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Maurice Obstfeld IWF-Chefökonom warnt vor Nationalisten in Europa – und lobt Merkels Führungsstärke

Maurice Obstfeld analysierte als IWF-Chefökonom den Brexit, Trumps Aufstieg und den Handelskrieg. Im Abschiedsinterview lobt er Merkels politisches Erbe.
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Der IWF-Chefökonom übergibt sein Amt zum Januar. Quelle: Maurice Obstfeld by IMF used under CC BY / flickr.com
Maurice Obstfeld

Der IWF-Chefökonom übergibt sein Amt zum Januar.

(Foto: Maurice Obstfeld by IMF used under CC BY / flickr.com)

WashingtonSeine Nachfolgerin, die 47-jährige Gita Gopinath, läuft in der Zentrale des Internationalen Währungsfonds (IWF) schon durch die Flure. Wenn Maurice Obstfeld als Chefökonom der Institution zum Jahresende in Rente geht, soll der Übergang reibungslos ablaufen.

Beide Spitzen-Ökonomen kennen sich seit Jahrzehnten, arbeiteten mehrfach zusammen. Gopinath werde „eine andere Welt“ vorfinden, als die, die er zu Beginn seines IWF-Postens vor knapp vier Jahren vorgefunden habe, sagt Obstfeld im Interview mit dem Handelsblatt.

Binnen kurzer Zeit erlebte er, wie nationale Bewegungen an Zulauf gewannen, das Brexit-Referendum die Welt schockierte und der Protektionismus unter Donald Trump aufblühte. Obstfeld ist besorgt über den Vormarsch nationalistischer Strömungen. Parallel bleibt Chinas Aufstieg rasant, damit steigen die Herausforderungen, einen globalen Konsens in der Wirtschafts- und Handelspolitik zu finden.

Auch eine andere Konstante, die Kanzlerschaft von Angela Merkel, neigt sich bald dem Ende zu. Zum Abschied spricht der 66-Jährige über seine Lehren aus der Euro-Krise – und wagt einen Ausblick in die Zukunft. 

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Wie dramatisch ist die drohende Konjunkturabkühlung in den USA und weltweit?
Wir gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft 2019 weiter wachsen wird, jedoch langsamer als in diesem Jahr. Spätestens 2020 wird sich dieser Trend verstärken. Auch wenn wir nicht so bald eine Rezession erwarten: Das Albtraum-Szenario wäre, dass die Inflation in den USA anzieht, die Fed mit hohen Zinssätzen reagiert, während parallel die fiskalischen Anreize aussetzen.

Im Augenblick scheint die Verlangsamung des Wachstums außerhalb der USA aber dramatischer zu sein. Wir sehen einige negative Daten für Asien. Und in Europa etwa hatte Deutschland ein enttäuschendes Wachstum im dritten Quartal 2018. In Teilen der Welt scheint Luft aus dem Ballon zu strömen, und das wirkt sich auch auf die USA aus.

Was nehmen Sie nach dreieinhalb Jahren als Chefökonom des IWF mit?
Als ich in diese Position kam, war die multilaterale Grundlage internationaler Regierungsführung im Prinzip unbestritten. Jetzt wird der Multilateralismus mehr infrage gestellt, insbesondere seitens der US-Regierung. In letzter Zeit sind die internationalen Wirtschaftsbeziehungen mit Konflikten belastet, das ist eine wirklich große Veränderung. Wir wissen nicht, ob sich die Situation nach einigen Anpassungen stabilisiert.

Eine andere Entwicklung, die mich erstaunt hat, ist das schleppende Wachstum der Industriestaaten. Die Erholung nach der Finanzkrise dauerte länger, als ich gedacht hätte – mit Ausnahme der USA, die auf eine sehr prozyklische Steuerpolitik setzen. Aber es gibt eine große Divergenz zwischen dem schnellen Tempo der Entwicklungsländer und langsam wachsenden Industrieländern.

Das ist verbunden mit gebremster sozialer Mobilität, was viele politische Entwicklungen antreibt, die wir aktuell beobachten. Als ich beim IWF angefangen habe, war das kaum abzusehen.

Wann wird China zur größten Volkswirtschaft? Und welche Folgen hätte das für den Rest der Welt?
Ich denke nicht, dass die Größenordnung allein von Belang ist, auch wenn China die USA bald überholen dürfte. Wichtiger sind der Charakter der chinesischen Wirtschaft und die Kräfte, die das Wachstum antreiben, wie zukunftsgewandte, technologieorientierte Produkte. Eine relativ kleine Gruppe von Staaten ist im Tech-Bereich führend, darunter die USA, Großbritannien, Japan und Deutschland. Jetzt kommen China und Korea dazu.

Es ist wirklich wichtig, dass diese Entwicklung möglichst konfliktfrei begleitet wird, sonst wird die gesamte Weltwirtschaft und Politik destabilisiert. Es ist entscheidend, China in einen globalen Rahmen zu bringen, auf den sich die Länder einigen. Hier beim IWF arbeiten wir sehr konstruktiv mit China als Mitgliedstaat zusammen. Sie sind offen für unsere Ratschläge. Wir glauben, dass eine Einbindung in das multilaterale System im Interesse aller ist.

Was muss China selbst anpacken?
Die Wirtschaftsreformen in den späten Siebzigerjahren haben den Lebensstandard in China bemerkenswert angehoben. Davon haben auch andere Länder profitiert, insbesondere in Ostasien. In der nahen Zukunft gibt es erheblichen Spielraum für China, sich weiter zu öffnen und eine noch größere Rolle auf dem Weltmarkt zu spielen. Um internationale Spannungen aufzulösen, etwa im Streit um den Schutz geistigen Eigentums, wäre es in Chinas Interesse, mit seinen Handelspartnern zusammenzuarbeiten.

Auch eine Öffnung für mehr ausländische Investitionen könnte für China direkt von Nutzen sein. Eines der größten Probleme für China aber ist der Übergang zu einer flexibleren Währung. Dieser wird sehr wichtig sein und der chinesischen Wirtschaft helfen, sich im Weltmarkt anzupassen und einige handelspolitische Spannungen abzubauen.

Sie haben nationale Bewegungen angesprochen, die auf dem Vormarsch sind. Werfen wir einen Blick auf die Europawahlen im kommenden Jahr: Was würde ein starkes Abschneiden von Populisten für die wirtschaftlichen Aussichten Europas bedeuten?
Wir können nur spekulieren, wie sich die Situation entwickeln wird, und es ist sehr schwer, konkrete Konsequenzen vorherzusagen. Aber ich erwarte, dass in diesem Szenario einige EU-Regeln verändert werden würden, hin zu mehr nationaler Souveränität. Viele dieser Regeln dienen der Förderung des europäischen Binnenmarktes und einem effizienten Zusammenspiel von Ressourcen.

Manchmal braucht es eine Krise, um Ziele zu schärfen und den politischen Willen zu bündeln. Maurice Obstfeld

Eine Abkehr davon könnte schädlich sein. Je stärker nationalistische Strömungen werden, desto mehr dürfte der Druck steigen, die Haushaltsregeln in Europa zu lockern, was angesichts der Verschuldung einiger Länder problematisch sein könnte. Die Aufgabe der Zukunft muss weiterhin sein, Puffer aufzubauen – und nicht, leichtsinnig Geld auszugeben.

Was ist das wirtschaftliche Erbe von Bundeskanzlerin Angela Merkel? Hat ihre Politik Deutschland und Europa gleichermaßen vorangebracht?
Sie hatte das klare Ziel, den Euro zu erhalten. Das tat sie nicht allein, sie hatte Hilfe von der EZB und anderen Unterstützern. Aber manchmal braucht es eine Krise, um Ziele zu schärfen und den politischen Willen zu bündeln. Angela Merkel übernahm die Führung in der Euro-Krise. Sie erkannte, dass viele Institutionen, die der Maastricht-Vertrag vorsah, nicht ausreichend gegen aktuelle Probleme gewappnet waren.

Die direkte Folge der Euro-Krise war, dass die Institutionen des Euros gestärkt wurden und dass Reformen angestoßen wurden, die vor der Krise nicht akzeptiert worden wären, etwa im Zusammenhang mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Die Arbeit in der EU ist aber nicht abgeschlossen, sie geht weiter.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin Gita Gopinath mit auf den Weg?
Sie wird ihre Arbeit in einer anderen Welt beginnen als ich. Europa kämpft mit dem Brexit, und die USA stellen die internationale Ordnung infrage, was weltweit für Unsicherheit sorgt. Die handelspolitischen Spannungen dürften anhalten, und es werden neue Themen wie Klimawandel und Cyberangriffe hinzukommen. Sie ist eine fantastische Besetzung, ich kenne Gita seit den späten Neunzigerjahren.

Damals schrieben Kenneth Rogoff und ich ein Lehrbuch für Internationale Makroökonomie. Am Ende waren wir erschöpft, sollten aber noch Übungsfälle für die Studenten ergänzen. Um ehrlich zu sein, hatten wir keine Ahnung, ob wir unsere selbst entworfenen Problemfälle lösen konnten, aber es musste schnell gehen.

Nach Druck des Buchs meinte der Verleger plötzlich: Wir brauchen noch ein Lösungshandbuch für die Übungsfälle. Wir dachten beide nur: Oh, wie machen wir das? Kenneth sagte dann, er kenne eine sehr intelligente Studentin, die uns helfen könne: Gita. Sie war großartig, man kann das Handbuch noch immer auf Kenneths Website finden. Ich bin von ihrer glänzenden Karriere nicht überrascht.

Herr Obstfeld, vielen Dank für das Gespräch.

Brexit 2019
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