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May-Nachfolge Johnson gegen Hunt: Dem Außenseiter bleibt nur noch eine Chance

Boris Johnson erscheint wie der sichere Sieger im Duell um den Posten des Premiers. Doch Hunt bleibt noch eine Hoffnung, den Favoriten zu schlagen.
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Die Tories kämpfen um das Amt an der Parteispitze – und damit auch um die Regierungsverantwortung. Quelle: Reuters
Boris Johnson und Jeremy Hunt

Die Tories kämpfen um das Amt an der Parteispitze – und damit auch um die Regierungsverantwortung.

(Foto: Reuters)

London Es sieht nicht gut aus für Jeremy Hunt. Der Außenminister selbst räumt ein, dass er im Duell um den Posten des Premiers nur Außenseiter ist. In der konservativen Unterhausfraktion hat sein Rivale Boris Johnson doppelt so viele Unterstützer. Und an der konservativen Basis, die nun per Briefwahl den neuen Regierungschef bestimmt, liegt Hunt Umfragen zufolge sogar noch weiter zurück.

Doch der 52-Jährige wird versuchen, die öffentliche Wahrnehmung in den kommenden Wochen noch zu drehen. Bis zum 17. Juli debattieren die Kandidaten auf 16 Regionalkonferenzen vor den Mitgliedern der konservativen Partei, den Tories. Das gibt Hunt die Gelegenheit, Zweifel an Johnsons Eignung für die Downing Street zu säen. Gewählt wird der neue Parteivorsitzende, und als Mehrheitsführer im britischen Parlament wird dieser Premierminister.

In den vergangenen Tagen hat Hunt sich bereits mit dem Argument, dass die europäischen Regierungschefs ihm vertrauten als bester Brexit-Unterhändler empfohlen. Die indirekte Botschaft lautete: Johnson nicht.

Zweifellos wäre der bisherige Außenminister die solidere Wahl als Premierminister. Der 52-Jährige ist seit neun Jahren Minister. Er leitete zunächst die Ressorts für Kultur und Gesundheit, bis er 2018 Außenminister wurde. Im Gesundheitsministerium hielt er sich sechs Jahre. Das ist ungewöhnlich lang, denn das staatliche Gesundheitssystem NHS ist ein nationales Heiligtum: Jeder hat eine Meinung, und der Chef steht ständig in der Kritik.

Als Minister für Medien, Kultur und Sport war Hunt auch für die Olympischen Spiele in London 2012 zuständig – Rivale Johnson war damals Bürgermeister der Metropole. Als Kulturminister wäre Hunt beinahe über seine Nähe zu den Medienunternehmern Rupert und James Murdoch gestolpert. Er soll deren Firma News Corp beim Übernahmeversuch des Senders BSkyB unterstützt haben, obwohl er als Minister eigentlich hätte neutral bleiben müssen. Die Vorwürfe verliefen jedoch im Sand.

Hunt gilt seither als sicherer Allrounder. Auch sein Lebenslauf sieht aus wie der eines klassischen Premierministers. Er wuchs im Londoner Speckgürtel als Sohn eines Vizeadmirals der Royal Navy auf, ging auf die elitäre Privatschule Charterhouse und studierte in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft (PPE). Dieser Studiengang hat bisher die meisten britischen Premierminister hervorgebracht. Nach der Universität arbeitete Hunt als Unternehmensberater und als Englischlehrer in Japan. Seitdem spricht er fließend Japanisch.

In den beiden Fernsehdebatten diese Woche stellte der zweifache Familienvater, der mit einer Chinesin verheiratet ist, vor allem seine Vergangenheit als Unternehmer heraus. Zwar blieb der Versuch, Marmelade nach Japan zu exportieren, ohne Erfolg. Doch 1996 gründete er mit einem Studienfreund die Internetfirma Hotcourses. Die Suchmaschine für Studiengänge wurde zum Grundstein eines Online-Imperiums. Der Verkauf seines Anteils im vergangenen Jahr soll Hunt rund 15 Millionen Pfund eingebracht haben.

Empören sich die Tories überhaupt noch?

Er wäre der erste Unternehmer in der Downing Street Nummer zehn, wirbt Hunt nun. Das soll sich auch in seiner Politik niederschlagen. Er will der Wirtschaft einen „Turboantrieb“ geben, indem er die Unternehmensteuer von 19 auf 12,5 Prozent senkt. Damit läge sie auf dem Niveau des Nachbarlandes Irland. Die Steuersenkung mag bei den Konservativen gut ankommen, Hunt läuft aber Gefahr, die anderen Europäer vor den Kopf zu stoßen. Diese klagen seit Jahren über Irlands „Steuerdumping“. Nichts fürchten sie mehr als ein weiteres und ungleich größeres Steuerparadies vor ihrer Tür.

Hunt will seine Unternehmervergangenheit und seine langjährige Regierungserfahrung im Wahlkampf ausspielen, um sich als gewichtigere Alternative zu Johnson darzustellen.

Der Mangel an Ernsthaftigkeit ist Johnsons größtes Manko. Er gilt als Sprücheklopfer, der in jeder Situation einen Witz machen muss. Auch sind seine Positionen so wechselhaft, dass niemand mehr glaubt, was er sagt. Hunt wird versuchen, diese Charakterschwäche auszunutzen.

Die Frage ist, ob die Parteimitglieder sich darüber noch empören können. Ähnlich wie bei US-Präsident Donald Trump scheinen bei Johnson alle problematischen Verhaltensweisen schon eingepreist. Und die konservative Basis hat sich in den vergangenen Jahren ihrerseits radikalisiert: Die Parteimitglieder sprechen sich mit deutlicher Mehrheit für einen ungeordneten Brexit aus. Einer Umfrage zufolge würden sie sogar eher eine Abspaltung Schottlands und Nordirlands in Kauf nehmen, als den EU-Austritt aufzugeben.

Vor diesem Hintergrund scheint Brexit-Wortführer Johnson die besten Karten zu haben. Seine Überzeugung, das Verfahren zu beschleunigen und endlich zu vollenden, wird nicht in Frage gestellt. Obendrein wird ihm das nötige Charisma zugesprochen, es bei künftigen Unterhauswahlen mit Nigel Farage von der Brexit-Partei aufnehmen zu können.

Hunt hingegen hat gleich zwei Probleme: Erstens ist er nicht spritzig wie Johnson, sondern ein eher dröger Technokrat. Und zweitens ist er ein Vertreter der Regierung Theresa Mays. Er hatte 2016 für den EU-Verbleib gestimmt und den Kompromisskurs der Premierministerin bis zuletzt mitgetragen. Das macht ihn in den Augen der Brexit-Anhänger verdächtig.

Es wird also nicht einfach, Johnson zu stoppen. Manche sagen, es ist unmöglich. Hunt kann nur hoffen, dass die Konservativen sich auf ihre Wurzeln besinnen – und sich für Verlässlichkeit entscheiden.

Mehr: Ein Premierminister Boris Johnson wäre fatal für Großbritannien. Der ehemalige britische Außenminister hangelt sich von einer kritischen Aussage zur nächsten. Als Landeschef würde er nur Chaos anrichten.

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