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Mittelständler wagen den Sprung Russland lockt mit großem Markt

Die Meinungen über Investitionen in Russland schwanken von „bester Investitionsstandort der Welt“ bis „nie wieder“ – je nach Erfahrung in dem Riesenreich. Während zahlreiche Unternehmen inzwischen den Sprung nach Osten wagen und einige sogar ihre vor der EU-Aufnahme der osteuropäischen Reformstaaten dort aufgebauten Betriebe weiter ostwärts verlagern, suchen andere Anleger den Absprung.

MOSKAU. Die Kapitalflucht ist in Folge der Verfahren gegen den Ölkonzern Yukos, den Mobilfunker Vimpel-Com und andere wieder dramatisch gestiegen. Fondsmanager ziehen ihr Geld aus Russland ab. Das Land ist zu einem komplizierten Dschungel geworden – mit gewaltigen Chancen auf einem fast 150 Millionen Kunden zählenden Markt, aber auch enormen Risiken.

„Jetzt ist eine gute Zeit, in Russland zu investieren“, stellte der Chef des weltgrößten Industriekonzerns General Electrics, Jeffrey Immelt, bei seiner Russland-Visite Mitte vorigen Jahres fest. Tatsächlich haben auch gerade deutsche Mittelständler im abgelaufenen Jahr den Sprung nach Russland gewagt. Oliver Wieck, Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, verspürt „extrem starkes Interesse“ an Russland-Engagements. Jährlich würden deutsche Unternehmen dort 2,5 Mrd. Euro investieren, was aber gemessen am Potenzial „noch wenig“ sei. Josef Marous, Repräsentanzleiter von Thyssen-Krupp in Moskau, fasst die Lage für die 2250 deutschen Firmen in Russland aber inzwischen so zusammen: „Früher haben wir Optimismus ohne die entsprechenden Ergebnisse verbreitet. Jetzt aber geht es richtig los.“

So hat die deutsche Stada Arzneimittel AG gerade für 80,5 Mill. Euro die Mehrheit am Salbenhersteller Nizhfarm in Nischnij Nowgorod übernommen. Und die Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte hat einen Standort bei St.Petersburg ausfindig gemacht. Airbus lässt Teile für seine Flugzeuge inzwischen in Sibirien fertigen. Der Vorsitzende des Ostausschusses, Klaus Mangold, warnt bereits deutsche Unternehmen, sich zügiger für den Gang nach Russland zu entscheiden, um nicht von konkurrierenden Firmen aus dem Ausland abgehängt zu werden.

Mit welchen Widrigkeiten sie zu kämpfen haben, berichten Investoren hinter vorgehaltener Hand. Nur hohe Gewinnmargen bei der Herstellung von Milchprodukten und Säften oder im Handel entschädigten für die „Zusatzkosten“ bei Zoll und Verwaltung. So musste das Möbelhaus Ikea kurz vor der Eröffnung noch eine Mill. Dollar für eine örtliche Sportschule „spenden“.

Einige deutsche Investoren wie Volkswagen und Daimler-Chrysler haben ihre Russland-Projekte vorerst wieder auf Eis gelegt. Der Siemens-Konzern wartet noch immer auf den Zuschlag des russischen Kartellamts zur Mehrheitsübernahme des russischen Turbinenbauers Silowyje Maschiny. Die Linde AG darf wegen des Drucks des Erdgasriesen Gazprom keine Milliarden-Raffinerie an den russischen Konkurrenten Novatek liefern. Der Reifenhersteller Continental bricht wegen hausgemachter Probleme sein Moskau-Engagement ab, mit Abschreibungen in zweifacher Millionen-Höhe.

Zu unzureichender Erkundung der russischen Regionen, fehlender Überprüfung der Joint-Venture-Partner oder schlicht katastrophaler Kontrolle kommen landestypische Probleme: So soll dem österreichischen Baumaterialien-Hersteller Wolf Systembau GmbH mittels gefälschter Papiere das russische Gemeinschaftsunternehmen entzogen werden. Jetzt müssen Gerichte bemüht werden. „Ein Problem, das in Russland oft vorkommt, aber jetzt erstmals mit ausländischen Partnern“, umreißt der zuständige Anwalt in Moskau, Björn Paulsen, von der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz den Fall. Es sei „ein russisches Problem“ aufgetaucht, „das sich aber auf gerichtlichem Wege inzwischen zurückdrehen lässt“.

Allerdings hat der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, zur Vorsicht bei Investitionen gemahnt: „Die Rechts- und Investitionssicherheit ist derzeit und sicher auch im nächsten Jahr eher in Gefahr“, warnte er vor dem Hintergrund der faktischen Teilenteignung des Ölkonzerns Yukos. Selbst notorische Russland-Liebhaber wie Mark Mobius von der Fondsgesellschaft Templeton werden inzwischen zurückhaltender: „Ich bin weiter in Bullen-Stimmung für den russischen Markt, aber inzwischen vorsichtiger“, sagt der mächtige Fondsmanager. „Die russischen Steuerbeamten sind außer Kontrolle geraten“, sagt er in Hinblick auf immer neue und rückwirkende Steuernachforderungen gegen in Russland ansässige Unternehmen.

Der am Montag wegen seiner scharfen Kritik am Putin-Kurs gefeuerte Wirtschaftsberater des Präsidenten, Andrej Illarionow, spricht von einem „Klima der Angst“, das sich unter Unternehmern verbreitet habe, wer als nächstes nach dem Ölbaron Michail Chodorkowskij in die Fänge der heimischen Justiz geraten könne. Präsident Putin sei bei „der Reinstallation einer Staatswirtschaft, was eine gewaltige verpasste Chance für das Land“ sei. Nur der Fondsmanager Bill Browder von Hermitage Capital in Moskau bleibt vollkommen unberührt: „Jeder liebt China, aber Aktien und Firmen sind da teuer und in Russland billig.“

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