, wie du willst, aber bleib im Haus! Wir werden lernen, es zu akzeptieren, nur zeig dich so nicht vor anderen.“

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