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May-Nachfolge Sehnsucht nach dem starken Mann: Die Tories feiern Boris Johnson

Noch ist er nicht gewählt, doch beim Wahlkampfabschluss sehen die Tories Boris Johnson bereits als ihren neuen Premier. Beim Brexit bleibt er hart.
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Großbritannien: Die Tories feiern Boris Johnson Quelle: AP
Boris Johnson

Ob Johnson die hohen Erwartungen der Tories erfüllen kann, ist fraglich.

(Foto: AP)

London Für Boris Johnson ist es ein Heimspiel. Die letzte Regionalkonferenz des Tory-Wahlkampfs findet am Mittwochabend in London statt, wo Johnson einst acht Jahre lang Bürgermeister war. Die meisten Anwesenden sind sich einig, dass er Premierminister werden soll und nicht sein Rivale Jeremy Hunt.

„Wir brauchen jetzt einen Brexiteer“, sagt Nicola Stone, eine Rentnerin aus London. „Hunt war ein Remainer. Der wäre eine zweite Theresa May“. Wie die Mehrheit im Londoner Excel-Konferenzzentrum trägt Stone einen „Back Boris“-Button am Revers, viele tragen auch T-Shirts mit dem Slogan. Zweitausend Tory-Mitglieder drängen in die Halle, um den letzten Auftritt der beiden Kandidaten in diesem Wahlkampf zu erleben.

Johnson ist als Erster dran. „Die dunkelste Stunde ist vor der Dämmerung“, deklamiert er. Er werde das Land aus der EU führen, und zwar wie versprochen zum 31. Oktober. „Wir können es schaffen, oder etwa nicht?“, ruft er. „Yeah“, schallt es aus dem Publikum zurück. „Ich sage Euch, die Flugzeuge werden weiter fliegen, egal was für einen Deal wir machen“, ruft Johnson in den anschwellenden Applaus.

Die Tories sehnen sich nach einem Neuanfang, das wird an diesem Abend in London erneut deutlich. Die bisherige Premierministerin Theresa May ist in ihren Augen eine schwache Anführerin, die die Interessen des Landes in den Brexit-Verhandlungen verraten hat. Johnson soll nun der Mann sein, der den radikalen Bruch mit der ungeliebten May-Ära liefert.

Auf den 55-jährigen Frontmann der Brexit-Kampagne projizieren die Tories alle ihre Hoffnungen. Er soll das Land Ende Oktober aus der EU führen und die Brexit-Partei von Nigel Farage auf diese Weise überflüssig machen. Dann soll er bei einer Unterhauswahl gegen Oppositionsführer Jeremy Corbyn die absolute Tory-Mehrheit zurückgewinnen, die May 2017 fahrlässig verspielt hatte.

„Es geht um alles oder nichts“

„Hunt ist der angenehmere Mensch“, sagt Bill, 50, der sich selbst als „glühenden EU-Freund“ beschreibt. „Aber es braucht jetzt einen Charakter wie Boris, um einen Paradigmenwechsel herbeizuführen. Es geht um alles oder nichts.“ Er hat sich einen der „Back Boris“-Buttons eingesteckt. „Der ist für meinen Sohn“, sagt er. „Das wird mal ein Sammlerstück so wie die MAGA-Buttons von Donald Trump“.

Die Urwahl unter den 160.000 konservativen Parteimitgliedern endet am Montag. Am Dienstag wird der Sieger bekanntgegeben. Am kommenden Mittwoch wird wird der neue Premierminister ernannt, nachdem May ihre letzte Fragestunde als Premierministerin im Unterhaus abgehalten hat.

Ihrem Nachfolger gibt die scheidende Premierministerin bereits an diesem Mittwochnachmittag eine Warnung mit auf den Weg. In ihrer letzten größeren Rede beklagt May die Zunahme von Populismus und einen Niedergang der politischen Kultur auf der ganzen Welt. Immer öfter werde eine „Politik der Spaltung“ und ein „Absolutismus“ betrieben, in dem abweichende Meinungen niedergemacht würden, sagt sie bei einer Veranstaltung der Denkfabrik Chatham House.

Wer Dinge tatsächlich umsetzen wolle statt sie nur anzukündigen, brauche Eigenschaften, die zuletzt aus der Mode gekommen seien, sagt May. „Eine davon ist der Wille zum Kompromiss.“ Populisten würden das Streben nach Kompromissen als Schwäche darstellen statt als Stärke. Ihre Worte sind eine kaum verhüllte Botschaft an US-Präsident Donald Trump und an ihren wahrscheinlichen Nachfolger Johnson.

Fast alle politischen Beobachter erwarten, dass Johnson das Rennen macht. Auch im Excel-Zentrum haben die meisten Befragten keinen Zweifel daran. „Das Rennen ist gelaufen“, sagt ein Fintech-Gründer im Publikum. Als Johnson fertig ist, gehen die ersten. Den mutmaßlichen Verlierer wollen sie nicht mehr hören. Dabei legt Hunt einen guten Auftritt hin. Er sagt alle richtigen Dinge, bekommt häufig Applaus, und doch gilt er als chancenlos.

„Er ist der falsche Kandidat zur falschen Zeit“, erklärt der Jungunternehmer. „Hunt hat nicht die Kraft, den Brexit zu liefern“, sagt Stephen Sheard, 25, ein Philosophiestudent. „Ich glaube nicht, dass der Brexit seine Priorität ist.“

Die erste Frage, die der Moderator Iain Dale an Hunt stellt, spiegelt die allgemeine Erwartungshaltung: „Wenn Du verlierst, wirst Du dann in Johnsons Kabinett gehen?“ Hunt sagt, es wäre ihm eine große Ehre, Minister unter Johnson zu sein. Johnson bekommt diese Frage nicht gestellt, niemand zweifelt an seinem Sieg.

Johnson will nicht mehr Zeit für den Brexit

Ob Johnson die hohen Erwartungen erfüllen kann, ist fraglich. Vor allem in der Brexit-Frage ändert sich objektiv gesehen nichts. Die Europäer bestehen darauf, dass das britische Unterhaus den Ausstiegsvertrag ratifiziert, wenn es am 31. Oktober einen geordneten Brexit mit Übergangsperiode geben soll. Sie sei bereit, Großbritannien noch mehr Zeit zu geben, wenn nötig, sagte die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Woche.

Doch mehr Zeit will Johnson nicht. Im Gegenteil: Er schließt einen weiteren Aufschub der Deadline kategorisch aus. Wenn die EU nicht flexibel sei, werde man eben ohne Deal gehen. Im Excel-Centre gibt es dafür lauten Beifall. Eine Mehrheit der Tory-Mitglieder will einen ungeordneten Brexit, wenn die EU den Briten keinen besseren Ausstiegsvertrag anbietet.

Johnson will Mays Brexit-Deal wieder aufschnüren und den umstrittenen Backstop für Nordirland entfernen. Diese Rückfallversicherung stellt sicher, dass die Grenze zwischen Irland und Nordirland auch nach dem Brexit offen bleibt. Aus Johnsons Sicht hingegen ist der Backstop ein inakzeptabler Angriff auf die Souveränität des Königreichs. „Kein demokratisches Land könnte den Backstop akzeptieren“, sagt er. Er müsse aus dem Ausstiegsvertrag entfernt werden.

Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass die Europäer diese Argumente hören. Bisher haben die EU-27 jedoch korrekt kalkuliert, dass die Briten den ungeordneten Brexit am meisten zu fürchten haben und die No-Deal-Rhetorik nur eine leere Drohung ist. Das wurde spätestens dann klar, als May ihre Abgeordneten vor den No-Deal-Folgen zu warnen begann, um den Ausstiegsvertrag durch das Parlament zu bringen.

Von Johnson wird nun erwartet, dass er die No-Deal-Drohung in Brüssel glaubwürdiger vorträgt als May. Johnson gefällt sich darin, als unberechenbar zu gelten – ähnlich wie US-Präsident Donald Trump. Seine Wahlkampfrhetorik hat bereits dazu geführt, dass das britische Pfund in den vergangenen Wochen auf Talfahrt gegangen ist. Auch die britischen Wirtschaftsverbände sind besorgt. Im Fall eines ungeordneten Brexits erwarten Ökonomen eine Rezession.

Doch ob Johnson seine Drohung am Ende wahr machen würde, weiß niemand. Der frühere Außenminister ist bekannt dafür, seine eigenen Versprechen zu brechen. Diesen Wortbruch würden ihm die Tories allerdings wohl nicht verzeihen. „Wenn die Tories den Brexit nicht liefern, sind sie am Ende“, sagt die Rentnerin Stone. „Es gäbe einen Exodus aus der konservativen Partei“, glaubt auch Philosophiestudent Sheard.

Mehr: Boris Johnson ist der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Er will einem Zeitungsbericht zufolge schon für 2020 eine Parlamentswahl anberaumen.

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3 Kommentare zu "May-Nachfolge: Sehnsucht nach dem starken Mann: Die Tories feiern Boris Johnson"

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  • Johnson hat verstanden: Politik ist Entertainment und Johnson ist ein großartiger Entertainer. Von ihm kann man noch viel Kurzweiliges erwarten. Würde er nicht PM, entginge uns eine große Show und das wäre schade.

  • Großbritannien hat einfach seit langer Zeit das Problem, nicht mehr die Weltmacht zu Zeiten von Queen Victoria zu sein. Man verkennt, auch nur das Rad im Getriebe zu sein wie Deutschland. Man hält die Historie, älteste Demokratie zu sein, einfach zu hoch. Da kann man sich heute nichts mehr zu kaufen.Der Brexit ist sicherlich ein interessanter Vorgang für die EU. Vielleicht wird diese Situation auch dazu genutzt, um die verkrusteten Entscheidungswege der EU, diese in akzeptable Strukturen zu bringen.

  • Ist nicht was wir uns wuenschen, aber wir werdens ueberleben und das stolze Albion wird
    auf seine tatsaechliche Bedeutung reduziert.

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