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Mehr als 50 Tote bei Anschlägen in London Scotland Yard arbeitet auf Hochtouren

Scotland Yard und der britische Geheimdienst suchen unter islamischen Extremisten nach den Verantwortlichen für die Terroranschläge in London. Bei der Anschlagsserie sind nach Polizeiangaben mehr als 50 Menschen getötet und etwa 700 verletzt worden. Unter den Verletzten sind auch vier Deutsche. Unterdessen ist der Nahverkehr in London teilweise wieder aufgenommen worden, auch die Aktienmärkte erholen sich.
Die Ermittlungen der britischen Polizei konzentrierten sich insbesondere auf die Spurensuche nach der Art des verwendeten Sprengstoffs. Foto: dpa

Die Ermittlungen der britischen Polizei konzentrierten sich insbesondere auf die Spurensuche nach der Art des verwendeten Sprengstoffs. Foto: dpa

HB LONDON. Experten von Scotland Yard untersuchten einen Tag nach den Anschlägen die Tatorte unter anderem nach Sprengstoffresten und sichteten viele hundert Stunden Filmmaterial von Überwachungskameras. „Aber das wichtigste ist, dass wir Hilfe aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bekommen“, sagte Andy Hayman von einer Sondereinheit zur Terrorbekämpfung. Der Dachverband der britischen Muslime appellierte an seine Mitglieder: „Wir alle müssen uns vereinen und der Polizei dabei helfen, diese Mörder zu fangen.“

Die Anschläge trügen die Handschrift des islamischen Terrornetzes El Kaida, bestätigte Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair. Eine heiße Spur gebe es aber noch nicht. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sagte nach einem Gespräch mit dem britischen Innenminister Charles Clarke in London, die Anschläge seien „mit teuflischer Intelligenz geplant“ worden. „Wir werden nicht vor den Terroristen in die Knie gehen, darauf können Sie sich verlassen“, fügte er hinzu.

Scotland-Yard-Chef Blair bezeichnete alle Berichte in der britischen Presse, wonach die Täter zum Beispiel aus der englischen Region Midlands stammen, als „reine Spekulation“. Die Polizei habe auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Explosion in dem Bus von einem Selbstmordattentäter ausgegangen sei. Die weniger als 4,5 Kilogramm schweren Bomben seien vermutlich auf dem Boden der U- Bahnwaggons abgestellt worden und im Bus entweder auf dem Boden oder auf einem Sitz. Sie hätten problemlos in einen Rucksack gepasst.

Auf die Frage, ob noch weitere Anschläge drohten, sagte Blair, es sei „nur zu offensichtlich“, dass in Großbritannien eine Terrorzelle aktiv sei, und deshalb könne man nichts ausschließen: „Wir müssen wachsam bleiben.“ Auch am Freitag gelang es der Polizei noch nicht, zu einem U- Bahnwaggon vorzudringen, in dem sich noch etliche Leichen befanden. Durch die Bombenexplosion war der U-Bahn-Tunnel Einsturz gefährdet. Blair sagte, die Zahl der Toten werde aber nicht auf 100 steigen.

„Wir müssen uns des Risikos eines weiteren Anschlags absolut bewusst sein“, sagte zudem der britische Innenminister Charles Clarke dem Rundfunksender BBC. „Deswegen konzentrieren wir uns ganz auf die Suche nach den Tätern.“ Für Polizei und Sicherheitskräfte habe dies oberste Priorität. Der Minister erwägt, wie er weiter ankündigte, „intensivierte Aktionen“ gegen Personen, die nach seiner Einschätzung eine Gefahr gegen die Sicherheit darstellten.

Pendler meldeten der Polizei am Morgen zahlreiche verdächtige Päckchen. Darauf wurden drei Bahnhöfe evakuiert. Foto: dpa

Pendler meldeten der Polizei am Morgen zahlreiche verdächtige Päckchen. Darauf wurden drei Bahnhöfe evakuiert. Foto: dpa

U-Bahnverkehr teilweise wieder aufgenommen

Der U-Bahnverkehr ist am Morgen teilweise wieder aufgenommen worden. Linien, die von den Anschlägen am Vortag nicht betroffen worden waren, funktionierten wieder in vollem Umfang, andere dagegen nur auf Teilstrecken. Auf einigen Strecken ruhte der Bahnverkehr völlig. Die innerstädtischen Busse und die Fernzüge rollten weitgehend nach Fahrplan. Bahnhöfe wurden gelegentlich nach Bombenalarmen wegen Untersuchung verdächtiger Päckchen vorübergehend gesperrt.

Auf den Straßen der Londoner Innenstadt herrschte ungewohnt starker Verkehr. Wegen der Unsicherheit über den U-Bahnverkehr waren doch viele Arbeitnehmer wieder mit dem Auto ins Stadtzentrum gekommen, zumal die Stadt die seit Februar 2003 geltende besondere City-Maut wie bereits am Donnerstag außer Kraft gesetzt hatte.

Erneut Bahnhöfe evakuiert

„Verdächtige Päckchen“ führten am Freitag in der Londoner Innenstadt wiederholt zu Bombenalarm. So wurden vorübergehend die U- Bahn-Station Euston Square und der Bahnhof Liverpool Street gesperrt. In jedem Fall war ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück die Ursache für den Alarm. Innenminister Clarke bestritt den Vorwurf, die Polizei habe die Terrorgefahr in letzter Zeit unterschätzt. „Wir glauben nicht, dass wir irgendetwas verpasst haben, die Anschläge kamen wirklich aus heiterem Himmel“, sagte er. „Wir haben zwar einen sehr effektiven Geheimdienst, aber diesen konkreten Anschlag zu diesem konkreten Zeitpunkt haben wir nicht vorausgesehen. Der Grund dafür ist: Wir suchen immer nach einigen wenigen sehr bösen Nadeln in einem sehr großen Heuhaufen - der Stadt London.“

Sir Ian zollte allen Londonern Respekt: „London kann so was wegstecken, das ist jetzt klar“, sagte er. Immer wieder betonte er bei einer Pressekonferenz, dass auch die muslimische Gemeinschaft in Großbritannien die Anschläge verurteilt habe und das ganze Land zusammenstehe. Der Dachverband der britischen Muslime hatte in den ersten Stunden nach den Anschlägen 30 000 E-Mails mit Hassbekundungen gegen Muslime erhalten. Die britische Regierung hatte den Dachverband am Donnerstag sofort über die Anschläge informiert, weil sie Racheaktionen befürchtete.

Aktienmärkte erholen sich vom Schock nach den Anschlägen

Die europäischen Aktienmärkte haben sich zum Wochenschluss von ihren Kurseinbrüchen nach den Bombenschlägen in London am Vortag etwas erholt. Gleichzeitig büßten die in Krisenzeiten als sichere Geldanlage geltenden europäischen Staatsanleihen ihre Gewinne wieder ein.

„Es tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, und die Einschätzung setzt sich durch, dass sich die unmittelbaren ökonomischen Auswirkungen in Grenzen halten werden. Der Markt versucht, zur Tagesordnung zurückzukehren“, sagte Markus Reinwand, Marktstratege bei Helaba Trust. David Buik, Händler von Cantor Index in London, sagte, sobald man das Ausmaß eines solchen Ereignisses einschätzen könnte, könnte man eher damit umgehen. „Die Anleger können mit guten und schlechten Nachrichten umgehen, aber sie können nicht gut mit Unsicherheit umgehen“, ergänzte er.

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