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Flüchtlinge in Kokkinotrimithia

Im Schnitt kommen zurzeit täglich 30 neue Migranten nach Zypern.

(Foto: AFP/Getty Images)

Migration Neuer Fluchtpunkt für Migranten: Zypern ruft um Hilfe

Schleuser bringen immer mehr Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten in den zur EU gehörenden Süden der geteilten Insel Zypern. Doch dort sitzen die Menschen in der Falle.
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Athen Sie kamen gegen vier Uhr in der Früh: 21 Migranten aus Afrika, unter ihnen ein Minderjähriger und eine hochschwangere Frau. Eine zyprische Polizeistreife stellte die irregulären Einwanderer vor einigen Tagen auf dem Gelände einer aufgegebenen Futtermittelfabrik an der Demarkationslinie, die quer durch die Mittelmeerinsel und ihre Hauptstadt Nikosia verläuft. Sie trennt den türkisch besetzten Inselnorden, die nur von Ankara als Staat akzeptierte „Türkische Republik Nordzypern“, von der international anerkannten Republik Zypern, die seit 2004 der Europäischen Union angehört.

Rund 100 Kilometer sind es von der Küste Syriens bis nach Zypern. Die Insel ist das erste europäische Land, wenn man von dort in See sticht. 30 Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsmigranten kommen täglich im Schnitt. Aber die wenigsten Personen, die Zypern erreichen, kommen übers Meer. Sie reisen aus der Türkei in den türkisch kontrollierten Nordteil der Insel und überqueren dann im Schutz der Dunkelheit die Demarkationslinie in den Süden. „Das ist inzwischen an der Tagesordnung“, sagte der zyprische Polizeisprecher Christis Andreou der Zeitung „Phileleftheros“.

Die Aufnahmelager auf den griechischen Ägäisinseln sind heillos überfüllt. Die Neuankömmlinge warten dort mitunter Jahre auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge. Deshalb suchen die Menschenschmuggler neue Routen, auf denen sie Migranten in die EU bringen können. Der weg über Zypern wird zunehmend genutzt. Kamen im griechischen Inselsüden 2016 noch 2936 Geflüchtete an, waren es im Jahr darauf bereits 4582. 2018 stieg die Zahl auf 7761. In diesem Jahr registrierten die Behörden bis Mitte Oktober bereits 8692. „Aktuell greifen wir rund 1000 Migranten pro Monat auf“, sagt Polizeisprecher Andreou.

Entweder kommen die Menschen mit dem Flugzeug aus Istanbul zum nordzyprischen Flughafen Ercan, oder per Fähre aus Mersin an der türkischen Südküste. Hindernisse gibt es nicht. Die türkischen Behörden sind froh über jeden irregulären Migranten, der das Land wieder verlässt. Zumal sie ja nicht im türkisch kontrollierten Norden Zyperns bleiben, sondern in den Süden wollen.

Bis zu 5000 Euro kassieren die Schleuser für die Reise. Einmal auf Zypern angekommen, lotsen sie die Migranten über die Demarkationslinie. Sie ist nur an wenigen Abschnitten bewacht. Die hier, in der Pufferzone zwischen beiden Teilen Zyperns seit 1974 stationierten Blauhelmsoldaten der Uno-Friedenstruppe sollen Kampfhandlungen zwischen Griechen und Türken verhindern. Für irreguläre Migranten interessieren sie sich nicht.

Auch die Zyperngriechen sichern diese Linie nicht – aus politischen Gründen. Für sie ist es gar keine Grenze. Schließlich gehört auch der Inselnorden völkerrechtlich zum Staatsgebiet Zyperns, auch wenn er von der türkischen Besatzungsmacht kontrolliert wird. Die Demarkationslinie mit Zäunen und Patrouillen abzuriegeln, widerspräche dem Anspruch auf eine staatliche Einheit Zyperns. Nur an den Checkpoints genannten Übergängen kontrolliert die zyprische Polizei stichprobenartig, wer aus dem Inselnorden kommt.

Mehr als 15.000 Gesuche warten auf Bearbeitung

Nirgendwo ist eine Außengrenze der EU so durchlässig wie die „Green Line“ genannte Demarkationslinie auf Zypern. Deshalb gehört die Republik auch nicht zum Schengen-Raum. Und damit beginnen die Probleme für die Migranten. Viele wissen gar nicht, dass Zypern geteilt ist – und dass sie vom türkischen Norden erst in den griechischen Süden gelangen müssen, bevor sie Fuß auf EU-Gebiet setzen. Ebenso wenig ist ihnen bewusst, dass sie in der Falle sitzen.

Die Neuankömmlinge haben deshalb so gut wie keine Chancen, von Zypern in andere EU-Staaten weiterzureisen. Die Insel ist nur auf dem Luftweg mit der EU verbunden, Fährverbindungen gibt es nicht. Und die Ausweiskontrollen am Flughafen von Larnaca sind streng. Inzwischen leben in der Inselrepublik, die 850.000 Einwohner hat, mehr als 20.000 Migranten und Flüchtlinge. Jeden Tag kommen im Schnitt 30 hinzu.

Die Aufnahmelager sind überfüllt, viele Schutzsuchende obdachlos. Die Entscheidung über einen Asylantrag kann nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR drei bis fünf Jahre dauern. Mehr als 15.000 Gesuche warten auf Bearbeitung.

Nur ein Viertel der neu Ankommenden sind Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Die große Mehrheit sind junge Männer aus Kamerun, Nigeria, Afghanistan und Pakistan. Zyperns Innenminister Konstantinos Petridis glaubt an „organisierte Netzwerke“. Er wirft der Türkei und den Behörden im türkisch besetzten Inselnorden vor, dass sie den Menschenschmuggel „dulden oder sogar begünstigen“. Anders als Griechenland kann Zypern irreguläre Migranten nicht in die Türkei zurückschicken. Denn die erkennt den EU-Staat Zypern völkerrechtlich gar nicht an.

Innenminister Petridis ruft nach Hilfe der EU. Die Möglichkeiten zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge und Migranten seien „mehr als erschöpft“, schrieb der Minister im Sommer in einem Brandbrief an Brüssel. „Wir riskieren, denjenigen, die wirklich Schutz brauchen, nicht helfen zu können“, warnte Petridis und bat die EU-Staaten, 5000 Schutzsuchende aus Zypern zu übernehmen. Darauf hoffen auch die Migranten, denn das wäre der einzige Weg, aus der Falle Zypern zu entkommen.

Die EU-Kommission teilte zwar mit, sie verfolge die Entwicklung auf Zypern „sehr genau“ und stehe bereit, „die Unterstützung weiter zu erhöhen, falls nötig“. Aber auf die von Innenminister Petridis geforderte Übernahme von Migranten ist Brüssel bisher nicht eingegangen. Täte sie es, würde der Migrationsdruck auf Zypern wohl weiter wachsen.

Mehr: Die griechische Regierung will härter gegen Asylbewerber vorgehen und schränkt das Asylrecht ein.

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