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May-Nachfolge Tory-Regionalkonferenz: Fehlstart für Boris Johnson

Die beiden Kandidaten für den Posten des britischen Premiers haben ihren ersten Auftritt absolviert. Für den Favoriten lief es unerwartet schlecht.
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Der Tory-Politiker gilt als Favorit für das Amt des Premierministers. Quelle: AFP
Boris Johnson

Der Tory-Politiker gilt als Favorit für das Amt des Premierministers.

(Foto: AFP)

BirminghamAls Favorit in einen Wettkampf zu gehen birgt immer Risiken – vor allem, wenn man so unberechenbar ist wie Boris Johnson. Seine Berater hatten den britischen Tory-Politiker deswegen so weit wie möglich vor der Öffentlichkeit abgeschirmt, wenn der Ex-Außenminister nicht unbedingt für seine Kandidatur als nächster Premierminister auftreten musste.

Umso ironischer, dass ausgerechnet ein Streit mit seiner Lebensgefährtin in deren Wohnung landesweit für Debatten sorgt.

In der Nacht auf Freitag hatten Nachbarn nach einem lautstarken Streit zwischen Johnson und seiner Lebensgefährtin die Polizei gerufen. Der Vorfall – der von einem Nachbarn auf Tonband aufgenommen worden war – wirft kein gutes Licht auf den 55-Jährigen: Ihm sei alles egal, weil er so verwöhnt sei, warf seine Lebensgefährtin ihm demnach vor. Er solle sie in Ruhe lassen.

Kritiker des Brexit-Hardliners werteten den Streit als Beleg dafür, dass Johnson nicht integer genug sei, um Premierminister Großbritanniens zu werden. Einer Umfrage der „Mail on Sunday“ zufolge vergraulte der Vorfall Unterstützer von Johnson in der Bevölkerung und der Partei.

Laut einer Befragung des „Telegraph“ liegt Johnson dennoch nach wie vor mit deutlichem Abstand vor seinem Rivalen, Außenminister Jeremy Hunt. Zeitungsberichten zufolge drohen Parteimitglieder, gegen Johnson mobilzumachen, sollte er die Wahl gewinnen.

Die beiden Kandidaten für die Nachfolge von Theresa May hatten an diesem Wochenende begonnen, vor den Mitgliedern der konservativen Regierungspartei für ihre Kandidatur zu werben. Am Samstag traten der Ex-Außenminister und sein Nachfolger in Birmingham auf. Dort witterten Johnson-Fans Verrat. „Eine Schmutzkampagne ist das doch, die wollen Boris fertigmachen“, empörte sich ein Mitglied der Tory-Partei.

Parteimitglieder am Zug

Es ist die zweite Etappe im Kampf um den Posten als 77. Premierminister Großbritanniens. Zunächst hatten die 313 Abgeordneten der Konservativen abgestimmt und das Feld der anfangs zehn Kandidaten im Laufe mehrerer Abstimmungen auf Boris Johnson und Jeremy Hunt dezimiert. In der letzten Runde hatten sich 160 Abgeordnete hinter Johnson gestellt, Hunt sammelte 77 Stimmen ein.

Nun stimmen die 160.000 Parteimitglieder per Briefwahl über den Premier ab, die Bevölkerung hat bei der Wahl kein Mitspracherecht. Um den 22. Juli wird das Ergebnis der Abstimmung erwartet. Bis dahin touren die beiden Politiker durch das Land und werben für sich.

In Birmingham, der mit gut einer Million Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes, fand das erste dieser insgesamt 16 „hustings“ statt. Es war das Aufeinandertreffen des schillernden Favoriten und des seriösen Underdogs.

In dem Kongresszentrum waren die Parteimitglieder geteilter Meinung, wer nächster Regierungschef Großbritanniens werden soll. „Wenn Boris Johnson schon vor drei Jahren Premierminister geworden wäre, würden wir jetzt nicht in diesem Schlamassel stecken“, sagte der 77-jährige Jeremy vor der Veranstaltungshalle.

Er war mit seiner Frau Rita aus dem Umland angereist, um Johnson zu unterstützen. „Wir müssen endlich raus aus der EU, die ist durch und durch korrupt“, insistierte er. Seine Frau nickte.

„Boris Johnson wird nach Brüssel reisen und dort auf den Tisch hauen“, ist Jeremy überzeugt, „und wenn das nicht wirkt: Die Welt wird auch nicht untergehen, wenn wir ohne Deal mit der EU ausscheiden.“ Die Berichte über Johnsons Beziehungsstreit bringen ihn nicht von seiner Meinung ab.

Andere Parteimitglieder sind jedoch skeptischer. „Derartige Schlagzeilen sind die Schwäche von Boris Johnson“, sagt die 32-jährige Nicola. „Wer weiß, was noch alles zum Vorschein kommt.“ Denn während Jeremy Hunt als etwas farblos und langweilig gilt, sorgt Boris Johnson immer wieder mit blumigen Äußerungen und unhaltbaren Versprechungen für Diskussionen.

„Boris Johnson ist charismatisch, das stimmt. Aber ist er auch seriös genug, um Premierminister zu sein? Es heißt ja auch immer, er wäre zu oberflächlich und würde bei Themen nicht ins Detail gehen“, meint die Britin. Die Stimme ihres Begleiters hat Hunt jedenfalls schon sicher. „Hunt ist sehr kompetent“, sagt der 55-jährige Harvey.

„Er hat sich als Gesundheitsminister sehr gut gemacht und sogar unpopuläre Entscheidungen durchgesetzt. Ich stimme für ihn.“ Und für den 18-jährigen Josh ist ohnehin die Entscheidung klar: „Ich würde jeden außer Boris Johnson wählen“, sagt er. Für ihn wäre es „eine Katastrophe“, wenn Johnson aus der Wahl als Gewinner hervorginge.

Auf der Veranstaltung legten sich beide Politiker ins Zeug, um die Gunst der in Birmingham anwesenden Parteimitglieder zu erhalten. Als Erstes trat Johnson vor das Publikum, mit wilder Frisur und schiefer Krawatte.

Er wiederholte frühere Ankündigungen, dass er den Brexit und die Vorbereitungen für einen EU-Ausstieg ohne Abkommen vorantreiben wolle. „Natürlich“ könne Großbritannien am 31. Oktober aus der EU austreten. „Wir müssen den Brexit durchziehen“, sagte Johnson.

Er sei sicher, dass er mit Brüssel nach dem Brexit in der Übergangsphase ein Freihandelsabkommen aushandeln könne – eine Behauptung, die Experten skeptisch sehen: Schließlich gäbe es keine Übergangsfrist, wenn Großbritannien den Brexit ohne Abkommen durchziehen würde.

Als Druckmittel in den Verhandlungen will Johnson die mit der EU vereinbarte Zahlung von 39 Milliarden Pfund zurückhalten, auch wenn dafür „etwas kreative Doppeldeutigkeit“ notwendig sei.

Kritik an seiner Bemerkung in Reaktion auf Bedenken von Unternehmen über einen Brexit, die er vor einem Jahr mit der nicht sehr feinen Bemerkung „F*** business“ abgetan hatte, versuchte Johnson zu entkräften. Er habe viel für die Wirtschaft getan, diese kurze Bemerkung dürfe nicht alles überdecken, was er erreicht habe.

Wiederkehrende Fragen nach seinem Privatleben blockte Johnson so eloquent wie konsequent ab: Die Menschen würden sich doch sehr viel mehr dafür interessieren, welche Pläne für das Land er habe, versuchte er abzulenken.

Der „Underdog“ kann punkten

Jeremy Hunt, dem viele Brexit-Befürworter skeptisch gegenüberstehen, weil er im EU-Referendum 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, gab sich dagegen Mühe, in Birmingham mit wirtschaftlicher Kompetenz zu überzeugen – und hatte damit Erfolg.

Er gehe als „Underdog“ in das Rennen, gab Hunt zu, als er, leger das Sakko abgelegt und die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt, vor das Publikum trat. Aber er sei der Richtige, um „die Brexit-Krise zu beenden“.

Auch Hunt will den Brexit am 31. Oktober durchziehen, notfalls auch ohne Deal. Doch er erwartet, der EU bei Nachverhandlungen Zugeständnisse zu entlocken. Dafür will Hunt ein Brexit-Team für die Verhandlungen mit der EU zusammenstellen, in dem verschiedene Parteien repräsentiert sind. Dadurch sei gesichert, dass ein ausgehandelter Deal auch die Zustimmung des Parlaments erhalte, und das werde auch die EU anerkennen.

„Es wird nicht einfach“, sagte er – und nutzte die Gelegenheit für einen kaum verhohlenen Seitenhieb in Richtung Johnson: „Wenn wir den Falschen nach Brüssel schicken, gibt es keine Verhandlungen, kein Vertrauen, keinen Deal – und wenn das Parlament eingreift, vielleicht auch keinen Brexit.“

Dass man mit dem nächsten Premierminister sprechen wolle, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag öffentlich erklärt – allerdings gleichzeitig betont, dass das Austrittsabkommen aus Sicht der EU „fertig verhandelt ist“.

Das schreckt Hunt jedoch nicht. Er sei Unternehmer und er könne verhandeln, betonte er. Ferner plant Hunt, die Unternehmensteuer auf 12,5 Prozent zu senken. „Ich will der Wirtschaft einen Turbostart verpassen“, sagte er, er wolle einen „wirtschaftlichen Jumbojet auf die Türschwelle Europas“ stellen. Nachfragen, ob das nicht in anderen Ländern Europas für Verstimmung sorgen dürfte, wich er aus.

Unter dem Strich konnte Hunt das Wochenende als klaren Erfolg für sich verbuchen. Er hatte in Birmingham positiv überrascht. „Jeremy Hunt wirkte sehr seriös und kompetent“, sagte der 51-jährige Mark nach der Veranstaltung.

„Aber ich fürchte, die Sache ist durch, selbst wenn Jeremy hier den einen oder anderen überzeugen konnte.“ Auch ein anderes Parteimitglied sieht weiter Boris Johnson auf dem Posten des nächsten Premierministers, „trotz allem“. Aber noch ist nichts entschieden. Schließlich stehen in den kommenden Wochen weitere 15 dieser Veranstaltungen an.

Mehr: Johnson und Hunt sind die letzten Anwärter auf den Vorsitz der Konservativen in Großbritannien. Rund 160.000 Parteimitglieder entscheiden nun bis Ende Juli per Briefwahl über die neue Parteiführung der Tories.

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