Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Marcel Fratzscher Top-Ökonom warnt vor Staatspleite Russlands

Der Westen erwägt härtere Sanktionen gegen Moskau. Manche Politiker liebäugeln sogar mit dem Ausschluss vom internationalen Zahlungssystem Swift. Ökonomen sehen darin allerdings „große Gefahren“ – nicht nur für Russland.
Update: 23.02.2015 - 13:44 Uhr 52 Kommentare
Russland könnte der Absturz drohen, sollte die Banken des Landes vom Zahlungssystem Swift abgekoppelt werden. Quelle: ap
Russischer Aktienhändler.

Russland könnte der Absturz drohen, sollte die Banken des Landes vom Zahlungssystem Swift abgekoppelt werden.

(Foto: ap)

Berlin Nach Einschätzung von Ökonomen in Deutschland könnte ein Ausschluss Russlands aus dem Interbankensystem Swift verheerende Konsequenzen nach sich ziehen. Eine entsprechende Forderung hatten die US-Senatoren John McCain und Lindsey Graham, EU-Parlamentarier und deutsche Politiker wie Grünen-Chef Cem Özdemir erhoben.

Eine solche Maßnahme könne „katastrophale Auswirkungen für das russische Finanzsystem haben und das Land in eine tiefe Finanzkrise stürzen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Die Konsequenz könnte nicht nur eine Bankenkrise, sondern ultimativ auch die Zahlungsunfähigkeit des russischen Staates sein.“

Swift („Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication“) wickelt den internationalen Zahlungsverkehr von mehr als 10.000 Banken in 215 Ländern ab. In Russland ist Swift mit seiner Unterorganisation Rosswift vertreten. Da Swift im belgischen La Hulpe ansässig ist, steht es unter EU-Recht.

Voraussichtlich könnte der Rat der Europäischen Union einen Ausschluss Russlands beschließen. Swift wäre demnach untersagt, russischen Banken, die mit europäischen Sanktionen belegt sind, Finanzdaten-Übermittlungsdienste anzubieten.

Diese Maßnahme war vor drei Jahren über den Iran verhängt worden. Damals entschieden die Vereinigten Staaten und die EU, Iran wegen seines Atomprogramms von Swift abzuschneiden. Die Verbindungen aller westlichen Geldinstitute zur iranischen Zentralbank und zu den großen Banken des Landes wurden gekappt. Der Außenhandel, vom Ölexport bestimmt, brach ein, die iranische Währung verlor rasant an Wert. Die Folge: Iran bewegte sich an den Verhandlungstisch.

Ist ein solcher Schritt auch in Bezug auf Russland realistisch? Schon im vergangenen Jahr unterbreiteten republikanische Senatoren dem amerikanischen Finanzminister Jacob Lew den Vorschlag, Russland von Swift zu isolieren. Auch das Europaparlament forderte am 18. September die EU auf, ein solches Vorgehen zu erwägen. Angesichts der jüngsten Eskalation in der Ukraine forderten die US-Senatoren John McCain und Lindsay Graham vor wenigen Tagen sogar, Russland sofort von Swift abzukoppeln.

Sie erinnerten Präsident Barack Obama an sein Versprechen beim Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Kosten für Russland so lange in die Höhe treiben zu wollen, bis Kreml-Chef Wladimir Putin einlenke. Eine erste Maßnahme sei der sofortige Ausschluss aus dem weltweiten Bankensystem.

Auch Grünen-Spitzenpolitiker für Swift-Ausschluss

In Deutschland denken auch die Grünen in diese Richtung. Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour sprach sich vor wenigen Tagen im Sender hr-info dafür aus, russische Banken vom internationalen Zahlungssystem Swift auszuschließen. Und auch Grünen-Chef Cem Özdemir meint im Berliner „Tagesspiegel“, der Ausschluss ausgewählter russischer Banken aus Swift wäre ein geeigneter Schritt und müsste mit einer starken humanitären und wirtschaftlichen Hilfe für die Ukraine einhergehen.

In Russland spricht man angesichts solcher Gedankenspiele schon von Krieg. Das wäre der Abbruch der Beziehungen zwischen den USA und Russland, hatte Andrej Kostin, Chef von Russlands zweitgrößter Bank VTB, auf dem Wirtschaftsforum in Davos gesagt: „Meiner persönlichen Meinung nach bedeutet die Einführung solcher Sanktionen Krieg.“

Hinter den Überlegungen, härter gegen Moskau vorzugehen, steht auch der Umstand, dass die in Minsk vereinbarte Waffenruhe in der Ost-Ukraine bisher nur unzureichend umgesetzt wurde. „Wir erwarten, dass Russland seinen erheblichen Einfluss auf die Separatisten geltend macht, damit es zu einer solchen Waffenruhe kommt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag. Russland habe sich in der Uno-Resolution zur territorialen Unversehrtheit der Ukraine bekannt.

Am Dienstag kommen die Außenminister der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Frankreichs in Paris zu einem weiteren Treffen über die Lage in der Ost-Ukraine zusammen.

Aus Fratzschers Sicht wäre ein Swift-Ausschluss „der extremste Schritt von Wirtschaftssanktionen, der große Gefahren und Ungewissheiten“ berge. „Niemand kann verlässlich die Auswirkungen vorhersehen.“ Es sei zudem nicht klar, ob eine Verstärkung der Finanzsanktionen zu einem Einlenken oder eher zu einer Eskalation des Konfliktes in der Ukraine führen würde.

Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, warnt vor Gegenreaktionen Russlands. Das Zahlungsverkehrssystem Swift sei eine Grundversorgung der Wirtschaft wie Verkehr oder Energie. „Ein Ausschluss Russlands wäre umgekehrt etwa gleichzusetzen mit einem Stopp der Öl- und Gaslieferungen aus Russland. Das könnte dann auch die Antwort auf einen solchen Schritt sein“, sagte Kater dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Auch der Ökonom Thorsten Polleit warte, dass Wirtschaftssanktionen wie das „Sabotieren des internationalen Geldverkehrs“ nicht nur Russland, sondern auch allen anderen Ländern schadeten.

„Denn nimmt die russische Produktionsleistung ab, fallen auch die Einkommen und die Güterversorgung aller Handelspartner unter das Niveau, das erreichbar wäre, wenn keine Sanktionen erhoben würden“, sagte Polleit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Was immer man sich politisch von ihnen verspricht: Wirtschaftssanktionen sind eine kollektive Selbstschädigung.“

Ökonom spricht von „finanzieller Kriegsführung“ der USA

Polleit gab allerdings auch zu bedenken, sollte russischen Banken der Zugang zu Swift versperrt sein, könnten immer noch Zahlungen mit russischen Handelspartnern ausgeführt werden, etwa indem Korrespondenzbankverbindungen genutzt werden. Eine Korrespondenzbank ist ein Kreditinstitut im Ausland, zu dem ein inländisches Kreditinstitut eine Geschäftsbeziehung unterhält und über die Auslandsgeschäfte und Auslandszahlungen der Kunden vor allem in Devisen abgewickelt werden.

Polleit vermutet allerdings hinter dem Ansinnen der Amerikaner, Russland von Swift auszuschließen, dass Washington die US-Dollar-Dominanz zur Erreichung politischer Ziele einsetzen wolle. „Diese Strategie des US-Schatzamts, die seit 9/11 verfolgt wird, wird auch als ,Financial Warfare', als ,finanzielle Kriegsführung', bezeichnet“, erläuterte der Honorarprofessor an der Universität Bayreuth und Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH.

Die Amerikaner könnten demnach den Russen den Zugang zum internationalen Zahlungsverkehr beispielsweise dadurch versperren, dass sie Sanktionen gegen diejenigen Banken aussprechen, die mit Russland Zahlungen abwickeln. Beispielsweise werde Banken, die mit Russland Zahlungen abwickeln, der Zugang zum US-Dollar-Markt gesperrt.

„Angesichts derartiger Sanktionen ist denkbar, dass Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten werden könnte“, sagte Polleit weiter. „Nicht nur für die russische Volkswirtschaft, sondern auch für alle diejenigen, die mit russischen Unternehmen Handel betreiben, würde es dann heikel.“

Beispielsweise könnten russische Banken und Firmen, die US-Dollar- oder Euro-Verbindlichkeiten haben, keine Zins- und Tilgungszahlungen mehr an ihre Gläubiger überweisen – zum Schaden der Kreditgeber. „Auch wäre für russische Firmen eine Neukreditaufnahme in Fremdwährung nicht mehr möglich“, erklärte der Ökonom. Das könne zu Zahlungsausfällen führen – zum Schaden von Schuldner und Gläubiger.

Russische Sberbank will Osteuropa-Geschäft eindampfen

„Zudem könnten Energieimporteure – und dazu gehört vor allem auch Deutschland – ihre Öl- und Gasrechnungen nicht mehr an Russland überwiesen werden“, so Polleit. „Russland würde wohl die Energielieferungen nach Europa einstellen müssen. Das würde absehbar Produktion und Beschäftigung der europäischen Volkswirtschaften schädigen.“

Ähnlich fällt die Einschätzung des Direktors des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, aus. Der Ausschluss Russlands aus Swift und das Einfrieren der Konten russischer Finanzinstitutionen wären zwar „wahrscheinlich eine der effizientesten Möglichkeiten, der russischen Wirtschaft zu schaden“, hatte Horn dem Handelsblatt schon im September gesagt. „Man muss sich allerdings dann auf eine weitere Eskalation des Konflikts einstellen, bei dem Russland zum Beispiel die Gaslieferungen verteuert oder gar stoppt.“

Es sei nicht auszuschließen, dass damit die Verunsicherung weiter um sich greife „mit schwer quantifizierbaren wirtschaftlichen Schäden für beide Seiten“, sagte Horn weiter. Die entscheidende Frage sei jedoch politischer Natur und laute: Wie solle das alles enden? „In einer politisch und wirtschaftlich interdependenten Welt kann niemand ein Interesse an einem radikalisierten und wirtschaftlich verelendenden Russland haben“, betonte Horn. „Insofern kann man nur festhalten, dass Sanktionen diesen Konflikt letztlich überhaupt nicht im Interesse Europas lösen können“, fügte der IMK-Chef hinzu.

Die russische Sberbank zieht offenbar schon selbst die Konsequenz aus dem Ukraine-Konflikt und der Wirtschaftskrise in Russland. Laut einem Pressebericht will sich das Institut aus Ungarn und der Slowakei zurückziehen. Russlands größte Bank bereite einen Verkauf ihrer dortigen Töchter vor, schreibt die tschechische Zeitung „Lidove Noviny“ am Montag unter Berufung auf Insider. Interesse an der Sparte in der Slowakei hätten bereits die italienische HVB-Mutter UniCredit, der tschechisch-slowakische Finanzinvestor Penta und die ungarische Bank OTP angemeldet. Das Geschäft in Tschechien hingegen stehe nicht zum Verkauf.

Die Sberbank wollte sich nicht dazu äußern. Sie hatte die Sparten erst vor drei Jahren übernommen, als sie das Mittel- und Osteuropa-Geschäft der österreichischen Krisenbank ÖVAG kaufte. Ihre Töchter in Ungarn und der Slowakei zählen dort eher zu den kleineren Instituten. Die Sberbank gehört zu den russischen Instituten, die von Sanktionen der EU und der USA im Ukraine-Konflikt betroffen sind. Dadurch hat sie unter anderem nur beschränkt Zugang zu Kapital aus dem Ausland.

Startseite

Mehr zu: Marcel Fratzscher - Top-Ökonom warnt vor Staatspleite Russlands

52 Kommentare zu "Marcel Fratzscher: Top-Ökonom warnt vor Staatspleite Russlands"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Unabhängig von allem: Wer hier den 'Focus' zitiert bzw. Links zu entsprechenden Artikeln veröffentlicht, ist sich offenbar nicht im Klaren darüber, welch' Geistes Kind dieses Käseblatt mit eindeutiger Tendenz und seine Mannschaft sind. Das hat mit objektiver Berichterstattung nichts zu tun. Man lese besser das Handelsblatt - sofern der geistige Horizont hier genügend Ressourcen hergibt .....

  • Wovor warnen die Frösche? Vor dem Austrocknen des Sumpfes. Na klar, ist ein gemeinsamer Handel gut für die beteiligten Seiten, und wenn man nicht handelt, ist es eben nicht so gut. Klar ist auch, daß wenn Rußland vom Swift-System abgeschnitten wird, man eigene Nachteile in Kauf nehmen muß. Aber hier geht es darum, ob in Europa ein System gleichberechtigter und freier Beziehungen zwischen den Staaten erhalten werden kann, ohne Annektierungen, ohne fünfte Kolonnen, ohne militärische Einmischungen. Ja, und wir sollten in Europa auch darüber nachdenken, wie wir die Folgen von Sanktionen gegen Rußland solidarisch mildern können. Nach Abwägung des Für und Wider gibt es also die klare Antwort, ja, Abschneiden von Swift, damit in Rußland die wirtschaftlichen Akteure in der Politik ein Umdenken über die eigenen Staatsgrenzen bewirken. Anders ausgedrückt, der Druck der freien Welt muß so lange und so intensiv erhöht werden, bis sich Rußland auf sein eigenes Staatsterritorium zurückzieht. Das heißt, gleichberechtigter Teil der Weltgemeinschaft kann Rußland nur ohne die Krim und ohne die Ostukraine sein. Bis dahin muß jede nichtmilitärische Option erlaubt sein.

  • @Thomas Hobmaier
    "Alternative Energiequellen ..."

    Tja, aus Sonne und Wind kann man aber weder Tabletten, Lacke oder Kabelummantelungen herstellen. All das - und noch viel mehr wird aus Erdöl hergestellt.

    immer wieder diese naiven Grünen. Grün hinten den Ohren denke ich :-)

  • Pinkeln auf eigenen Bein hat noch keinen geholfen. Die Krise wird irgendwann vorbei sein, für die Wirtschaftskreise wird Sie als Bumerang zurück kommen. Die Länder, die am meisten als Scharfmacher gelten werden keine Chance auf Geschäfte mehr haben. Die Russen verzeihen sowas nicht.

  • @Grünbacher

    Die Argumentationshilfe vom Auswärtigen Amt war wohl für solche Propagandakrieger wie Sie gedacht...jetzt verstehe ich...

  • Die Äußerungen von Herrn Horn und Herr Polleit (Honorarprofessor an der Uni Bayreuth)
    Die müssten doch Wissen was Wirtschaften bedeutet.
    Wirtschaften bedeutet mit knappen Ressourcen umzugehen.
    Warum muss Europa vom Erdöl und Erdgas der Russen sich abhängig machen??
    Wer soll das Verstehen. In Deutschland und in anderen Ländern Europas gibt es d och auch andere Energiequellen, wie Erdgas und Erdöl und dazu noch Sonne und Wind. Man muss nur nicht immer den Theoretikern hinterherlaufen und auf deren Gutachten warten, sondern Kopf einschalten und alternative Quellen erschließen. Dann brauchen wir keine Rohstoffe von Russland mehr. Alternative Energiequellen schaffen auch so Arbeitsplätze.

  • SWIFT-Ausschluss,
    Warum nicht ?
    Da müssen Sie Herrn Snowden fragen.
    Der kennt sich besser aus, wie man jemand ausspähen kann oder die Wirtschaft mit Hackerprogrammen lahm legen kann.
    Es ist doch wahrlich heutzutage kein Hindernis mehr in den fremde Datennetze sich einzuschleichen und als "Trojaner" zu agieren.
    Das haben die Griechen auch schon vor Jahrtausenden erkannt.

  • [email protected] WEissenfels, alias @Jonathan Grünbacher

    >> Warum regen sich die Russen - und Sie - dann so auf? >>

    Wer regt sich denn hier auf ? Schauen sie mal hier rein, dann wissen sie , wer sich aufzuregen hat !

    http://www.focus.de/politik/ausland/borei-bulawa-r-24-jars-diese-fuenf-russischen-atomwaffen-muss-der-westen-fuerchten_id_4453593.html

    http://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/graydon-breedlove-rasmussen-wir-wuerden-nicht-standhalten-das-sagen-militaers-ueber-russlands-schlagkraft_id_4491922.html





  • Ceteris paribus, soll heißen, dass bei gleichen sontigen Dingen oder Umstaänden keine andere Variable dazu kommend herangezogen werden kann, weil sonst das Konstrukt des nominalen Ablativus absolutus und damit alle anderen Vorausetzungen außen vor(-her) vleiben müssen

  • "Der Schnittpunkt liegt im Exit der gesamten Wirtschaft."

    Klingt belesen. Auch der Teil mit "ceteris paribus". Ist aber trotzdem zusammenhangloser nonsense. ;)

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote