Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Miguel Díaz-Canel Kubaner verlieren Furcht vor dem Repressionsapparat des Regimes – und bringen den Präsidenten in Bedrängnis

Demonstrationen drängen die kommunistische Regierung in Kuba in die Enge. Sie fordern „Freiheit“ und „Veränderung“. Eine erste Bewährungsprobe für Präsident Miguel Díaz-Canel.
13.07.2021 - 08:57 Uhr Kommentieren
Die Polizei nimmt einen regierungskritischen Demonstranten in Gewahrsam. Quelle: AP
Proteste

Die Polizei nimmt einen regierungskritischen Demonstranten in Gewahrsam.

(Foto: AP)

Mexiko-Stadt Wenn sich in Kuba der Präsident unter das Volk mischt, dann muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Miguel Díaz-Canel, Staats- und Parteichef der kommunistisch regierten Insel, ging am Sonntagnachmittag kräftigen Schrittes durch die kleine Ortschaft San Antonio de los Baños, 33 Kilometer südwestlich von Havanna. Blaues Hemd, Jeans, Mundschutz und begleitet von Vertretern der Kommunistischen Partei – so stellte er sich dem Ärger der Menschen.

Ein paar Stunden zuvor hatte sich in dem kleinen Ort etwas ereignet, das in Kuba praktisch unbekannt war: Es gab wütende Proteste der Bewohner, die sich wegen der schlechten Wirtschaftslage und der Corona-Pandemie sorgen.

Doch die Menschen forderten nicht nur eine Verbesserung ihrer Lebenssituation, sondern auch einen Paradigmenwechsel: „Freiheit!“ und „Nieder mit der Diktatur!“, war während der Proteste zu hören.

Ein Anwohner sagte: „Das hier ist für die Befreiung des Volkes, wir ertragen das nicht mehr. Wir haben keine Angst und wollen Veränderung.“ Anscheinend haben die Menschen die jahrzehntelange Furcht vor dem Repressionsapparat des Regimes verloren. Die Proteste könnten der Auftakt zu einer Umsturzbewegung sein.

Díaz-Canel erkannte die Dramatik der Lage und reiste daher umgehend in den Ort. „Wir werden die wirtschaftlichen Probleme, die durch das US-Embargo ausgelöst wurden, und auch die Verschärfung der Pandemie besiegen“, versprach der Präsident.

Der 61-Jährige ist seit drei Monaten der alleinige Führer des kommunistischen Eilandes. Quelle: imago/Xinhua
Miguel Díaz-Canel

Der 61-Jährige ist seit drei Monaten der alleinige Führer des kommunistischen Eilandes.

(Foto: imago/Xinhua)

Ob das reicht, um die Wut der Menschen zu mildern, darf bezweifelt werden. Der 61-Jährige ist seit drei Monaten der alleinige Führer des kommunistischen Eilandes – er ist seit drei Jahren Staatschef und seit drei Monaten Parteichef. Beide Ämter hat er von seinem Vorgänger Raúl Castro übernommen.

Und er hätte sich kaum träumen lassen, dass er so schnell vor Herausforderungen gestellt wird, die den Fortbestand des Systems und der Regierung infrage stellen können. Auch wenn Díaz-Canel die Polizei gegen die Demonstranten in Marsch setzte, so ist doch offensichtlich, dass er nicht so repressiv agieren will wie seine Vorgänger.

Die Proteste von San Antonio de los Baños wurden von Kubanern live im Netz übertragen und dehnten sich dann über die gesamte Insel aus. Nicht nur nach Havanna selbst, wo es sogar auf der berühmten Uferpromenade Malecón zu Protesten kam, sondern auch in kleinere Ortschaften im Zentrum und Osten des Landes.

Bilder verbreiteten sich in Echtzeit in der ganzen Welt

Durch den mittlerweile verbreiteten Zugang zum Internet sehen die Menschen, was andernorts passiert. Zudem können die Behörden nicht mehr so tun, als sei auf Kuba alles ruhig. Die Bilder und Videos von den Protesten verbreiteten sich am Sonntag nahezu in Echtzeit in der ganzen Welt.

So tragen zu den jetzigen Demonstrationen vier Faktoren entscheidend bei. Etwa die Corona-Lage und der nahezu wirtschaftliche Kollaps mit einer dramatischen Preissteigerung bei gleichzeitiger Verknappung wichtiger Waren wie Medikamente und Nahrungsmittel.

Gegner und Unterstützer der Regierung treffen bei den Protesten aufeinander. Quelle: Reuters
Havanna

Gegner und Unterstützer der Regierung treffen bei den Protesten aufeinander.

(Foto: Reuters)

Auch der völlige Rückzug der Castros von der politischen Bühne könnte die Menschen dazu animieren, mehr Rechte und mehr Demokratie einzufordern. Auf dem Parteitag vor drei Monaten zog sich mit Raúl Castro der letzte Vertreter der Revolutionsgeneration von 1959 aus dem aktiven politischen Leben zurück.

Der wichtigste Punkt ist aber wohl die verspätete und zugleich überhastete Öffnung des Landes. Mit einem Vorlauf von nur wenigen Wochen hatte die Regierung zu Jahresbeginn die Doppelwährung abgeschafft und nach einem Vierteljahrhundert den konvertiblen, an den Dollar gekoppelten Peso CUC vom Markt genommen.

Die Währungsreform stellt den umfassendsten Umbau der sozialistischen Wirtschaft seit der Revolution dar. Die meisten der unren‧tablen Staatsbetriebe, bei denen 70 Prozent der arbeitenden Kubaner angestellt sind, werden verschwinden, zudem werden Subventionen und Lebensmittelrationen perspektivisch abgeschafft.

Polizeieinsatz in den Straßen von Havanna. Quelle: Reuters
In der Hauptstadt

Polizeieinsatz in den Straßen von Havanna.

(Foto: Reuters)

Aber die Reform hat zu einem Preisschock, zu Hamsterkäufen und der Rationierung bestimmter Lebensmittel geführt, was für wachsenden Unmut in der Bevölkerung sorgt. Besser dran ist, wer Dollar hat.

Die Währung des Klassenfeindes hilft, in den staatlichen Devisenläden einzukaufen. „Die Währungsreform war alternativlos, kam aber zu spät und zu abrupt und hat für die Bevölkerung dramatische Folgen“, sagt Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali. Es gehe darum, Kuba in die Moderne zu führen, sich endlich zur Marktwirtschaft zu bekennen und die vor Jahren eingeleiteten Reformen nicht mehr nur halbherzig, sondern entschieden und schneller voranzutreiben als bisher.

Mehr: Mit dem Rückzug von Rául Castro aus der Politik muss eine neue Führungsgeneration nun nach Lösungen für die Zukunft suchen.

Startseite
Mehr zu: Miguel Díaz-Canel - Kubaner verlieren Furcht vor dem Repressionsapparat des Regimes – und bringen den Präsidenten in Bedrängnis
0 Kommentare zu "Miguel Díaz-Canel: Kubaner verlieren Furcht vor dem Repressionsapparat des Regimes – und bringen den Präsidenten in Bedrängnis "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%