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Mann und Frau Iran: Wo die Geschlechtsumwandlung boomt

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„Transsexualität wird in Iran als medizinisches Problem gesehen: Der Patient hat ein Leiden, das durch einen Eingriff geheilt werden kann“, sagt ein Teheraner Psychiater. Dass sein Name veröffentlicht wird, will er nicht. Das Thema ist dann doch zu heikel. Der 53-Jährige, Spezialist für psychosexuelle Störungen, ist einer jener Experten, die im Auftrag des Staates Transsexuelle begutachten. Die müssen sich vor ihrer Geschlechtsumwandlung von Ärzten und Psychologen untersuchen lassen. Danach erhalten sie einen Ausweis, der Männern erlaubt, schon vor der Operation Frauenkleider zu tragen, und Frauen, sich ohne Kopftuch und in Hosen zu zeigen.

Etwa 450-mal im Jahr werden in Iran Männer- zu Frauenkörpern oder Frauen- zu Männerkörpern umoperiert. In Deutschland etwa, wo zehn Millionen Menschen mehr leben als in Iran, sind es jedes Jahr etwa 300. Das sind Schätzungen. Auch in westlichen Ländern gibt es kaum exakte Zahlen, weil viele Transsexuelle sich in Privatkrankenhäusern operieren lassen.

Dass es ausgerechnet in Iran so viele sind, sei erklärbar, sagt der Teheraner Psychiater. Der Zwang zur Konformität in der traditionell geprägten iranischen Gesellschaft sei enorm. Deswegen kommen auch viele Homosexuelle zu ihm. „Sie glauben, nach einer Operation können sie so leben, wie sie es immer wollten, weil sie dann einen Mann heiraten können.“

Schirin hat einige Schwule gekannt, die so dachten. „Die meisten von ihnen haben Selbstmord begangen“, sagt sie.

Als sie selbst noch ein Mann war, hat sie alles versucht endlich dazuzugehören. Ließ sich die Haare sehr kurz schneiden, um männlich zu erscheinen und eine Arbeit zu finden. Sie hätte gerne studiert. Aber ohne Abschluss? Sie hat ja nicht einmal einen Ausbildungsplatz bekommen. Also wollte sie mit Aushilfsjobs ein bisschen Geld verdienen, als Fabrik- oder Lagerarbeiterin. Doch wo sie vorsprach, hörte sie: „Der ist ja ein Mädchen!“

In der iranischen Gesellschaft gilt ein Mann mehr als eine Frau

Keine Arbeit, keine Anerkennung, kein Leben. Sie machte einen Termin in einer Klinik, die Eltern hatten ihr Geld für die Mietkaution und die Einrichtung gegeben.

„Ich musste es tun, um eine Identität zu finden“, sagt sie. Neun Stunden Operation. Sie wartete auf die Narkose, weinte, sie versuchte nicht an ihre Eltern zu denken und tat es doch. Sie betete, irgendeine Form von Erlösung zu finden. Ein Leben, in dem man sie respektiert. Heute sagt sie: „Für Frau-zu-Mann-Transsexuelle ist es leichter, sich zurechtzufinden.“

Der Chirurg Shahryar Cohanzad sieht es ähnlich. Bei neun von zehn Geschlechtsumwandlungen in Iran lasse sich ein Mann zur Frau machen, weil Männer, die sich als Frau im falschen Körper fühlen, es in der Gesellschaft deutlich schwerer haben.

In der iranischen Gesellschaft gilt ein Mann mehr als eine Frau. So ist es im Gesetz festgehalten, das auf der islamischen Scharia beruht: Zum Beispiel zählt vor Gericht die Aussage einer Zeugin nur die Hälfte. Oft haben sich Frauen um Haus und Familie zu kümmern, oft treffen männliche Angehörige die wichtigen Entscheidungen über ihr Leben. Ein Mann hat ein richtiger Mann zu sein, wenn er anerkannt werden will. Schon einer, der eher weiblich auftritt, gilt als Schande für die Familie, während maskuline Frauen oft respektiert werden. Doch einen Mann, der sich zur Frau hat operieren lassen, trifft besondere Verachtung. Denn er hat den sozialen Abstieg freiwillig hingenommen – eine Steigerung derart unmännlichen Verhaltens ist kaum möglich.

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