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Michael Cohen Aussage im Kongress: Ex-Anwalt Cohen übt acht Stunden Rache an Trump

Als Anwalt löste er Trumps Krisen, jetzt wirft Michael Cohen dem US-Präsidenten Täuschung und Betrug vor. Seine Aussagen werden Folgen haben.
Update: 28.02.2019 - 04:38 Uhr Kommentieren

„Trump ist ein Rassist, Schwindler und Betrüger“

WashingtonAm Ende eines langen Tages wischt sich Michael Cohen Tränen aus den Augenwinkeln. Sein Auftritt war anstrengend, der Sauerstoff im Anhörungssaal ist knapp, die Reserven für Selbstkontrolle sind aufgebraucht. Cohen, langjähriger Anwalt von Donald Trump, hat stundenlang Fragen der Kongressabgeordneten beantwortet, Zwischenrufer ignoriert, regungslos in Kameras geschaut. Doch zum Abschluss geht es um Cohens Gefängnisstrafe, die er im Mai antreten wird. Cohen verliert die Fassung, er weint. Er weiß, es ist vorbei. Nicht nur sein vorerst letztes Gefecht in der Öffentlichkeit, sondern auch sein altes Leben.

„Ich würde mich für Donald Trump erschießen lassen”, meinte Cohen vor einigen Jahren einmal. Inzwischen sagt er: „Donald Trump ist ein Betrüger. Ein Bauernfänger. Ein Rassist.“ Wäre sein einstiger Chef nicht der US-Präsident, wären Cohens Erzählungen nur die tragische Geschichte einer zerbrochenen beruflichen Beziehung.

Doch Cohens Zeugenaussage vor knapp 40 Abgeordneten zeichnete das beängstigende Bild eines Geschäftsmanns ohne Skrupel. Auch als Präsident soll Trump ein Gerüst der Lügen errichtet haben, so Cohen. Trump werde zunehmend „ein Autokrat“, das sei er früher schon gewesen. „Jeden Tag erschienen wir zur Arbeit und wussten, dass wir für ihn lügen sollen. Genau das passiert jetzt in der US-Regierung.“

Cohen sagte, er schäme sich, „weil ich weiß, was Trump verkörpert“. So habe sein langjähriger Weggefährte Länder mit schwarzer Bevölkerung als „Scheißlöcher“ („shithole countries“) bezeichnet. Als Gerücht kursiert dieser Vorwurf schon länger, Cohen bekräftigte es. „Das Schlechte überwiegt in ihm“, fuhr Cohen fort, „und seit seinem Amtsantritt ist Trump die schlechteste Version von sich selbst geworden.“

Zahlreiche Enthüllungsbücher sind über Trump erschienen, doch kaum ein Mann kennt den Präsidenten so gut wie Cohen. Der 52-Jährige arbeitete von 2007 bis 2017 für Trump, zunächst für seine Firma, später als persönlicher Anwalt.

Wie oft er in dessen Auftrag jemandem gedroht habe, wurde Cohen im Kongress gefragt. „Sehr oft“. „50 Mal?“ „Mehr.“ „100 Mal?“ „Mehr.“ „200 Mal?“ „Mehr.“ 500 Mal? „So in etwa.“ Einschüchterung sei an der Tagesordnung gewesen. Mal als Druckmittel im geschäftlichen Kontext, mal für die öffentliche Imagepflege. So habe Cohen etwa anwaltliche Schreiben an Schulen und Universitäten geschickt, um zu verhindern, dass Trumps Noten publik werden.

„Das ist historisch“

Es war Cohens letzter großer Auftritt, bevor er sich ins Gefängnis verabschiedet – verurteilt für Verbrechen, die er in seiner Zeit als Trumps Anwalt beging.

Cohen schien nichts mehr zu verlieren zu haben. Er verlas seine Auftaktstellungnahme langsam und konzentriert, seine Stirn in Falten gelegt. An einem glänzend lackierten Konferenztisch schaute er in Dutzende Gesichter von Abgeordneten. Umringt war er von Fotografen, die wild zu knipsen begannen, sobald Cohen einen Schluck aus den Plastikwasserflaschen nahm oder sich Notizen auf losen DIN-A-4-Blättern machte.

Besucher warten in Scharen vor dem Saal, die meisten von ihnen ohne Chance, einen Platz zu ergattern. „Menschen haben mir Lebensläufe in die Hand gedrückt, um reinzukommen”, sagte eine Türsteherin genervt. „Das ist historisch“, meinte eine Besucherin, die mit Thermoskanne bewaffnet seit dem frühen Morgen anstand.

Und tatsächlich war dieser Auftritt historisch. Denn noch nie gab es einen Präsidenten mit einem Vorleben wie Trump, der als Immobilienmagnat Schweigegelder an mutmaßliche Affären veranlasste, und – glaubt man Cohen – systematisch sein Vermögen frisierte, um an Darlehen und Versicherungen zu kommen.

Faktenverdrehungen sind in seiner Präsidentschaft zur Genüge dokumentiert, auch die Nähe zu Nationalisten wird Trump vorgeworfen. Cohen verwob die vielen Zweifel an Trumps Integrität nun zu einem Geflecht der Abgründe. Vieles, was Cohen in den acht Stunden Anhörung erzählte, war unschön und schmutzig, aber nicht strafbar. Andere Details wiederum könnten für laufende Ermittlungen noch relevant werden.

Trump soll Deutsche Bank getäuscht haben

Strafverfolgungsbehörden zeigen anhaltendes Interesse an Trump und seinem Umfeld. Bundesstaatsanwälte in New York haben Dokumente im Zusammenhang mit der Wahlkampagne Trumps angefordert. Unter anderem wegen Ungereimtheiten im Wahlkampf war Cohen im Dezember verurteilt worden.

Unbestritten ist, dass Trump 130.000 Dollar Schweigegeld an die Pornodarstellerin Stephanie Clifford, bekannt als Stormy Daniels, zahlen ließ. Cohen wickelte diese Zahlungen ab. Trump bestreitet, dass eine sexuelle Beziehung stattgefunden habe, doch Cliffords Aussagen über die mutmaßliche Affäre sollten ihm nicht den Wahlkampf verhageln.

Die Zahlungen wurden im unmittelbaren Zusammenhang mit der Kampagne getätigt, sollten Trump vor einem Imageschaden schützen und wurden obendrein nicht deklariert. Das Gericht in New York kam deshalb zu dem Schluss, die Gelder seien als illegale Wahlkampfspende zu werten. Cohen behauptete am Mittwoch erstmals öffentlich, er sei von Trump für die Schweigegelder entschädigt worden, als dieser bereits im Weißen Haus saß. Einen entsprechenden Scheck präsentierte Cohen im Anhörungssaal. Auch Allen Weisselberg, CFO der Trump-Immobiliengruppe, sei involviert gewesen.
Stimmen die Anschuldigungen, wäre Trump stärker und direkt in die umstrittenen Schweigegeldzahlungen involviert. Trump könnte damit ins Visier der Ermittler geraten, selbst wenn er als Präsident strafrechtliche Immunität genießt.

Ein weiterer Fallstrick könnte Trumps womöglich zwielichtiger Umgang mit Steuern und Darlehen sein. Cohen warf Trump in der Anhörung indirekt Steuerbetrug vor. Der damalige Immobilienmagnat habe sein Vermögen in der Außendarstellung und in geschäftlichen Korrespondenzen je nach Interessenlage „aufgebläht oder heruntergespielt“.

Cohen ließ im Kongress sogenannte „financial statements“, also Finanzberichte, von Trump aus den Jahren 2011 bis 2013 verteilen. Die Listen zeigen eine Übersicht der damaligen Vermögenswerte, die Cohen für seinen Chef erstellte. Eine Tabelle beschreibt ein Nettovermögen von 8,6 Milliarden Dollar. „Ich bin mir sicher, dass diese Zahlen weit überzogen waren“, sagte Cohen im Kongress.

Laut Cohen wurden die Listen auch an die Deutsche Bank geschickt, um ein Darlehen zu bekommen. Trump habe Kniffe angewandt, um etwa den Wert und die Flächen seiner Immobilien künstlich zu erhöhen. Das Darlehen der Deutschen Bank nutzte Trump 2014 laut Cohen erfolglos, um sich auf den Kauf des Football-Teams Buffalo Bills zu bewerben.

Die Listen gingen nach Aussage Cohens auch an das „Forbes“-Magazin, um Trumps Reichtum zu illustrieren. Trump habe bei anderen Gelegenheiten sein Vermögen weit niedriger bemessen, um Immobiliensteuern zu sparen, sagte Cohen im Kongress. „Es kam immer auf die Situation an.“

Auf Nachfrage der demokratischen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez räumte Cohen ein, dass Trump auch im Zusammenhang mit Versicherungen falsche Vermögenswerte vorgetäuscht haben soll. An dieser Stelle der Anhörung wurde klar, dass die Demokraten Trump mit dem Thema Steuern in Zukunft vor sich hertreiben wollen. Weil sie seit Jahresbeginn die Mehrheit in einer von zwei Kammern im Kongress haben, könnten sie Trump zur Vorlage seiner Steuererklärungen zwingen.

Hatten die angeblichen Steuertricks mehr zu bedeuten, steckte dahinter Betrug? Das ging aus Cohens Aussage nicht hervor. Doch für Trump, der sich als Interessenvertreter der Steuerzahler inszeniert, könnte sich hartnäckiges Bohren in seinen eigenen steuerlichen Angelegenheiten noch als problematisch erweisen.

Trump-Familie teilt gegen Cohen aus

Auch in der Russland-Affäre belastete Cohen seinen früheren Partner. „Trump geht es immer ums Gewinnen“, sagte er im Kongress. „Dafür würde er mit jedem zusammenarbeiten.“ Auf die Frage, ob Trump „das Potenzial hätte, mit einer ausländischen Macht zusammenzuarbeiten, um die Präsidentschaftswahl zu gewinnen“, antwortete Cohen: „Ja.“

Er legte zudem nahe, Trump sei über ein umstrittenes Treffen mit russischen Vertretern im Trump Tower, das mitten in der Wahlkampagne stattfand, informiert gewesen. Der Präsident streitet die Kenntnis darüber ab. Die Informationen dürfte Cohen FBI-Sonderermittler Robert Mueller weitergegeben haben, der die Manipulation der Präsidentschaftswahl durch russische Hacker untersucht und dem Verdacht nachgeht, die Trump-Kampagne habe mit dem Kreml kooperiert. Ein Abschlussbericht Muellers wird noch im Frühjahr erwartet.

Neben aller Glaubwürdigkeit, die Cohen durch seine frühere Nähe zu Trump genießen mag, sind seine Aussagen trotzdem mit Vorsicht zu genießen. Schon einmal belog er den Kongress, im Zusammenhang mit einem Trump-Bauprojekt in Moskau. Und er blieb immerhin ein Jahrzehnt an Trumps Seite, trug fragwürdige Praktiken mit und verteidigte Trump.

Nun wollte er alles dafür tun, das Bild vom gestürzten Staranwalt zu korrigieren. „Ich bin die Person, die man nachts um drei anruft, wenn man Hilfe braucht“, sagte er. Seine Integrität habe er von seinem Vater gelernt, der den Holocaust überlebte. Fasziniert sei er von Trump gewesen, berauscht. „Wenn man in seiner Gegenwart war, hatte man das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.“

Eine plausible Erklärung, warum er nicht früher mit Trump brach, lieferte Cohen allerdings nicht – was seine Gegner voll auskosteten. Die Republikaner stellten im Anhörungssaal eine Zeichnung von Cohen auf, die ihn als Lügner darstellte („Liar, liar, pants on fire“). Der US-Präsident twitterte aus Vietnam: „Er lügt, um seine Gefängniszeit zu verkürzen.“

Und während Trump in Hanoi nächtigte, um sich mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un zu treffen, feuerte seine Familie eine Twitter-Salve nach der nächsten ab. Trumps Sohn Donald junior schrieb: „Cohen hat unter Eid gelogen, als er behauptete, er habe nie in die Regierung gewollt.“ Ronna McDaniel, Chefin der republikanischen Parteizentrale, bezeichnete die Anhörung als „Zirkus voller Lügen“.

Cohen wies die Kritik an seiner Person im Kongress von sich. Er wolle nur sein altes Leben zurück, sagte er. Doch selbst die Zeit nach dem Gefängnis könnte von Trump gezeichnet sein: Cohen schloss nicht aus, dass er Angebote für Buchverträge und Verfilmungen annehmen werde.

Mehr: Michael Cohen erklärte vor dem Kongress, dass Trump Finanzberichte frisiert habe, um an ein Darlehen der Deutschen Bank zu kommen.

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