Migrationspolitik Kanadas Botschafter Dion fordert von Deutschland mehr Zuversicht bei der Einwanderung

Dion spricht im Handelsblatt-Wirtschaftsclub über Einwanderungspolitik. Auch sieht er trotz der politischen Spannungen „kein Ersatz für Amerika“.
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Der kanadische Botschafter rät Deutschland bei der Einwanderungsdebatte zu mehr Gelassenheit. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Stéphane Dion und Handelsblatt-Redakteur Torsten Riecke

Der kanadische Botschafter rät Deutschland bei der Einwanderungsdebatte zu mehr Gelassenheit.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

BerlinStéphane Dion ist ein Diplomat alter Schule. Bevor der 62-Jährige im Juni vergangenen Jahres als Botschafter Kanadas nach Deutschland kam, war er Außenminister seines Landes. Neben seiner Rolle in Berlin ist Dion auch noch Sondergesandter für die Europäische Union.

„Unser Premierminister Justin Trudeau ist der Meinung, dass Kanada seine Beziehungen zu anderen Regionen der Welt stärken muss. Zwar bleiben die USA unser Nachbar, aber die Beziehungen sind nicht mehr so wie früher“, erklärt Dion seine Doppelrolle auf der Veranstaltung „Meet the Ambassador“ des Handelsblatt Wirtschaftsclubs in der kanadischen Botschaft in Berlin.

Das darf man als diplomatische Untertreibung auffassen. Nach dem von US-Präsident Donald Trump verursachten Debakel auf dem Gipfeltreffen der sieben großen Wirtschaftsnationen (G7) Anfang Juni in Quebec ist das Verhältnis zwischen den Regierungen in Washington und Ottawa auf eine Temperatur abgekühlt, die man sonst aus dem kanadischen Winter kennt. Zur Erinnerung: Trump beschimpfte Trudeau noch während seiner Weiterreise per Twitter als „schwach und unehrlich“, nachdem der Kanadier öffentlich die US-Strafzölle auf Stahl- und Aluminium aus Kanada kritisiert hatte.

„Wie soll unser Premierminister auf die Strafzölle reagieren?“, fragt Dion. „Für viele Kanadier ist es beleidigend, wenn die US-Regierung in den Importen aus Kanada eine Gefahr für die nationale Sicherheit sieht.“ In Europa werde man das vermutlich ähnlich empfinden. Der Botschafter erinnert daran, dass Kanadier in vielen Kriegen Schulter an Schulter mit den Amerikanern gekämpft haben.

Dion: G 7 wird weiterhin gebraucht

Der Eklat dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, so Dion weiter, dass die G7 als Klub der sieben großen demokratischen Wirtschaftsnationen weiterhin gebraucht wird. „Kanada ist vermutlich das europäischste Land außerhalb der EU“, sagt Dion und verweist auf die gemeinsamen Werte. Die USA sollten davon nicht ausgeschlossen werden. „Wir brauchen Amerika, es gibt keinen Ersatz für die USA als globale Führungsmacht“, warnt der Kanadier. Amerika sei außerdem mehr als die aktuelle Regierung.

Kanada werde jedenfalls weiter versuchen, die Trump-Administration vom Nutzen multilateraler Verträge zu überzeugen. Nicht zuletzt auch deshalb, um das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta mit den USA und Mexiko zu retten. Um das Abkommen wird seit Monaten hart gerungen. Trump hat gar mit einem Abbruch der Verhandlungen gedroht.

Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte die Wirtschaftsleistung Kanadas um bis zu 0,4 Prozent in den kommenden fünf Jahren zurückgehen, sollte die Freihandelszone zusammenbrechen. Die USA sind Kanadas wichtigster Handelspartner. Rund drei Viertel aller Exporte gehen über die Grenze zum großen Nachbarn. Umso härter treffen die Strafzölle auf Stahl und Aluminium das Land.

„Europa und Kanada müssen Zölle abbauen, sonst ergreifen wir härtere Maßnahmen“

Gemeinsamkeiten gibt es auch mit Deutschland. Dazu gehört, dass beide Länder zu den Nachzüglern innerhalb der Nato gehören, wenn es darum geht, zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die eigene Verteidigung auszugeben. Deutschland bringt es gerade mal auf 1,2 Prozent, Kanada ist mit 1,3 Prozent kaum weiter. „Wir wollen mehr in unser Militär investieren“, sagt Dion, „aber wir können das Zwei-Prozent-Ziel nicht über Nacht erreichen.“

Die Nato solle aber nicht nur auf das Geld schauen, sagt der Diplomat. „Die EU allein investiert heute bereits viermal mehr in das Militär als Russland“, rechnet der Botschafter vor. „Müssen wir wirklich sechs- oder siebenmal mehr investieren, um uns sicher zu fühlen?“ Außerdem müsse die Nato effektiver werden, zum Beispiel indem die Mitgliedsländer bei der militärischen Beschaffung mehr miteinander kooperierten. Kanada sei dazu bereit.

Vorbild bei Einwanderung

Mit Blick auf die hitzige Einwanderungsdebatte in Deutschland rät Dion zu mehr Gelassenheit. Nicht nur Deutschland, viele Länder müssten heute mit der wachsenden Diversität ihrer Bevölkerung leben lernen. „Aus den Erfahrungen Kanadas kann ich sagen, dass Diversität funktioniert“, betont der Botschafter und verweist auf multikulturelle kanadische Großstädte wie Vancouver oder Toronto. Die Diversität in den Städten sei eine Bereicherung.

Das funktioniere aber nur deshalb so gut, weil Kanada sich bei der Integration der Neuankömmlinge sehr viel Mühe gebe. Bei der ersten Generation sei der Kontakt zu den eigenen Landsleuten noch sehr wichtig. Doch die Einwanderer aus der zweiten und dritten Generation würden schnell integriert, auch weil sie früh die Sprache lernten und ins Arbeitsleben integriert würden.

Allerdings habe Kanada im Vergleich zu Deutschland den Vorteil, von zwei Ozeanen und den USA als reichstem Land der Welt umringt zu sein. „Es ist also nicht so einfach, nach Kanada zu kommen.“ Die Einwanderungszahlen seien deshalb deutlich geringer als in den vergangenen Jahren in Deutschland. 2016 durften sich knapp 300.000 Ausländer in Kanada niederlassen, bei einer Gesamtbevölkerung von 37 Millionen.

„Jedes Land muss seine Einwanderung kontrollieren“, sagt Dion. Es sei fatal, wenn die eigene Bevölkerung den Eindruck bekomme, die Lage gerate außer Kontrolle. „Es wird dann viel schwerer, die eigenen Bürger zur Aufnahme und Integration der Einwanderer zu bewegen.“

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